Wenn die Metzger keine armen Würstchen sind – xrFARFLIGHT

Wäre es doch so einfach, wie der schnelle Gang in den Supermarkt, wo man dem drohenden Heißhunger mittels einer Bockwurst von der Wursttheke Abhilfe schaffen kann. Wurstfachverkäuferinnen müssen unendlich beschäftigt sein, denn oftmals sieht die Wurst ein wenig vertrocknet aus. Gerade so, als hätte die Vielbeschäftigte keine Zeit zur Hege und Pflege der ihr anvertrauten Genüsse gehabt. Vielleicht chamäleonisieren sich die versammelten Würste auch nur mit dem Aussehen ihrer Aufpasserinnen, eine Solidarisierung nahe am Stockholm-Syndrom. Ab und an erspähe ich auch eine junge, pausbäckige Blondine hinter der gläsernen Vitrine, immer dann mutet auch jedwedes Würstchen schön und zart an. Doch ich schweife ab. Wäre es doch so einfach, das Bedürfnis nach guter Musik dadurch zu stillen, dass man dem Händler des Vertrauens ein 100 Gramm sonniger Emotionen entgegen schlendert. Selbige auch flugs erhält, unvergammelt, schlichtweg frisch. Während mein Gaumen lukullischen Experimenten gänzlich unaufgeschlossen gegegenüber steht, verbeiße ich mich beim Konsum von Musik in nahezu alles, leider mitunter sogar Unverdauliches. Leckere Wurst ist leichter zu erstehen, die Sinne kitzelnde Klänge viel schwerer. So wie man bei manch Diskontern abgepackte, geschmacklich im 08/15-Bereich angesiedelte Ware erhält, derart sollte man auch musikalischer Massenware abschwören. Die Hamburger xrFARFLIGHT freilich schlachten noch selbst, das hört man und schmeckt man. Das Album under the spell of the cyclops‘ view! ist ein echtes Pfund, welches man sich auf der Zunge zergehen lassen darf.

 

xrFARFLIGHT metzgern nicht etwa nur Hausmannskost, einige der servierten Lieder haben durchaus eine spezielle Note, den nötigen Pfiff. Das klingt mal fein geräuchert nach den goldenen Sixties, in eine psychedelische Pelle gepackt oder aber schlicht abgespeckt, mit Klampfe und Gesang im Vordergrund. Diese Fleischer sind wahrlich keine armen Würstchen, sie haben ihre Messer ordentlich gewetzt. Vorliegende Schlachtplatte bietet mit spacecramp eine fette Portion Rock für den deftigen Genuss ohne Reue. Ebenso lecker, die dampfende (Herz-)Blutwurst sun/moon sowie satellite, ein abwechslungsreich schräger, ungesülzter Synthie-Traum in Aspik. Oder das jazzige Appetithäppchen bluebottle, welches das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Keine Gaumenfreude ähnelt der anderen, da wird kräftig experimentiert, das Gewürzregal geplündert. Natürlich überlagern sich ab und an die Ingredienzien, riecht man den Braten zu intensiv. Bei manchem (zum Beispiel ditchwater) könnte man durchaus mehr Pfeffer beimengen, anderes (producing dust) erinnert an eine Currywurst, wie man sie kennt und vielleicht schon einmal zu oft verspeist hat. Aber solange Lieder wie drip („in this barcode is all that i am/ it just makes sense if someone takes you for a scan/ i’m formed by the tin i’m in & wasting time„) aus der Dose ausbüxen und den Gourmet erfreuen, solange will man um keinen Preis zum Vegetarier mutieren. Und auch wenn man a fat, ill-tempered baby durchaus auf die Schlachtbank führen möchte, so füttert gegen Ende des Mahl walkin‘ the snowman die Erinnerung daran, wie lecker die Wurst doch einst war, als Muttern noch täglich beim Fleischer vorstellig wurde, der Geschmacksverstärker nicht einmal vom Hörensagen kannte. Dies Album bringt allerlei nostalgische Aromaschwaden in die Nasenlöcher, schmeckt natürlich, aber eben auch nach spezieller Würze.

xrFARFLIGHT haben mit under the spell of the cyclops‘ view! ein Platte kredenzt, die Gusto macht und nicht nach wenigen Bissen zur Seite geschoben wird. Sie ist Frischfleisch für diejenigen Gehörgänge, die sich einfach nicht an Fast-Food-Fraß gewöhnen wollen. Die Scheibe liefert einige gute Gründe, warum man industriell gefertigter Dutzendware entsagen sollte. Ein Kilo wonnige, sonnenfädenreiche Emotionen kann derart leicht verdaulich tönen, da sollte ein jeder auf den guten Geschmack kommen.

under the spell of the cyclops‘ view! wurde am 04.03.11 geschlachtet.

Verköstigungstermine:

05.03.11 Kassel – Haus
06.03.11 Göttingen – Pools
08.03.11 Magdeburg – Riff
09.03.11 Leipzig – DetektorFM Radioconcert
10.03.11 Chur (CH) – Werkstatt
11.03.11 Künten (CH) – Atelier
14.03.11 Zürich (CH) – Boschbar
16.03.11 Trier – Café Lübke Sounds
17.03.11 Düsseldorf – Brause
18.03.11 Aachen – Raststätte
19.03.11 Freudenberg – Festival
20.03.11 Hamburg – Astra-Stube
21.04.11 Hamburg – Silber
06.05.11 Oldenburg – Polyester
07.05.11 Bremen – Kurzschluss
01.06.11 Darmstadt – Frischzelle
04.06.11 Erfurt – Franz Mehlhose

Links:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download der EP producing dust auf Bandcamp

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Wenn die Metzger keine armen Würstchen sind – xrFARFLIGHT

  1. Treffenderweise wird das Düsseldorfer Konzert in der „Brause“, der Heimstatt des „Metzgerei Schnitzel Kunstverein e.V.“ veranstaltet.

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