When The Music’s Over

In Zeiten wie diesen, in denen aus einem japanischen Atomkraftwerk peu à peu neue Hiobsbotschaften durchsickern, in den vermeintlich geschichtsträchtigen Tagen der arabischen Revolutionen, wenngleich die notwendige militärische Unterstützung durch den Westen hierzulande zum Kriegseinsatz umgedeutet wird, in der Krise der EU, wenn über marode Staaten wie Portugal wohl ein Rettungsschirm gespannt werden soll, der die betreffende Bevölkerung erst recht im Regen stehen lässt, in dieser gegenwärtigen Phase schreit alles geradezu nach Weltflucht. Besonders jetzt dürstet die Psyche nach Hygieneartikeln, die dem medialen Katastrophen-Stakkato ein gediegenes Bunga-Bunga entgegen stellen. Schlichtere Gemüter ergötzen sich an der freakshowishen Scripted Idiocy, am DSDS-Mumpitz oder an biederen Heile-Welt-Schmonzetten der deutschen Fernsehunterhaltung. Sauen sich selbst zu. Was aber kultiviert das innere Gleichgewicht des komplexer gestrickten Zeitgenossen, wäscht die Schrammen des Lebens aus? Etwa Musik?

Fraglos flutet Musik in wogenden Wonnen durch den Körper, spielt beherzt auf Gefühlsklaviaturen. Blendet den Alltag aus, färbt zumindest dessen Grau mit sanften Farben ein. Erträumt und fantasiert viel. Musik ist Opium für die Seele. Aber auch nicht mehr. Sie pulverisiert die Bedrohlichkeiten des Lebens immer nur für eine kurz bemessene Zeit und stupst den Hörer danach gnadenlos in die rauen Realitäten zurück. Musik ist geborgte Auszeit. Eine temporäre Zuflucht vor manchem Unbill, eine Verschnaufpause. Kein Segen ohne Tücke jedoch.

Dann nämlich wenn die Musik verklingt, scharen sich die Gedanken wieder im Kreis um die Vorgänge in der Welt, strudeln die Nachrichten auf uns ein. Lassen in Tagen wie diesen wenig Hoffnung zu. Wenn das kollektive Unbehagen auf den Einzelnen abfärbt, bedrängt und in die Enge treibt, dann nützt der persönliche Kampfeswille wenig, wirken die trotzig geballten Fäuste kümmerlich. Die Ohnmacht gegenüber gesellschaftlicher Dummheit steckt spürbar in allen Gliedern.

Es wäre ja nicht so, dass Musik nicht auch das Rüstzeug aufböte, gesellschaftliche Veränderungen substanziell zu begleiten. Als flankierendes Mantra der Veränderung hat sie seit der Hippie-Ära freilich ausgedient, sie durchfurcht die Schneise der Individualität. Viel zu oft wird mit der Liebe kokettiert, viel zu selten mit Solidarität und gestalterischer Mitverantwortung. Musik schönwettert, unterhält und tröstet, doch was leistet sie für die Gemeinschaft – außer manch Bierseligkeit?

Musik erzieht uns nicht zu besseren, mitfühlenderen Menschen. Sie lehrt uns wenig. Würden wir uns sonst wirklich alle brav und schafsdumm im Namen des Kapitalismus ausbeuten lassen? Würden wir sonst weiter für ein paar zusätzliche Funken Energie Hazard spielen? Würden wir nach wie vor unsere Liebe abstreifen wie schmutzige Unterwäsche und im Kleiderschrank des Alltags nach neuer wühlen? Würden wir uns andernfalls weltlichen und religiösen Despoten beugen?

Musik erwischt uns nahezu alle irgendwie und irgendwann. Den Dummen, die Intelligentsia, den Nüchternen, die Träumer. Sie lullt ein, aber löst die Schlingen des Daseins nicht. Schade.

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „When The Music’s Over

  1. „Notwendige militärische Unterstützung“ statt „Krieg“ ist ein Euphemismus von Orwellschen Qualitäten, aber typisch für die Mentalität in diesen Tagen bei den Notebook-Kriegern (kann einem ja nix passieren im Lehnstuhl) in der Bloggeria und Twitteria.

  2. Man kann natürlich auch aus dem Lehnstuhl zusehen, wenn ein Diktator das eigene Volk niedermetzelt. Frei nach dem Motto: Wir würden gerne helfen, aber wir sind ja Pazifisten. Hurra!

  3. Wenn ich auch generall gegen Krieg bin, so ist der Einsatz in Libyen gerechtfertigt. Ich habe es nie verstanden, wie der Exterrorist Gaddafi so einen guten Ruf haben kann. Lässt Flugzeuge und Discos sprengen und keinen interessierts mehr.

    Wie dem auch sei: Ich hatte schon daran gedacht, mal Ultravox‘ Dancing With Tears In My Eyes zu verlinken, aber das wäre zu krass im Moment.

  4. Musik? Nicht mehr als Mittel zum Zweck. Im Kampf gegen die eigenen Dämonen ein moderates Mittel, Balsam für die Seele und Schokoladeersatz. Und euren verstrahlten Lesern aus der Abteilung „Friede, Freude, Eierkuchen“ rufe ich hinterher: Es gibt gerechte Kriege. Dort darf das Blut fliessen, auch reichlich. Und die Strahlungsscheisse in Japan macht Angst. Lügen, Lügen und wir wissen nichts.

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