Eine Wiese, zwölf Grashüpfer – Sin Fang

Ein gutes Album ähnelt dem Mikrokosmos einer Wiese. Bunt sprießen Ideen wie Gräser und Blumen hervor, bahnen sich Instrumente gleich Käfern und Würmern ihren Weg durch das Dickicht der Noten. Im Idealfall vermag eine Platte schillernd aufzublühen und den Betrachter in lange andauerndes Staunen zu bannen. Dies gelingt weniger durch eine einzelne, in voller Blüte stehende Blume inmitten dürrer Flora, eher schon faszinieren eine Vielzahl verschiedener Gewächse und allerlei Insekten, die sie bestäuben, an ihren Blättern knabbern oder in ihnen Netze spinnen. Das Werk Summer Echoes gewährt Einblicke in ein lebendiges Panoptikum, in welchem zwölf Songs wie Grashüpfer durch ein mild sommerlich sirrendes, ab und an unbeschwert tänzelndes Idyll hopsen. Der als Sin Fang agierende Sindri Már Sigfússon, seines Zeichens Gründer der isländischen Formation Seabear, hangelt sich durch eine bestens choreographierte Szenerie der Leichtigkeit mit melancholischen Tupfern.

Besonders weite Sprünge macht der vor Einfällen regelrecht triefende Mittelteil der Platte. Was mit Rituals beginnt und in Two Boys mündet, ist ein begnadet ausstaffiertes Songwriting, das gleich Tautropfen über die Wiese perlt. Irgendwo zwischen Folk-Rock und Indie-Pop, liebevoll dargebotenen elektronischen Spielereien und Rhythmen, die Einflüsse von Weltmusik verraten,  liegt der Fluchtpunkt, der den Betrachter in den Bann zieht, dem muntren Treiben eine Struktur verleiht. Bereits Rituals scharwenzelt durch den Pflanzenwald, schnuppert schwelgerisch an einer sonnenbeseelten Ringelblume, nicht ohne davor Pirouetten zu drehen und danach im Lendenschurz von dannen zu stapfen. Sing From Dream gönnt sich einen Beat, so aufdringlich als würde ein Grashüpfer mit Goldkettchen aufmarschieren, um dann mit tagträumerischerem Blick durch das Gestrüpp zu säuseln. Nineteen macht die Wiese zur klanglich angekifften Kommune, in welcher fiepende Mistkäfer, engelsgleiche Libellenflügelschläge kreuchen und fleuchen. Lo-Fi echot aus allen Winkeln, der Widerhall bricht sich an den Blättern, die längst schon die Beine in die Hand genommen haben und darauf los schunkeln. Choir führt dies Treiben weiter aus, malt das Fleckchen Gras zur kunterbuntigen Bühne aus, wo anfänglich erhabene Schwelgereien vom Gewimmel ins Groteske verzerrt werden. Wie aus dem Nichts taumelt Two Boys in die Dämmerung, schenkt zwei heilige Minuten balladesker Entrückung, in der sich alle ehrfürchtig in den Armen liegen und der Erlösung harren. Ein Heer von Glühwürmchen wogt im sanfte Wind, beleuchtet die Andacht.

Sin Fang – Because Of The Blood from Máni M. Sigfússon on Vimeo.

Sin Fang – Summer Echoes (2011) from Máni M. Sigfússon on Vimeo.

Sin Fang: Always Everything by morrmusic

Sing Fang koloriert Summer Echoes stimmungsvoll, schräg und wunderbar detailliert. Man mag sich daran nicht satt hören. Es gleicht einer Pusteblume, deren verblasene Samen im goldenen Licht des Sommers durch die Luft flattern. Ein Schauspiel, dem man Mal für Mal begeistert nach starrt. Von dem man sich nicht leichtfertig abwendet. Etwas, das als dauerhafte Erinnerung nachschwingt.

Summer Echoes ist am 04.03.11 auf Morr Music erschienen.

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SomeVapourTrails

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