Im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit – Bosse

Der Alltagssprachlichkeit ein wenig Poesie heraus kitzelnd, so versucht das Gros der deutschen Liedermacher und Bands zu agieren. Nur wenigen gelingt die Gegenbewegung, die Lyrik des Lebens in schlichten Worten zu binden. Bosse verharrt mit dem neuen Album Wartesaal im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit, die unter der eigenen Bedeutungsschwere ächzen. Einige Texte strahlen ungelenke Gedanken aus, wie Lieschen Müller sie auch nicht unbeholfener formulieren könnte. Wenn man die Qualität von Musik danach beurteilt, in welchem Maß sie den persönlichen Kosmos des Grübelns und Fühlens ausdehnt, schrammt Axel Bosse vereinzelt trotz Ambition an Plattheit kaum vorbei. Schade, meine ich, denn mancherorts tritt die Qualität seiner Schreibe deutlich hervor, ehe konventioneller deutscher Pop die Oberhand behält.

Das Kultivieren von Konventionen betrachte ich durchaus als zulässig, allein im vorliegenden Falle will mir dies als Triebfeder für Wartesaal nicht recht einleuchten. Mit dem Titellied Wartesaal beginnt das Album eigentlich überaus vielversprechend, schildert das altbekannte Warten auf ein besseres, schöneres Leben anschaulich und ohne Selbstmitleidsquark. Allerdings offenbart bereits die Single Weit weg das Dilemma der gesamten Platte. Bosse packt Indie-Rock-Attitüde in die Radiotauglichkeit von Ich + Ich. Heraus schält sich eine naive, weltflüchtige Nummer ohne Überzeugungskraft. Dem wirren, im Refrain allzu schmissig intendierten Metropole haften ebenso einige Makel an. Viel besser schon tönt das kräftige Die Nacht. Mit Zeilen wie „Deine Schatten sind an den Fassaden und peitschender Regen soll die Straßen fegen, auf denen wir mal getanzt und geliebt haben.“ wird ein handfestes Bild rau und ohne Schnörkel melancholisch visualisiert, was man sich öfter wünschen würde. Denn in den bestechenderen Passagen der Platte ähnelt Axel Bosse einem Jan Plewka, versteht sich auf kluges und dynamisches Songwriting. Zuweilen jedoch wird es mit der Cleverness übertrieben, die smart-vertrackte Textlichkeit von Du federst wandelt an der Grenze zu nervigem, allzu fröhlichem Nonsens. Irgendwo zwischen mäßigen Tracks ragt dann aber auch mal ein großartiges Roboterbeine hervor. „Der Tag ist ein Katapult, er zerschießt die Träume.“ sind Worte, die sich in das Gedächtnis einmassieren. Mit der sehnsüchtigen Ballade Nächster Sommer kratzt Bosse nochmals die Kurve, verdrängt die nichtssagende Pfiffigkeit von Frankfurt Oder, lässt einmal mehr eine Klasse aufblitzen.

Wartesaal will Bosse den absoluten Durchbruch bescheren. Gerade deshalb wird musikalische Gefälligkeit groß geschrieben. Den Texten merkt man an, dass Bosse mit viel Ehrgeiz zu Werke geht, sich freilich darin verzettelt oder banal-poetische Worthülsen deklamiert. Eine Handvoll Lieder können das Unglück abwenden, denjenigen Hörer mit dem Album versöhnen, der nicht gleich Lieschen Müller kleine Gedanken turmhoch aufbauscht. Unkonventionell konventionell zu tönen, solch Auftreten steht Bosse nicht gut zu Gesicht. Darüber täuschen auch einzelne starke Songs nicht hinweg.

Wartesaal ist am 25.02.11 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

24.03.11 Leipzig – Moritzbastei
25.03.11 Nürnberg – Hirsch
26.03.11 Kaiserslautern – Kammgarn
29.03.11 München – 59:1
30.03.11 Stuttgart – Röhre
31.03.11 Frankfurt/Main – Batschkapp
01.04.11 Erfurt – HsD
02.04.11 Dresden – Beatpol
06.04.11 Köln – Luxor
07.04.11 Bochum – Zeche
08.04.11 Osnabrück – Kleine Freiheit
09.04.11 Hamburg – Große Freiheit 36
13.04.11 Göttingen – Musa
14.04.11 Braunschweig – Meier Music Hall
15.04.11 Bremen – Schlachthof
16.04.11 Berlin – Postbahnhof
17.04.11 Berlin – Postbahnhof

Link:

Offizielle Webseite

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