Rappin‘ Bout a Revolution – Gedanken zum Aufstand in Ägypten

Dieser Tage wird Facebook, Twitter und Konsorten eine geradezu mystische Kraft zugeschrieben. Der ägyptische Aufstand scheint von der Generation Facebook getragen. Mit leuchtenden Augen berichten westliche Medien darüber, denn wer sich über Social Communities organisiert, der atmet den Geist der subversiven Einflüsse. Das Verharren in einem Steinzeitislamismus wirkt soviel mühseliger, wenn die Errungenschaften moderner Zivilisation nur ein Lol entfernt sind. Eben deshalb schwärmt die Presse von dieser Revolution. Eine Jugend, die ihr Geschnatter über Facebook kanalisiert, gerät nach dem Geschmack der hiesigen Medien. Dem ungezügelten Freiheitsdrang wird applaudiert. Jeder ägyptische Blogger mit eingewachsenem Zehennagel wird als Folteropfer des greisen Regimes präsentiert. All die Politiker und Journalisten, die Mubarak noch vor Wochen als Stabilitätsgaranten respektierten, feiern nun das Gespenst der Freiheit, das derzeit am Tahrir-Platz herumgeistert.

Wie schnell die Wahrnehmung doch kippt. Die Bilder des letztjährigen Ägypten-Urlaubs werden zum Solidaritätstrip umgedeutet, jeder gutmenschelnde Reisende will plötzlich mit seinen Devisen der Bevölkerung einen Dienst erwiesen haben. Im Gepäck auch ein Menschenrechte anmahnendes Transparent, welches es leider nicht bis auf die Pyramiden geschafft hat. Wir alle dürsten mittlerweile danach, Teil der ägyptischen Jugendbewegung zu sein. Richten unseren Blick auf Fernsehbilder eines Platzes, deren Aussagekraft darin besteht, dass sie nichts außer schierer Masse zeigen. Solch ein diffuser Menschauflauf lässt sich wunderbar mit Deutungen füllen. Und die Generation Facebook erwächst so zum Pars pro toto, auf das wir unsere Ängste und Hoffnungen projizieren.

Kann folglich ein Rap-Song US-arabischer Musiker den ägyptischen Aufstand mitbefördern? Das Internet penetrieren, dank Twitter, Facebook und YouTube die Massen innerhalb und außerhalb Ägyptens erreichen? Der von Amir Sulaiman, Omar Offendum, The Narcicyst, Freeway, Ayah und Sami Matar dargebotene Song #Jan25 will den Soundtrack zum Aufstand liefern. Mit Zeilen wie „I heard them say The Revolution won’t be televised/ Al Jazeera proved them wrong, Twitter has them paralyzed.“ wir die Macht der Bilder und des Internets beschworen. Der Ruf nach Freiheit erschallt. Ein Ruf, dem in der westlichen Welt de facto jedermann zustimmen kann. Eine Forderung, der sich nur Menschen mit despotischen Ambitionen verschließen werden. Doch wie alles, was breite Schichten bewegt und aufregt, scheint das klar formulierte Ziel an den Tücken der Details zu scheitern. Sowohl im Westen als auch in der arabischen Welt wird der Wandel hin zur Demokratie akklamiert, die sofortige Abdankung Mubaraks gefordert. Doch so einfach wie die Losungen präsentieren sich die Lösungen nie.

Ich würde mich gern der Vorstellung hingeben, dass eine Jugend auf der Höhe der Zeit den Sieg davonträgt. Ich möchte glauben, dass Musik einen Beitrag dazu leisten vermag, dass legitime Sehnsüchte prägnant auf den Punkt gebracht werden. Ich halte #Jan25 die Daumen. Ich will den vielen Spielarten der Kunst keinesfalls unpolitische Haltungen vorwerfen. Doch trägt ihr oftmals akademischer Zugang nur selten zu einer kollektiven Bewusstseinsschärfung bei. Im musikalischen Bereich wird gerne vom Grauen des Krieges und von Revolutionen geträllert, Freiheit und Frieden gefordert. Doch geschieht dies meist völlig naiv und weichgespült. Oder aber die Message ist dermaßen brachial formuliert, weshalb sie ohnehin nur von einer militanten Zielgruppe gehört und geschätzt wird.

Lassen wir uns nicht von Facebook oder Rap-Songs als Fantasmen des Westens blenden. Wer Demokratie nie am eigenen Leib erlebt hat, mag nicht viel mehr als ein pures Verlangen in die Waagschale werfen. Und so wird das Schicksal Ägyptens wohl nicht auf dem Tahrir-Platz entschieden, wie uns vielleicht die Fernsehbilder glauben machen. Es wird von der Bereitschaft westlicher Regierungen abhängen. Wenn sie weiter nur Lippenbekenntnisse aufbieten, gleich Otto Normalbürger einfach nur die Daumen drücken, solange wird Ägypten mit Märtyrern gesegnet werden. Das Know-how der Etablierung rechtsstaatlicher Strukturen muss aktiv verbreitet und die herrschende Klasse ohne Zögern geächtet werden. Wer dem greisen Regime nur mit mahnendem Zeigefinger winkt, hilft nicht wirklich. So bleiben Demokratie und Freiheit lediglich nette Worte auf Transparenten und Facebook, in Zeitungen, Tweets oder beispielsweise Rap-Songs.

Links:

Produzent Sami Matar auf Facebook

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Rappin‘ Bout a Revolution – Gedanken zum Aufstand in Ägypten

  1. Ich finde es so schlimm, dass genau die Personen, die noch vor ein paar Wochen Facebook & Co am liebsten abschaffen wollten, jetzt auf einmal ihren neuen Heilsbringer in diesen Medien sehen. Unfassbar.

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