Traurige Harlekine – Erland & The Carnival

Mit schnöder Regelmäßigkeit beeindrucken neue, unverbrauchte Bands von der Insel. Kaum hat sich etwa The Strange Death of Liberal England endgültig einen prominenten Platz im heimeligen Hinterstübchen meines Gedächtnisses gesichert, kommt auch schon Erland & The Carnival um die Ecke und begehrt dies ebenso. Nun ist meine Gastfreundschaft durchaus ausgeprägt, sofern die Band gewisse Mindestanforderungen erfüllt. Natürlich tun sie das. In der Tat paart das Album Nightingale Momente des Spektakels mit Zurückhaltung, tönt mal markanter, mal subtiler sophisticated, agiert irgendwo zwischen psychedelischem Britpop und skurrilem Folktronica. Dieser Platte sitzt ein surrealer Schalk im Nacken, sie wirkt viel hintergründiger als die bubihafte Chose vieler anderer Acts.

Doch werfen wir einen wohldosierten Blick auf eine Handvoll Tracks, klamüsern wir die Sache  auf die Schnelle auseinander. So Tired In The Morning betätigt sich als Opener wie aus dem Bilderbuch. Eine Einstiegsdroge der opulenten Sorte, der integre Ohrwurm für feingeistige Gemüter. Was für eine spritzig-verquollene, aus dem Pyjama geschüttelte Hookline! Der fantasiegeladene Galopp durch einen Geisterwald peitscht Emmeline vorwärts, ein Ritt durch eine albträumerische Szenerie, die im Verlauf des Albums immer wieder auftaucht. I’m Not Really Here darf als durchaus programmatische Ansage verstanden werden, entkommt die Band um Sänger Erland Cooper doch über den Umweg durch retroeske Gefilde in ein Zauberland der schmerzhaften Erinnerung. Wie sich das Lied Nightingale soundgewittrig aufschwingt und entfleucht, lässt das Herz vor Weltflucht welken. Das balladesk-liebliche East & West vermag den Hörer auf Anhieb zu entzücken, während ein in zwei Hälften zerbrochenes Wealldie als echtes Kleinod erst ausgiebiger begutachtet werden will. The Trees They Grow So High begibt sich abermals auf unwirkliches Terrain, Soundeffekte hallen durch das Dickicht, immer wieder von Groteske karikiert.

Erland & The Carnival – Map of an Englishman from erlandandthecarnival on Vimeo.

Erland & The Carnival – ‚Nightingale‘ Album Teaser from erlandandthecarnival on Vimeo.

Erland & The Carnival geben sich einen surrealistischen Anstrich, geizen nicht mit Experimenten, verkopfen jedoch nie ihr Werk auf akademisches Niveau. Sie wahren fraglos Distanz, schleimen nie herum oder ein, sind traurige Harlekine, deren buntes musikalisches Gefieder manch Düsterheit nur oberflächlich kaschiert. Das anspruchsvolle Werk Nightingale gehört zu den großen Kalibern der Gegenwart, obwohl es vom Gestus der Nuancen lebt, brachiale Anbiederung vermeidet, vielmehr vom Hörer sorgsam ergründet werden möchte. Exzentrischere und zugleich stilsicherere Newcomer werden aus Großbritannien dieses Jahr kaum mehr mehr zu erwarten sein. Ich komme nicht umhin, eine uneingeschränkte Empfehlung auszusprechen.

Nightingale erscheint am 11.03.11 auf Full Time Hobby.

Konzerttermine:

27.04.11 Köln – Blue Shell
28.04.11 Hamburg – Prinzenbar
29.04.11 Berlin – Privatclub
30.04.11 Dresden – Beatpol
02.05.11 Frankfurt – Das Bett
03.05.11 Zürich (CH) – Exil
04.05.11 Freiburg (CH) – Fri-Son
05.05.11 Basel (CH) – Parterre
06.05.11 Schorndorf – Manufaktur
07.05.11 Ebensee (A) – Kino Ebense

Links:

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