Die Kakophonie der Gentrifizierung

Besichtigen wir doch gemeinsam dies Haus, das sich in einem heruntergekommenen, alternative Ausscheidungen absondernden Berliner Kiez empor reckt. Es atmet bereits den Anstrich der Veränderung, ein caramelfarbener Fleck zwischen den benachbarten grau-schmutzigen Fassaden. Nicht nur deshalb haben schon die Späher der Gentrifizierungsameisen das Gebäude für sich entdeckt, wuseln in seinen Korridoren gegen die Alteingesessenen an. Im erdgeschösslichen Geschäft, wo noch vor wenigen Monaten der Salon Helga Dauerwelle um Dauerwelle kringelte und gewissenhaft mit viel Haarspray ummantelte, haust mittlerweile ein Coiffeur. Frau Helgas altes Radio samt altmodischer Schlager-Seligkeit hat nach Ewigkeiten ausgedient und wartet beim Trödler einige Häuser weiter auf einen neuen, in Retrokram verliebten Besitzer. Unterdessen schreitet das junge metrosexuell bis homosexuell auftretende Coiffeur-Team zur Begleitung edler Lounge-Klänge tänzenld ans Werk. Auf die Betulichkeit eines nach Berliner Schauze geführten Geschäfts folgt ein neuer, adretter Chic namens Scissorhands, wo die wartende Kundschaft an einem Cappucinchen nippt und zu flauer Electronica mit dem Köpfchen wippt, ehe es dem Haarschopf an den Kragen geht.

In der ebenfalls im Parterre befindlichen Wohnung lebt der alte Herr Pohalke, ein weit über achtzig Lenze zählender Griesgram, dessen Frau sich vor fünf Jahren zu sterben erdreistete. Nun kommt einmal täglich eine Pflegerin, um nach dem Rechten zu sehen, und mehrmals die Woche eine Putzfrau, die auch die Einkäufe erledigt. Längst hat die Zeit den Greis mehrfach überrundet. Sogar das Programm des ZDF überfordert ihn. Früher, ja früher überkamen ihn noch Passionen. Sammelte er noch Wimpel diverser Fußballvereine, klempnerte er sich durch die Arbeitswoche, um sonntags Platten mit Marschmusik aufzulegen. Die wenigen Musikkassetten, die er sich im Lauf der Zeit angeschafft hat, liegen nun unbeachtet neben einem antiquierten, zuletzt vor mehr als einem Jahr benutzten Abspielgerät. Die Platten sind schon eine gefühlte Ewigkeit im Schrank verstaut und werden wohl erst vom eifrigen Trödler wieder zutage gefördert werden.

Familie Korkmaz wohnt einen Stock darüber. Herr Korkmaz lamentiert besonders über die letzte Mietpreiserhöhung. Findige Eigentümer und smarte Hausverwaltungen harren schon längst auf willige Gentrifizierer, die mit der Sorgfalt eines Kammerjägers auch dem widerborstigsten Unterschichtsgesindel den Garaus machen. Nur die Beschwerden der neuen Elite finden Gehör, die schlecht isolierten Fenster im Korkmazschen Haushalt kümmern den Vermieter nicht. Die türkische Familie zählt zu den angepassten, kopftuchbefreiten Vertretern ihres Standes, bietet nicht viel, was als Projektionsfläche für Vorurteile dienen könnte. Lediglich der jüngste Sohn gibt den eitlen Checker und nervt mit lautem Rap und R ’n‘ B die Nachbarschaft.

In der mittleren Bude haust Koslowksi, der Pionier. Er kam vor 20 Jahren in den Kiez, damals grüßte man sich auf der Straße, weil man sich noch kannte. Ob aus der von Rauchschwaden durchwobenen Eckkneipe oder vom Einkauf im Getränkeladen. Koslowski war einer der ersten Störenfriede im Viertel. Die stets geschulterte Gitarre, das klobige, sich Brille schimpfende Kassengestell und ein Joint waren seine treuen Begleiter. Doch mittlerweile ist aus dem ewigen Studenten – später Sozialschmarotzer – ein von den Mühlen von Hartz IV getriebener Mittvierziger geworden, der auf seine alten Tage in einem Bioladen arbeitet. Er raucht nicht mehr, trinkt nicht mehr, schwört auf Öko, ist ein alternativer Spießer, der in lediglich in schwachen Momenten nach seiner zerfurchte Gitarre grapscht und die alten Lieder von einer besseren Welt intoniert.

Man glaubt es kaum, die dritte Wohnung dieser Etage steht leer. Seit der Vermieter das Zeitliche gesegnet hat, streiten sich die Erben. Interessenten gäbe es wohl viele, nicht zuletzt solche, die es zu schätzen wissen, dass die ehemals in Sichtweite befindliche Eckkneipe nun zu einem Bio-Café mit leckerem Kuchen – selbstverständlich vegan – mutiert ist.

Steigen wir die Stufen ins zweite Stockwerk hoch, wo zur Linken Miranda lebt, sofern man jene Existenz als Leben bezeichnen darf. Sie zählt zu den gestrauchelten Existenzen, denen irgendwann die Welt sperrangelweit offen stand. Doch dann jobbte sie neben dem Studium in einem der aus den Boden sprießenden Call-Center, die die Drecksarbeit der Kundenbetreuung verrichten. Per Outsourcing wird das Stiefkind namens Service abgeschoben und von Rabenmüttern und -vätern so teuer wie lustlos betreut. Miranda hat es in der Zwischenzeit zur Senior Managerin des Bereichs Inbound gebracht. Wohl auch deshalb, weil sie es schafft, die knallharten Vorgaben der Geschäftsleitung mit dem Mäntelchen des Ansporns an die Teamleiter und Agents weiterzuleiten. Aber trotz 60 Stunden Arbeit pro Woche weiß sie um freizeitliche Entspannung, Sie gönnt sich die Themenabende auf ARTE und hört viel südamerikanische Folklore. Vielleicht findet sich auch einmal ein Mann, mit dem sie einen Tanzkurs besuchen würde. Einmal einen ausdrucksstarken Tango aufs Parkett legen…

Als Claudia und Maren vor einem Jahr hier ihr Studentendomizil bezogen, waren sie sofort vom speziellen Flair überwältigt. Die Mischkulanz aus versifftem Ghetto, wo Sperrmüll einfach auf der Bordsteinkante entsorgt wird, der Blick allerorts über lausige Graffitis stolpert, und angesagt-schummrigen Bars, in denen kein abgewetzter Sessel dem andern gleicht und von der Wand hängende Oma-Tapeten Kindheitsreminiszenzen hervorrufen, oder kleinen Läden, in denen junge Designer den Underground stilsicher gewanden, all das gefiel den Mädchen. So durchlöcherten sie alsbald ihre bunten Strumpfhosen, um nur ja authentisch durch die Gassen zu laufen.An Wochenenden hängen die beiden Mädchen in Kellerclubs ab und sehen Indie-Kapellen beim Schrammeln zu. Auch in den eigenen vier Wänden läuft aufgeregter Post-Punk, schön kirre muss es eben sein.

Nicht zuletzt deshalb haben sie öfters Ärger mit ihren Nachbarn, dem Ehepaar Schmidt. Herr Schmidt neigt zur Unförmigkeit, die auch sein seit der Frührente angelegter Trainingsanzug nicht zu kaschieren vermag, während die lederhäutige Ehefrau sich auf ausgeprägte Rundungen beschränkt. Die Schmidts hören keine Musik, weil der Fernseher, genauer RTL, die Wohnung omnipräsent beherrscht. Musik besteht bestenfalls aus dem Fraß, den DSDS so serviert.

Im dritten Geschoss zieht Frau Dahlke ihren kleine Sohn Kasper groß. Seit er dem Tragetuch entwachsen ist, sind Treppen sein Feind. Wann immer er Mamas Armen entrinnt, purzelt er auch schon über und auf Stufen. Dann wird das Stiegenhaus von lautstarkem Geplärre erfüllt. In der am Ende der Straße gelegenen Kita Wichtelmännchen nennen ihn die Kindergärtnerin hinter vorgehaltener Hand Beule, weil der Zwerg die Ungeschicktheit in Person repräsentiert. Wenn Frau Dahlke nachmittags aus dem Büro heimwärts hetzt und Kasper von der Kita aufgabelt, schallen alsbald Rolf Zuckowskis Kinderlieder durch die Wohnung.

Norbi ist das, was in Berlin viele Menschen behaupten zu sein, Medienschaffender nämlich. Der feine Unterschied: Er verdient damit Geld. Nicht zu knapp. Norbi heißt eigentlich Norbert und hasst seine Eltern für diese Brandmarkung. Als Endzwanziger hätte er eigentlich dank der Gnade der späten Geburt einen soliden, vielleicht langweiligen Namen verdient, Thomas zum Beispiel. So allerdings ist sein Name die einzige Schramme im Auftreten. Denn der schief drapierter Hut, der gepflegte Backenbart, die hippe, in Schwarz gehaltene Klamottierung und ein unter den Arm geklemmtes MacBook als Gottseibeiuns der Verdrängten lassen Norbi glänzen. Auf seinem iPod läuft geheimtippiger Synthie- oder Electro-Pop beispielsweise von Hurts oder La Roux.

Die letzte Wohnung des Hauses wurde vor einem halben Jahr von einem jungakademisches Pärchen gemeutert. Was als Happy End erdacht, geriet zum Desaster. Mangels Aufträgen verlor Tobias seine Stelle in einem Architekturbüro – und durchläuft die Bewerbungsmühlen jetzt schon drei Monate lang. Sabine wiederum passierte ein gravierendes Missgeschick – in doppelter Hinsicht. Der Chef bekam noch während ihrer Probezeit im Verlag mit, dass sie soeben unbeabsichtigt schwanger geworden war. Da wird man ratzfatz gekündigt, fadenscheinig abserviert, steht vor den Scherben einer Zukunft, die vormals in rosaroter Herrlichkeit geleuchtet hatte. Arbeitslosigkeit bedeutet ein unbarmherziges Verheddern in den Fängen der Bürokratie. Nun muss das Paar wohl die Zelte hier abbrechen und in eine günstigere Bude umziehen. Man fraß und wird nun bei lebendigem Leib gefressen. Gentrifizierung, Baby! Vorbei die Zeiten als man abends gemeinsam selig den Fleet Foxes lauschte oder den Lebensentwurf in der Abgehobenheit eines Devendra Banhart verkörpert fand. Heute regiert in diesen Wänden der monotone Blues.

Der Rundgang ist hiermit beendet. Ich hoffe, die klangliche Vielfalt der Bewohner schrillt nicht zu sehr in den Ohren nach, schwillt nicht zur Kakophonie an. Ich wünschte ehrlich, ich könnte noch eine Pointe setzen, einen versöhnlichen Schlussakkord anbieten. Die Verdrängungsmechanismen der Gentrifizierung freilich verbieten das. Doch auch wenn die Migranten und das alteingesessene Proletariat demnächst die Flucht antreten und der alternative Mittelstand den Kiez erobert hat, wird sich die Welt trotzdem weiter drehen. Die Zeit heilt nicht nur alte Wunden, sie fügt früher oder später auch denen neue zu, die heute unbekümmert mit Joanna Newsom in den Kopfhörern durch die Straßen des Viertels schreiten. Das darf man als tröstliche Gewissheit ansehen.

 

SomeVapourTrails

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