Wow? Mau! – Missincat

Wäre das soeben erschienene Album der in Berlin lebenden Singer-Songwriterin Missincat ein Kleidungsstück, es hätte den Hauch von Nichts, den man allgemein einem Negligé zuschreibt. Nun kann ein Spitzennachthemd allerlei Reizvolles enthüllen, dass einem ein Wow von den Lippen zaubert. Oder aber den Blick auf allzu Vertrautes freigeben, an dem man sich lange schon satt gesehen hat. Die neue Platte der hinter dem Namen Missincat werkenden Italienierin Catarina Barbieri möchte Wow tituliert werden, tatsächlich mutet das Werk eher mau an. Es will zur Entspannung verführen, ein wenig tagträumerisch daherflöten – und doch obsiegt am Ende am Ende die Langeweile, mehr noch: der Schlaf.

Photo Credit: Zoe Vincenti

Ein Tirilieren hier, ein Lalala da, dies sorgt für allerlei Lieblichkeit. Und die niedliche Stimme behübscht die Chose ungemein, aber eigentlich mangelt es dem Album oft an substantiellem Songwriting. Da zählt die Plattitüdensammlung namens The House By The River noch zum Besten, das Missincat im Köcher hat. Denn selbstverständlich hält die Liebe „in good times and bad times“ bis hin zu „‚till the end of time„, zumindest jedoch „for one hundred million years„. Und solange ein Versprechen wie „I’ll make of all your wishes come real true“ besteht, kann die Glückseligkeit nie mehr als ein Küsschen entfernt sein. Die Treuherzigkeit des Vortrags und ein kräftig im Vordergrund agierendes Schlagzeug geben dem Lied eine spezielle Note, machen es zu einem seltenen Lichtblick. Mehrheitlich nämlich wirken die Songs allzu harmlos, sind viel zu easy, um nachhaltig Eindruck zu erwecken. Wide Open Wings ist dermaßen auf süß getrimmt, dass man vor lauter Wohlfühl-Romantik samt schnell fortgeblasenem Wölkchen am Horizont einen veritablen Zuckerschock bekommt. Jedes mit Stirnfalte initiierte Gefühl wird zu einem Grinsen wie von einem Honigkuchenpferd. I Wish You Could Allow schürft sich tief hin zur Frage „Can I just stay naïve for one more day„, ehe alles Grübeln dann doch in zarte Kopulationswünsche übergeht. Man wird vom Eindruck übermannt, dass jedes Wort gleich einer frisch angehauchten Pusteblume davonweht, jeder Spaziergang über eine blühende Wiese wirkt schal im Vergleich zu diesem luftigen Idyll, welches auf Zehenspitzen schwebt und sich auf federleicht in die Wonnen der Verliebtheit purzeln lässt. Man muss wirklich kein Zyniker oder griesgrämiger Single sein, um sich an dem Liebreiz von Try Me oder No Sleep kräftig zu verschlucken. Die blauäugig aufgeräumte Weltsicht, die aus Problemen Problemchen macht und Kümmernisse mit einem Lalala begräbt (Distracted), diese Harmlosigkeit ebbt auch dann nicht ab, wenn Missincat mal über den Rand ihrer rosaroten Brille lugt. So klingen Worte wie „Cause I could not afford a heartache“ auf Dare To Dare programmatisch für eine Platte, auf der Barbieris Stimme meist sehr infantil tönt, zu der überbordenden Possierlichkeit beiträgt. Erst das finale Capita, als einziges Lied in italienischer Sprache, entwickelt endlich eine Verträumtheit, die man sehr goutiert.

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Dies Indie-Pop-Album mit Folk-Flair bleibt überwiegend harm- und reizlos, überraschungsarm. Es möchte als blumige Augenweide punkten und wirkt einfach nur bieder. Um nochmals den Vergleich mit einem Negligé zu bemühen: Wow ist schlicht und ergreifend zu durchsichtig, solcherart dünn gestrickt, dass es sich die Blöße gibt und wenig Substanz enthüllt. Missincat kann es besser, wie ihr Debüt Back On My Feet vor zwei Jahren bewies. Schade…

Wow ist am 04.03.11 auf R.D.S. erschienen.

Konzerttermin:

02.04.11 Berlin – HBC

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Wow? Mau! – Missincat

  1. Mmmh, vllt. sollte ich mal das letzte Album hören? Ich schätze gerade das süßliche an dem Album sehr. Perfekt, um sich nach quälender Freudschen Analysearbeit die Zeit zu vertreiben.

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