Unzeitgeistige Eleganz – Joel Alme

Musikalische Präferenzen verraten viel über den eigenen Charakter. Rüpel und angehende Knastbewohner arschlochen gut zu protzigem Rap, Unterschichtengemüter bevorzugen Kitsch & Glamour mit plakativen wie flachen Emotionen, aufmüpfige Nerds vergehen in angesagter Indie-Attitüde. Unterkühlte Intellektuelle schließlich lauschen einer Joanna Newsom, wohl deshalb, weil ihre Stimme den perfekten Kulminationspunkt für die Unerträglichkeit des Seins bedeutet. Obwohl ich mich im Bezug auf Musik als geschmacklichen Tausendsassa erachte, kann ich mein Faible für einen warmen, zeitlos eleganten Singer-Songwriter-Sound schwerlich verhehlen. Welches Selbstbild mir dieser Umstand wohl aufdrängt, das würde die gebotene Kürze sprengen. Diese ausholende Einleitung soll vielmehr akzentuieren, warum ich das Album Waiting For The Bells schlichtweg lieben und seinem Schöpfer Joel Alme mit nachgerade überbordender Bewunderung begegnen muss. Allein aufgrund meiner Vorliebe weitet sich das Herz beim Erlauschen der Platte, mag sich das Hirn den Genuss nicht durch ein Differenzieren und Schattieren vergällen. Etwaige Schwachpunkte mit dem Fanatismus eines Erbsenzählers unter dem Musikmikroskop zu suchen, das verbietet sich daher.

Photo Credit: Anna Ledin

Ich will gar nicht lange um den den heißen Brei schwafeln, der Schwede Alme beschert ein Kompendium an Sixities-Melodien, prächtig arrangiert, für immer in Schönheit gegossen. Derart mit Haut und Haar retroesque, dass man das Entstehungsdatum nie und nimmer im Jetzt verorten möchte. Waiting For The Bells mutet wie ein zu höchster Würde gereifter Klassiker an, erhaben und wonnig in den Harmonien, ein manches Mal an Dylan erinnernder Gesang – ohne dessen Knarz zu imitieren. So zitationsreich Lied für Lied tönt, so eigenständig gerät die musikalische Interpretation einer Epoche auf eine gute halbe Stunde. Fein justiert Alme den Schmelz in seiner Stimme, gibt nicht nur, aber eben auch den Crooner. Bezaubernde, am Sentiment pinselnde Streicher sowie tun ihr Übriges, um jeden Makel von dieser Platte fernzuhalten.

Schon die ersten 30 Sekunden von When Old Love Keeps You Waiting benetzen den Gaumen, dass sämtliche Speichelflüsse nur so lossprudeln. Was früher das Zeug zum schmachtenden Gassenhauer gehabt hätte, steht heute voll nostalgischer Grazie allein auf weiter Flur. Das apodiktische No Class samt seiner wohltönenden Verdammung „There is no heart left that seems to miss you/ There is no loving eye on you“ oder auch No Luck To Give trotzen den atemberaubend orchestrierten Klängen eingängige Bitterkeit oder in letzterem Falle ein Ringen um ein Happy End ab. Mit dem von Geigen durchwirkten You Remember The Good Times But The Good Times Don’t Remember You präsentiert Alme seine gesangliche Dylan-Hommage, welche die Konturen des Werks weiter schärft. Ihm sind die Meister der Sechziger allesamt vertraut, doch kopiert er sie nicht, sondern teilt mit ihnen die Fähigkeit, gediegen-eingängige Melodien aus dem Ärmel zu schütteln, die sich einfach nicht abnützen und mehr als nur auf einen netten Refrain aufbieten. Er bastelt das Album mit dem nötigen Bombast, spart Rock und Revolte aus, versteift sich auf die ewig aktuellen Themen Liebe, Schmerz und Verlangen. On This Night Of Loving Arms verkörpert einmal mehr all die Grandezza einer Ära, deren ausladende Formen in ein perfekt geschneidertes Korsett gefügt wurden.

Dass vorliegende CD erst mit einem Jahr Verspätung einen deutschen Veröffentlichtungstermin verpasst bekommt, darf man mit ärgerlichem Kopfschütteln  bewerten. Nahezu jedwedes Schnickschnackalbum wird heutzutage sogleich in aller Herren Länder vertrieben, dieses Juwel freilich nicht. Alter Schwede, entfleucht es mir, was für einen wohlklingenden Geniestreich hat Joel Alme hier fabriziert. Waiting For The Bells wird Ende 2011 unzweifelhaft in den Top 3 meiner Jahresbestenliste zu finden sein.  Mit diesem Sound, der das Gestern ins Heute holt, dabei nichts verklärt oder überfrachtet, mit solch Attitüde hat sich Alme dauerhaft in meine Ohren gepflanzt. Was nun verrät meine Schwäche für dies Album? Unzeitgeistige Eleganz – schwappt sie mir nicht auch durch sämtliche Glieder?

Waiting For The Bells ist am 21.01. auf Razzia Records erschienen.

Tracklisting:

1. When Old Love Keeps You Waiting
2. You Will Only Get It Once
3. The Spell Of Brothers
4. If You Got Somebody Waiting
5. The Way We Used To Beg
6. No Class
7. No Luck To Give
8. Waiting For The Bells
9. On This Night Of Loving Arms
10. You Remember The Good Times But The Good Times Don’t Remember You
11. Spanish Moss

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SomeVapourTrails

8 Gedanken zu „Unzeitgeistige Eleganz – Joel Alme

  1. Unfassbar, dass sowas fast immer untergeht. Mich hat ja schon der „Erfolg“ von She & Him gewundert, die auch nicht so recht zu heutigen Hörgewohnheiten passen wollen.

  2. Und was bin ich wenn ich mich nicht wirklich entscheiden kann was ich bevorzuge, jedoch mit einer relativen häufigkeit 80s Rock höre?
    @Joel Alme
    Zweifelos gut, aber irgendwie nichts für die fahrt zur arbeit oder der Schallkulisse für einen ausgedehnten Mittagsschlaf 😉

  3. Habe meine leisen Zweifel. Die Dylan-Obsession geht mir hier einen Tick zu weit. Ist mir eine Wenigkeit zu dick aufgetragen. Versuche seit Tagen, mit dem Album warm zu werden – bislang bleibt das Herz noch kalt.

  4. Dein kaltes Herz ist nicht so tragisch, meines ist derart entflammt – das reicht dicke für zwei. Obwohl, könnten solch Streicher nicht sogar Zement erweichen und die Polarkappen zum Tauen bringen? Solch Eleganz, die nie den Kitsch sucht und sich dennoch nie der Kraft der Emotion verweigert, solch Finesse würde ich mir viel öfter auf CD gepresst wünschen.

    SVT

  5. Entflammte Herzen sind was Schönes. Höre gerade nochmal wohlwollender in Herrn Alme hinein. Vielleicht lässt sich ja noch was machen….

    Ansonsten brennt mein Herz sehr für einen anderen Schweden: Timo Räisänen. & das Herz schmerzt gleichzeitig, weil er diese Woche auf Deutschland-Tour ist und einen meilenweiten Bogen um das Rhein-Main-Gebiet schlägt. Am Samstag ist er in Berlin, ich kann Euch den jungen Troubadour nur wärmstens empfehlen. Auf dem Reeperbahnfestival 2010 war das gesamte Publikum binnen Minuten verliebt. 😉

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