Nicht immer im Schmuddel des Pop-Rock-Durchschnitts – Timo Räisänen

Die werte Kollegin Eva-Maria vom lesenswerten Polarblog hielt dieser Tage meiner ungestümen Lobrede auf Joel Alme einen weiteren schwedischen Singer-Songwriter entgegen, Timo Räisänen nämlich. Tatsächlich gehen deren Parallelen über die Herkunft hinaus, veröffentlichten beide ihre jüngsten Werke auf Razzia Records, teilen das Faible für gestrigen Pop – ohne dabei gängige Retro-Trends zu bedienen. Doch während Alme sein Album tatsächlich in den Anfängen der sechziger Jahre verortet, durchstöbert Räisänen den musikalischen Bestand mehrerer Jahrzehnte, meist ohne nennenswertes Resultat. Manche der Lieder gemahnen an Song Contest-Tracks vergangener Zeiten, denen der heutige Trash-Faktor fehlte und die als As im Ärmel eine flotte, aber belanglose Melodie aufzubieten vermochten. The Anatomy of Timo Räisänen dringt selten tief, kratzt überwiegend an der Oberfläche, kramt vornehmlich Abgedroschenes hervor.

Photo Credit: Frans Fagerlund

Ehe meine Kritik nun die Eingeweide des werten Singer-Songwriters seziert, will ich mir Wohlwollen auf die Fahne heften. Zumindest drei Songs verraten das Potential Räisänens und verdeutlichen, dass die Erfolge in seiner Heimat nicht auf schiere Geschmacksbefreitheit schwedischer Musikfans zurückzuführen sind. Manch Lied der vorliegenden Platte jedoch offeriert allerfeinste schwelgerische Plattheit, die spätestens im Refrain selbst Mainstream-Gemütern sauer aufstoßen muss. Hollow Heart fällt in diese Kategorie. Diese Art von Harmonien hat man schon ungezählte Male serviert bekommen, der Zahn der Zeit hat an den letzten goutierbaren Resten genagt, nun wirkt das alles abgelutscht. Spätestens die Zeile „So leave, but save the innuendos.“ weckt meine Aversion. Innuendo zählt zu der Sorte von Wörtern, die man nur einer Formation wie Queen verzeiht.  In jedem anderen Kontext wirkt das Wort gestelzt, die Lyrics unter kräftiger Mithilfe eines Wörterbuchs zusammengepuzzlet. Sobald bei It’s Not New der Kehrreim „My love, though we’re not young/ I still feel like a seed born under the sun.“ losgeschmettert wird, sehe ich Räisänen im knallroten Zweireiher, bis in die Haarspitzen geschniegelt auf der Bühne des Eurovision Song Contests flanierend. Viel kantenbefreiter kann dieser samt und sonders auf die Hookline zugeschnittene Pop-Rock nicht mehr sein. Outcast wiederum vermittelt einen Hauch von Coldplay, wenngleich die Melodie ein wenig zu sehr mit Wohlfühl-Charakter ausgestattet scheint. Auch in dem Falle scheitert Räisänen, allerdings zugegeben auf höherem Niveau. One Day mit schlicht nervendem Gesang präsentiert ein rhythmisches Nichts Marke Einheitsbrei. Solch Tracks hatten vor ein paar Jahren ihre Blütezeit und zumeist hat sich die Gnade des Vergessens bereits über jene Lieder gebreitet. Ob der Fülle mäßiger Tracks möchte man fast schon das Handtuch werfen. Wäre da nicht der virtuose Opener Cocaine, der lediglich Gesang und Piano aufbietet. Diese reduzierte Ballade fährt satte Emotion auf. Wer möchte angesichts der Worte „I’ve got cocaine in my brain and it feels just fine. Almost the same, that’s the aim, as when I’m with you.“ nicht auf einen leise verlangenden Trip mitgenommen werden. Irgendwann zur Halbzeit der Platte erkämpft sich Bleeding Anerkennung. Ein komplexer Midtempo-Popsong, der speziell wegen des Refrains den Achtzigern gut zu Gesicht gestanden wäre. Auch das finale Lied We’re All Gonna Die setzt in seiner Folk-Pop-Manier ein Highlight. Als Prophet der Endzeit entfaltet Räisänen eine seltene, unaufgeregte Wahrhaftigkeit.

In der Gesamtschau versagt die Platte, wird die Fülle von Defiziten The Anatomy of Timo Räisänen zum Verhängnis, versinkt nahezu alles im Schmuddel des Pop-Rock-Durchschnitts. Wie er so den Kehrreim von Without You trällert, könnte er als Verschnitt eines wankenden Shakin‘ Stevens gelten. Letztlich sind drei sehr gute Titel eine allzu magere Ausbeute. So sehr ich dem Urteil von Nordische Musik in der Regel vertraue, kann ich im konkreten Fall die dort postulierten Qualitäten Herrn Räisänens nicht nachvollziehen. Zumindest das aktuelle Album geizt mit gehaltvollen Liedern. Die Finesse eines Joel Alme blitzt bei Räisänen selten auf. Abschreiben würde ich ihn dennoch nicht.

The Anatomy of Timo Räisänen ist am 24.09.10 auf Razzia Records erschienen.

Konzerttermine:

09.02.11 Münster – Amp
10.02.11 Hamburg – Molotow
11.02.11 Berlin – Rosi’s (Karrera Klub)
12.02.11 Dresden – Ostpol

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Nicht immer im Schmuddel des Pop-Rock-Durchschnitts – Timo Räisänen

  1. lustig – etwas Ähnliches hab ich mir heute auch gedacht, als ich zum ersten Mal ein Lied von Räisänen gehört habe.
    Ich hatte heute meinen „neue Musik – Entdecker Tag“ und mir alles Mögliche von verschiedensten Blogs etc. empfehlen lassen. Von Räisänen hatte ich vorher schon häufiger gehört und der war mir dann auch wieder eingefallen und dann hab ich eben mal geschaut was es so von ihm gibt.
    Ich bin auf andere Lieder gestoßen, die mich nicht ganz so abschreckten, wie Hollow Heart es mich jetzt gerade tut. Empfand die zwei oder drei Lieder, die ich dann hörte aber auch nur als Durchschnittspop, den man sich zwar anhören kann, der aber auf keinen Fall außergewöhnlich ist.
    Schade eigentlich, wegen der Vorschusslorbeeren hatte ich mehr erwartet.

  2. Vielen Dank erstmal für das kollegiale Lob, das ich übrigens gerne zurückgebe. 🙂

    Schön, dass Du dem Timo noch einige positive Seiten abringen kannst. Nicht abschreiben, den Mann! & ich hoffe, dass doch noch ein paar Leute auf seine Konzerte kommen in dieser Woche. Er ist live nämlich sehr gut. 😉

    Vielleicht stimmt Dich „Fear No Darkness, Promised Child“ von einem früheren Album noch ein bisschen um.

  3. So viel Einigkeit bezüglich eines Albums herrscht selten. Zumindest war der Grundtenor aller Rezensionen, die ich bisher über Timo Räisänen gelesen habe, gleich.

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