Sex smells – Cäthe

Man braucht kein olfaktorisch Überbegabter zu sein, um den Braten zu riechen. Das Aroma von Sex kribbelt schlichtweg allzu penetrant in der Nase. Übertüncht sublimere Düfte. Was mir die Singer-Songwriterin Cäthe hier in Form der EP Señorita auftischt, wäre eigentlich lobende Anerkennung wert. Doch das schmuddelige Video zum Lied Señorita paart den Charme heruntergekommener Mietshäuser mit körperlichen Verrenkungen, die man gemeinhin eher in einem Tabledance-Schuppen verorten würde. Mit solch kruder Hinterzimmererotik mag man zwar optische Aufmerksamkeit generieren, der Musik wurde damit jedoch kein Gefallen getan. Es  wirkt beinahe töricht, mit aufreizend roten Strümpfen und trägerlosem BH übermäßig auf Sex-Appeal  zu setzten und somit von der Musik abzulenken.

Cäthe – Senorita from Caethe Sieland on Vimeo.

Gerade zu Beginn einer möglichen Karriere bereits die Karten auszureizen, das As im Ärmel zu zücken, solch Verhalten erscheint lediglich dann sinnvoll, wenn man ahnt, dass die Lieder von Kritik und Publikum als zu leicht befunden werden. Wer sich jedoch ernsthaftem, dennoch ungeheuer vitalem Pop verschreibt, sollte die Maxime Sex sells nur in homöopathischen Dosen anwenden. Im Grunde genommen könnte man über die Lieder der vorliegenden EP ohnehin genügend positive Worte verlieren. Señorita mit herrlich krawalligen Beats, schön kontrastiert von superb zärtlichen Gesangspassagen, wuselt gegen Ende ungemein dynamisch wie dicht, nahezu desperat. Wahre Liebe kokettiert zwar augenscheinlich mit dem Image der Rockröhre, aber Cäthes Vortrag versprüht in der Tat viel Verve. Speziell das textlich starke Ding vermag mich zu beeindrucken, ein Lied für die große Bühne und für ausladende Gesten gemacht. Zuletzt bringt die Ballade Blätter eine sinnierende Cäthe zum Vorschein, eine grüblerisch ernste Songwriterin eben, der man ein Liebäugeln mit übertriebenem Körpereinsatz nicht abkaufen will.

Die 20 Minuten der EP Señorita entpuppen sich als pure Kurzweil, unterhalten mit inbrünstig dargebotener Direktheit, bestechen mit sattem Sound, bieten clevere Lyrics, die jedoch für den Vorstoß in Mainstream-Gefilde zu pfiffig anmuten. Ob sich dieser Spagat zwischen Anspruch und Pop-Attitüde auch auf Albumlänge ausdehnen lässt, darüber wird das in Kürze erscheinende Debüt Auskunft geben. Ich jedenfalls traue es Cäthe zu. Wenn bis dahin die exaltierten optischen Marotten über Bord geworfen werden, könnte Cäthe das deutsche Indie-Herz zum Schmelzen bringen. Sollte die Reise gen Chartstauglichkeit gehen, muss die Erotik eine Spur weniger verstörend dargereicht und die Texte um ein launiges Dideldum & Dideldei ergänzt werden. Man darf gespannt sein.

Señorita EP ist am 28.01. auf DEAG Music erschienen.

Link:

Cäthe auf Facebook

SomeVapourTrails

12 Gedanken zu „Sex smells – Cäthe

  1. Ich finde nach wie vor die erotische Darstellung im Video (Regie: Kim Frank von Echt) und auf dem Cover nicht sonderlich schlimm oder gar ablenkend (im Video sogar wenig erotisch). Text und Bild passen doch perfekt zusammen. Mich erinnert ihre Bildsprache eher an Cover und Inszenierung von Bryan Ferry und Roxy Music, in der Erotik immer vorhanden, die Musik aber dennoch hochwertig war. Die Frage ist doch eher, warum sollte sie sich nicht so zeigen. Weil Songwriter das nicht machen? Wäre natürlich ein guter Punkt, aber andererseits: Warum auch nicht? Ich sehe schon, mein selbstgewählter Studienschwerpunkt hat mich zusehends verroht 🙂 Team Tabubruch! 😉

  2. „Das Aroma von Sex kribbelt schlichtweg allzu penetrant in der Nase“ trifft es sehr gut. Etwas zu viel Sex für den 1. Aufschlag. Auf das Album bin jedoch auch gespannt.

  3. Viel Mühe vom Verfasser !! Ich höre Cäthe von morgens bis abends, mache einfach mal die Augen zu. Diese Stimme hängt im Kopf und ich finde es großartig ,endlich hat etwas einen Wiedererkennungwert . Ob du oder Fritzchen Meier anderer Meinung sind ,wen juckt es ? Freue mich auf Mai ! L.G. frl.jedermann

  4. …is toll.
    freu mich schon, wenn mal nAlbum da is.
    das video macht ohne gaaanz viel hirnverrenkung tatsächlich nicht viel sinn. oder macht es überhaupt?
    aber fiona apple hat auch mal so angefangen. rem: http://www.youtube.com/watch?v=FFOzayDpWoI (auch wenn text u bild hier ein bißchen besser zusammenpassen zu scheinen)
    hat ihrer musik nicht geschadet…

    grüße!

  5. Wenn Cäthe in BH und roten Strümpfen durchs Video tanzen will, dann macht sie das, weil sie Cäthe ist und gar nichts muss. Und wenn man ihr das glaubt, dann ist es sehr befreiend ihr dabei zuzusehen, denn sie macht Musik mit ihrem Körper, der ohne Zweifel dabei ihr Körper bleibt.
    Und es ist umso rückwärtsgewandter, sich hinzustellen und zu sagen, aber sexy darf man als Frau erst sein, wenn man schon ernstgenommen wurde.
    Noch so eine Gebrauchsanweisung, wie Frauen sich verhalten, was sie anziehen, wie sie sich bewegen dürfen, wer braucht das denn?
    Wir können machen was wir wollen, Rock’n Roll, Mädels, es gibt keine Regeln, außer: Wie müssen Gar Nichts.
    Danke, Cäthe!

  6. Muß mich da mal anschließen !! Männer sehen überall nur sexuelle Anmachen und fühlen sich wo möglich noch dumm angemacht.Von Sachen die mann nicht versteht sollte man nicht schreiben.wer kann musikalisch Cäthe schon das Wassser reichen , unantastbar !!

  7. Ich glaube, dass mir jede Ehefrau/Freundin hinsichtlich des monierten Anmachpotentials zustimmen würde, wenn ihr Partner von einem weiblichen Wesen mit roten Strümpfen bestrickt wird. Jetzt so zu tun, als wäre das Herumturnen in BH und Strümpfen ein Emanzipationsritus, das erscheint mir sehr albern. Und musikalisch hat Cäthe durchaus Talent, aber das lässt sich allein in Berlin über Hunderte Musiker und Sängerinnen sagen.

  8. …die Musik wirkt frisch und gut kombiniert (Rock/Pop/..n Hauch NIN…?!). Der Gesang und die Stimme sehr gut… @Kritiker: Das ist doch kein Sex. Für heutige Verhältnisse ist das maximal charmant. Bissu Neokonservativ? Laß doch die Künstler frei Ihre Gefühle darstellen und Sie selber wählen, was zu dem Song paßt. Teufel und Himmel…Abgefuckt und liebreizend…ich fand die Ausdrucksformen gut gewählt!

  9. ich finds Oberklasse, Cäthe hat ÜBERHAUPT kein Schmuddelniveau, weder im Clip noch Live (gestern Waldsee Freiburg), sie ist oft auch recht bieder gekleidet. Aber Leute was solls: die Stimme überzeugt, und wann hatten wir das letzte Mal eine so super Krawallkanone die wirklich singen kann??? Teufel und Himmel, so ist das Leben und wer hat das noch nicht bemerkt? MfG 😉

  10. Cäthes Stimme überzeugt in der Tat, trotzdem kann auch ich mit dem Video zu Senorita wenig anfangen, das wirkt mir zu aufgesetzt und in der Tat eher schmuddelig als erotisch – und ganz sicher nicht charmant, sondern billig.

    Dass viele Männer gerade auf eine billige bis nu**ige Aufmachung abfahren ist kein Geheimnis, sollte aber keine Künstlerin, die ernst genommen werden möchte, dazu bringen, sich auf dieses Niveau zu begeben.

    Fazit: Tolle Stimme, von der hoffentlich noch viel zu hören sein wird – aber bitte keine Holzhammer-Erotik mehr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.