(Sc)h(m)erzensangelegenheiten – Rebekka Karijord

Abschiede, Sehnsüchte, Liebeswirrungen – sie sind die Butter auf dem täglich Brot des Songwriters. Obwohl wir Menschen uns ins Herzensangelegenheiten gerne zum Affen machen, Blicke des Begehrens im Laufe der Zeit Grimassen der Enttäuschung weichen, Rinnsale an Tränen zu heulenden Flüssen anschwellen, die Stirn ob des Grübelns durchfurchter gerät, sind wir Masochisten genug, auch in der Musik Freude und Qual der Liebe allzu gerne mitzufühlen. Wir dürsten regelrecht danach, unsere eigenen Emotionen durch das Hören von Liedern bestätigt  – und sogar – konterkariert zu wissen. So wie ein in aller Öffentlichkeit küssendes Paar die Botschaft des persönlichen Glücks herausposaunt, den Beobachtern dabei – je nach deren Befindlichkeit – Wallungen oder Fausthiebe in die Magengrube beschert, derart trägt auch der Singer-Songwriter die private Gemütslage auf der Zunge. Dampft all die Regungen und Segnungen der Liebe auf Lieder ein, umhüllt die eigenen Emotionen mit dem Mäntelchen der Kunst, das sich bei näherer Betrachtung jedoch immer durchsichtig erweist. Das Album The Noble Art of Letting Go der in Stockholm lebenden Norwegerin Rebekka Karijord legt das Augenmerk auf allerlei (Sc)h(m)erzensangelegenheiten.

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Wie tief lässt man den Hörer in das eigene Sentiment blicken? Versucht man die trotz Negligés der Vertonung vorhandene Blöße zu kaschieren? Je gefühlsechter die Texte geraten, desto schwieriger gerät das Unterfangen. Während sich viele Singer-Songwriter in Watte hüllen, verzichtet Karijord darauf. Die skandinavischen Kühle ihres Vortrags schafft die nötige Distanz, verhindert die Peinlichkeiten einer Nabelschau, stößt freilich niemals ab. Der Song Undo Love mit den Zeilen „You tattooed her face/ On your left arm to keep her close/ A proof to the whole world/ That she once was yours“ drückt auf formidable Weise die Verbitterung einer Beziehung aus, das Bedauern über all die verschwendete Liebe, die zu geben man bereit war. Diese Desillusionierung imponiert durch edle Aufmachung. Eine Ballade, die kein gefühlsduseliges Dahinschmelzen kennt, sondern mit einem apodiktisch bekräftigenden Refrain aufwartet. Wenn die Sängerin bei Wear It Like A Crown ihre Einsamkeit und Daseinsängste bekämpft, fühlt man sich eben nicht auf mit simpel gestrickter Aufmunterung konfrontiert, blickt vielmehr in Abgründe der eigenen Existenz, welche einer Überwindung harren. Karijords reduzierte, vielfach nüchterne Darbietung verbietet sich Trivialitäten, schabt am Kern der Emotionen, konstatiert selbige ohne sie unnötig aufzubauschen. Piano und Streicher begleiten und akzentuieren den Prozess mit großer Ernsthaftigkeit und fernab jedweder Übertreibung. Diese lautere Zugang überbrückt die Distanz, lässt im Hörer Wärme keimen, lädt zum Überkommen vergangener Schmerzen ein. Dergestalt keimt Hoffnung auf, wenn sie bei PaperboyI know that she abandoned you back then/ The girl who was your lover and your friend/ Your secret does not scare me a bit you see/ I once defeated that same sorrow inside me“ intoniert. Die nicht geringe Traurigkeit des Werks weicht auch glücklichen Momenten, in denen Liebe fassbar wird und splitterfasernackte Zärtlichkeit zum Vorschein kommt (To Be Loved By You) oder sogar verspielte Lebenslust durchsickert (Parking Lot).

Rebekka Karijord durchschluchzt kein Tal der Tränen, verträllert sich nie vor Verlangen, gewinnt durch ihre ungekünstelte Attitüde das Herz des Hörers. Die Platte mundet mit einem gerüttelt Maß an Lebens- und Beziehungserfahrung noch feiner. The Noble Art of Letting Go ist eine vorbildlich umgesetzte, auch musikalisch spannende Erforschung der Bewegtheit des Herzens. Mit diesem Album verschafft sich Karijord einen Platz in der vordersten Reihe der gegenwärtig wahrlich nicht rar gesäten skandinavischen Liedermacherinnen. Dass die schlichtweg großartige Ane Brun bei Morning Light Forgives The Night gastiert, ist alles andere als ein Versehen, eher schon der finale Qualitätsbeweis.

The Noble Art of Letting Go ist am 18.02.11 mit über einjähriger Verspätung nun auch in hiesigen Gefilden auf Lill Facit Records erschienen.

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