Kuddelmuddeligkeit ohne i-Tüpfelchen – Aucan

Ich schätze es durchaus, wenn eine Band meinen Intellekt ansprechen möchte. Ich sympathisiere mit Leuten, die all ihr Hirnschmalz nicht in schale Emotionen und aalglatte Gefühlsbekundung investieren, nur um auf die große Schar der in Oberflächlichkeit geübten Tralala-Hörer abzuzielen. Wer Kreativität ernsthaft auslebt und dabei nicht mit der Anspruchspeitsche auf die Zielgruppe eindrischt, darf mich oftmals als Verbündeten betrachten. Sogar wenn ich das Werk nach dem i-Tüpfelchen durchforste, dem funkensprühenden Highlight, das die ambitionierte Verwirklichung krönt. Die den Namen ihrer Mitglieder nach in Italien zu verortende Formation Aucan hat mit Black Rainbow wahrlich keine schlechte Platte veröffentlicht. Die stilistische Kunterbuntigkeit ist bis auf wenige Ausnahmen fein gesponnen, allein das gewisse Etwas fehlt.

Photo Credit: Giordano Garosio

Das gewisse Etwas strotzt vor Unschärfe und Subjektivität. Als imaginäre Größe ist es ein mächtiges Totschlaginstrument. Doch als solches will ich es hier nicht verstanden wissen. Denn Aucan demonstrieren ihr Können in vielerlei Gestalt. Ich will den Herrschaften das fehlende i-Tüpfelchen keineswegs zum Stolperstein werden lassen. Dazu sind die Electronica-Tracks viel zu clever gemacht, ein Trip-Hop-Titel wie Blurred schlichtweg zu einnehmend und die Industrial-Elemente im Song Away! einfach zu markig. Black Rainbow brodelt heftig – und kocht doch eben leider nicht über. Red Minoga jedoch erinnert im besten Sinne an Aphex Twin, Storm ist eine Walze von einem Track, bulldozert im Schneckentempo konsequent vorwärts. In diesen Momenten umarme ich das Album, erfreue mich an den Ideen der Macher. Die jedoch auch vor Übertreibung nicht gefeit sind. Das mit Geschrei unterlegte, martialische Sound Pressure Level zählt zu den Kummernummern der Platte. Das orientalisch angehauchte Underwater Music trudelt ebenfalls vor sich hin, mal Fisch, mal Fleisch, aber insgesamt undefinierbar. Wenn In A Land esoterischen Ambient bemüht, ermattet man ob der gewollten Vielfalt. Der Titeltrack Black Rainbow freilich zählt wiederum zu den atmosphärisch düsteren Vorzeigeliedern eines Albums, das experimentiert – auch auf die Gefahr hin, dass manch Versuchsanordnung nach hinten los geht.

Mir imponiert dieser Kuddelmuddel, den Aucan mit Black Rainbow der Öffentlichkeit präsentiert. Über weite Strecken ist er konsistent ertüftelt, auf hohem Niveau beeindruckend. Fast ringt mein Hirn die Ohren nieder, will das Denken dem Hören ein nebulöses gewisses Etwas eintrichtern. Auch wenn ich es nicht näher zu spezifizieren vermag, zum großen Wurf mangelt es an Kleinigkeiten. Bis zum nächsten Album Aucans kann ich diese Diagnose dann vielleicht noch verfeinern.

Black Rainbow ist am 07.02.11 auf Africantape erschienen.

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Ein Gedanke zu „Kuddelmuddeligkeit ohne i-Tüpfelchen – Aucan

  1. Ich sehe das recht ähnlich, die Platte wartet auch bei mir noch auf Besprechung (auf dem Can-Do-Stapel). Was mich hingegen von den Socken gehauen hat, ist das Album von Heraclit. WAs für ein Irrsinn!

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