Der Fall der kleinen Feder – Spokes

Wäre ich eine Feder, die sich an einem aufkeimenden Frühlingstag in selbstmörderischer Absicht aus dem Gefieder einer Brieftaube stürzt, während jene die Post des über beide Ohren verliebten Züchters zur Herzensdame trägt, die just in jenem Moment ein derart heißes Seitensprüngchen wagt, dass das Bett nur so wackelt, wäre ich also eine herabgleitende Feder, welche sich in luftigen Verwirbelung wiegt, mal sacht, mal harsch gen Erde tingelt, dann wären die Spokes meine erste Wahl zum Zwecke einer ordentlichen musikalischen Untermalung. So als kleine, auf sich gestellte Feder sollte man nie fantastischen Ansprüche äußern, eher schon dankbar sein, dass sich kein Hollywood-Komponist vom Schlage eines Hans Zimmer auf den Fall stürzt und die Dramatik des Sinkflugs mit 08/15-Geklimper unterlegt. Nee, da ist das Album Everyone I Ever Met doch passender. Solide, nahezu grandios, mit beschwingten Momenten und Augenblicken, die eine sanfte, sonnige Brise durchweht.

Als kleine Feder hat man noch Träume, aber keine Illusionen mehr. Dass die Angebetete des Züchters nur einen auf  Turteltäubchen machte, dazu bedurfte es gar keiner Schuppen, die von den Augen rieseln hätten mögen. Auch über das Ziel meiner großen Reise bin ich mir im Klaren. Meine Wenigkeit wird es nie zur schmucken Kopfbedeckung bringen. Umso mehr Gewicht erhält der Akt meines Niedergangs. Da will man kein überdimensioniertes Meisterwerk als begleitenden Soundtrack, das würde von der Schaukelei in HD lediglich ablenken. Und irgendein überzuckerter Disney-Kitsch kann mir gleich vollends gestohlen bleiben. Deshalb lobe ich mir die Spokes. Wo Manchester am Etikett prangt, ist eben praktisch immer Manchester drinnen. Dieser Stadt scheint jedweder musikalische Mumpitz fremd. Wohl darum habe ich meine berufliche Perspektive lange dort gesehen. In jener Stadt, wo aus den Federn großer Songwriter viele Hits gequollen sind. Auch Songwriter brauchen Nachschub, wenn sie im Suff mal wieder Federkiele knicken. Da hätte meine Stunde geschlagen. Schade, meine Taube flatterte immer nur durch deutsche Gefilde. Einer bis auf wenige Oasen äußerst kummervollen kompositorischen Sahelzone…

Finde weitere Künstler wie Spokes bei Myspace Musik
Finde weitere Künstler wie Spokes bei Myspace Musik

Die Spokes scheinen mir Naturfreunde zu sein. Meine Vermutung basiert vor allem auf dem Titel When I Was A Daisy, When I Was A Tree. Die hier vorherrschende getragen aufblühende Schwerelosigkeit versüßt den Sinkflug perfekt. Warm zwitschernde Gitarren und säuselnde Streicher locken sirenenhaft, Piano und Gesang machen auch nichts verkehrt. Derartiger Pop mit Shoegaze-Elementen lässt mich keinen Aufprall fürchten. Gut, in einem Misthaufen müsste meine Existenz nicht enden. Natürlich sorgen Songs wie Torn Up In Praise für gute Laune, liefern das nötige Temperament, um mich zu der einen oder anderen Pirouette zu animieren. Ich bescheinige den Spokes das Können auf einen Höhepunkt zuzusteuern, Lieder mit Intros zu würzen, die vorglühen und Stimmungen schmieden, nicht mit der Tür ins Haus fallen und selbiges auch nicht binnen 3 Minütchen mit jeder Menge Krawumm zum Einsturz bringen. Fluffige Choräle,  wie man sie besser noch selten gehört hat, beeindrucken. Everyone I Ever Met, der Titeltrack, tschilpt post-rockig erhaben – und ist dabei doch wieselflink auf den Beinen. Obzwar Give It Up To The Night selbst mir kleinen Feder irgendwie vertraut vorkommt, in ähnlicher Manier bereits das eine oder andere Mal zu Ohren gedrungen ist, will ich diese Nachahmung auf hohem Niveau durchaus goutieren.

Während der Züchter vor Sehnsucht vergeht, dessen Liebste fleischlichen Ablenkungen frönt, die olle Taube weiter dumpf gurrend über die Landschaft flattert, bin ich mit mir und meinem Schicksal im Reinen. Wind und Wetter sind mir wohl gesonnen an diesem heiteren, frisch luftigen Tag. Dazu noch ne feine Scheibe im Gepäck, da fällt es sich gleich angenehmer. Der Sound der Spokes scharwenzelt mir durchs Gemüt, streichlerisch zart, bittersüß hymnisch. Frühlingshaft, von durch Wolkenhaufen tänzelnde Sonnenstrahlen beseelt. Eine flauschige Aufbruchsstimmung bauscht sich in mir auf. Wenn ich mit dem Kiel voraus in einem Tintenfass landete, ich würde eigenhändig einen Briefumschlag adressieren, mich hineinverfrachten und der nächste Böe Richtung Postamt harren. Mein Bestimmungsort: Manchester. Jene Stadt, die reinste Musik zelebriert.

Everyone I Ever Met ist am 21.01.11 via Counter Records vom Himmel gefallen.

Link:

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Der Fall der kleinen Feder – Spokes

  1. ich bin immer wieder begeistert ob der ausufernden bildlichkeit eurer sprache. plattenkritiken sollten nicht nüchtern, sachlich und wissenschaftlich anhand verschiedener musikalischer kriterien abgearbeitet werden. ich habe mich beim hören einer platte zwar noch nie in die position der feder einer brieftaube versetzt, aber die vorstellung gefällt mir sehr.

    nach der lektüre dieses artikels fühle ich mich nicht bestätigt, indem was ich über euch auf indiestreber.de über eure sprachliche intelligenz schrieb (http://www.indiestreber.de/2011/02/die-indiestreber-ehren-die-klassenbesten-teil-5-thomas-jahresruckblick-2010/), sondern bin auch kurz davor, innerhalb der nächsten tage in den plattenladen meines vertrauens zu pilgern und mir das album der spokes zu besorgen.

    by the way: was sind deine / eure lieblingsbands und -platten aus manchester?

  2. Richard Ashcroft – eigentlich alles, ganz besonders: „Words just get in the way“
    Doves: „Kingdom of Rust“ aber nicht nur, ungerechter Weise in Deutschland recht unbekannt.
    Oasis : Sowieso
    Joy Division: Einfach legendär und das zurecht. Mit New Order oder Bad Lieutenant kann man uns aber nicht hinterm Ofen vor locken.

    Christoph will noch The Smith erwähnt haben. The Verve wurden nicht extra genannt, da das eh nur Herr Ashcroft und die anderen Bandmitglieder sind.
    Ich muss noch zugeben, dass ich die ersten 3 Alben von Robbie Williams toll fand, allerdings kommt der nicht direkt, sondern nur aus dem Großraum Manchester.

    DifferentStars

    Noch ein Isider-Tipp: So Shush http://www.myspace.com/soshush

  3. nicht zu vernachlässigen sind meiner meinung nach the courteeners (die mit ihrem zweiten album „falcon“ im letzten jahr die ganz große pathos-keule auspackten) und das trio i am kloot mit ihren songs über „drinking and desaster“ („gods and monsters“ ist da mein favorit).

    ansonsten stehen natürlich auch bei mir oasis, joy division und die smiths ganz weit oben!

    mit den doves werde ich mich wohl noch einmal eingängig beschäftigen müssen ;0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.