Indie-Rock-Sound ist kein Billy-Regal – The Tall Ships

Ein paar Schrauben und Nägel, dazu noch Holzbretter und ein Töpfchen Farbe. Aus wenig spektakulären Einzelteilen lässt sich ein prima Regal zimmern. Dazu muss man keineswegs der cleverste Tischler auf Gottes weiter Erde sein. Exakt nach diesem Verfahren funktioniert auch gute Indie-Musik. Mit einfachen Zutaten entsteht mit viel Liebe und ein wenig handwerklichem Geschick etwas, das die Ohren küsst. Da braucht es all das Brimborium nicht, kein aufwändiges, mehr Schein als Sein repräsentierendes Design. Während der Mainstream oft auf Ecken und Kanten verzichtet, keine Angriffsfläche bietet, einfach nur schick sein möchte, wackelt so ein Indie-Teil schon mal, sind vielleicht nicht alle Nägel perfekt im Holz versenkt. Aber dies Indie-Dingsbums lässt sich fein befüllen, hält auch Belastungsproben stand, weil es mit Herzblut und Muskelkraft bewerkstelligt wurde, nicht gleich einem Kartenhaus funktioniert, das oft bereits durch einen schiefen Blick in sich zusammenfällt. Indie bietet ein stabiles Ganzes, welches ohne Signalfarben und Kurven seinen Zweck erfüllt. Wenn ich mir die Platte On Tariffs and Discovery der amerikanischen Band The Tall Ships so ansehe, bin ich durchaus geneigt, der Formation Maßarbeit zu attestieren.

On Tariffs and Discovery zählt zu der Sorte Alben, die wie aus einem Guss gefertigt scheinen. Es wurde nie geschlampt, stets die Wasserwaage bemüht, das stimmige Ganze immer im Hinterkopf behalten. Dieser Indie-Rock-Sound ist kein altbekanntes Billy-Regal, kein linkisch nach Gebrauchsanleitung so hastig wie lieblos montiertes Etwas, das manch Möchtegernmusiker gerne als Indie verkauft. Wir haben es hier mit einem massiven, robusten Regal zu tun. The Tall Ships erfinden nichts neu, stellen das Regal nicht auf den Kopf, schrauben und hämmern, sägen und pinseln gerade so lange, bis alles eine distinktive Form annimmt. Und da man auch bei Bücherschränken nicht jeden Zwischenboden voll Verzückung betrachtet, sollte man vorliegende Platte nicht nach den einzelnen Songs bemessen. Das gesamte Album ist der Blickfang, in das man seine Stimmungen und Lebenslagen einsortiert – und wiederfindet.

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Die Herren Steve Kuhn (Gitarre, Gesang), Kyle Conwell (Bass, Gesang) und Keith Andrew (Drums) bieten keinen alles überragenden Song auf. Das kann man als Delle im Konstrukt werten, aber der Makel fällt meiner Meinung nach nicht ins Gewicht. Denn Songs wie Call Confessions oder D for Dogs schwingen sich zu ungeahnter Größe auf – mit jedem Hördurchlauf verlieren sie  die Zurückhaltung, entfalten sich immer mehr. Beiden gemein ist der schmirgelige gesangliche Vortrag, der die fein fokussierten, nur anfangs unscheinbar wirkenden Instrumentalpassagen gut ergänzt. All New Lows hat das beste Rüstzeug, um beim Hörer sofort zu punkten. Lebendig, abwechslungsreich, eine Spur weniger subtil als der Großteil des ein bisschen tagträumerischen Albums, welches sich vom üblichen Indie-Rock von der Stange allein schon dadurch unterscheidet, dass hier vorsichtig ziseliert wird, wo sonst der Hobel kräftig Späne streut. Der Math-Rock von Newborn Window ist so quietschfidel, wie man es sich nur wünschen kann, und hintergründig genug, um Mal für Mal erneut in ein Schwelgen zu verfallen.

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The Tall Ships verzichten auf Firlefanz und zeigen, was mit Gitarre, Bass und Schlagzeug alles möglich scheint. Um wieder meinen Regalvergleich zu bemühen: Sie benötigen keine exotischen Hölzer, um etwas Bleibendes zu zimmern. Zimmern kein Gebilde, die den Gesetzen der Schwerkraft trotzen möchten. Mit Know-how und Imagination ertüfteln die Herrschaften eine gediegene Platte, die nie protzt und gerade deshalb so absolut vorzeigbar gerät. Wir brauchen weniger Dutzendware, keinerlei Popanz. Solch wahren, naturbelassenen Indie-Attitüde hingegen würde ich mir öfter wünschen, speziell auf diesem handwerklich hohen Niveau.

On Tariffs and Discovery ist am 07.02.11 auf Minority Records erschienen.

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SomeVapourTrails

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