Helden meiner Jugend – Attwenger

Es muss irgendwann 1991 oder 92 gewesen sein, als ich ein pickelübersätes Teenager-Dasein in den Armen von The Cure und Bruce Springsteen führte. Etwa zu dieser Zeit erweiterte der Schulfreund G. meinen musikalischen Horizont ungemein, indem er mir das Werk eines Hannes Wader und Paul Simons geniales The Rhythm of the Saints vorspielte. Eines Tages begleitete ich ihn nach der Schule heim, weil er mich mit ungewöhnlicher musikalischer Kost lockte. Und in der Tat bekam ich urig-schräges zu hören: Das österreichische Duo Attwenger, das geradezu grotesk nach einem Dorffest auf Speed klang. Als Stadtkind wurde ich ausreichend urban sozialisiert, um mit Volksmusik wenig am Hut zu haben. Dank dieser Distanz konnte ich die CD Most mit all ihrem kalkulierten Nonsens und der forschen Neuinterpretation eines völlig gestrigen Genres voll jugendlichem Überschwang goutieren. Damals wurde die CD noch am selben Nachmittag auf Kassette gebannt. Monate lang habe ich mir Most immer und immer angehört, später gesellte sich auch das nachfolgende Album Pflug dazu. Die Herren zählten fraglos zu den Helden meiner Jugend.

Photo Credit: Gerald von Foris / Trikont

2011 sind die Musikkassetten wohl längst irgendwo in einer Kiste im Keller meiner Eltern dem Vergessen ausgesetzt. Ab und an keimt die Erinnerung daran, wann immer ich voll Wohlwollen über Attwenger lese. Zugleich denke ich an G., den ich nach dem Abitur aus den Augen verlor. Vor Jahren hörte ich, dass er sich in einem Schwall von Depressionen umgebracht hatte. Ein nach wie vor befremdlicher Gedanke, wenn ich mir die damalige gemeinsame Unbeschwertheit dieses Nachmittags Attwengscher Prägung vergegenwärtige.

Als mir vor wenigen Wochen ein Bemusterungslink zum jüngsten Album Flux in mein E-Mail-Fach flatterte, rief mir dies den Stellenwert Attwengers hinsichtlich der Ausformung meines Musikgeschmacks erneut ins Bewusstsein. Und tatsächlich, die Herren Binder und Falkner sind nach wie vor so exzentrisch wie unterhaltsam, ein Füllhorn an Kurzweil. Wieselflink, ideenreich, stets unverkennbar. Der Fluss der Jahre hat ihrem Schaffen Mäander hinzugefügt, und doch nichts daran geändert, dass dieser Sound gegen den Strom schwimmt. Das noch lange nicht abgetakelte Attwengersche Boot holt auf Flux resche Tracks der Marke Rock ’n’ Roll an Bord. Das herzhafte Deutsch-English-Kauderwelsch des Rockabilly-Krachers shakin my brain macht einfach nur Spaß, wird bloß noch vom Ohrwurm kugl übertroffen. Den rockigen Elan dieses Liedes muss man erst einmal gebacken kriegen. Bei aller Weiterentwicklung: Wie Schlagzeug und Harmonika durch das komplette Album wirbeln, der mundartliche (Sprech)-Gesang mit smarten Gstanzln punktet, das klingt auch zwei Jahrzehnte nach Most herrlich rustikal (durchdrahn) und zünftig (woat). Weiteres Highlight: Die weltumspannende, textlich keinesfalls ulkig gemeinte Aufforderung „Feel the mief„. Oder das Synthie-Bumbum one mit besten Binsenreimen („one kopf san die leit a wengerl kopflos, one plan was kana was is jetzt los, one zweifel is des lebn echt a stressig, one stress is aba dann a wieda lässig„) sowie duamasche. Nicht weniger als 17 Titel auf ein Album zu packen und dabei kaum Füllmaterial zu produziert, das spricht für die kreative Kraft von Flux, welches sich auf der Höhe unserer Zeit auch brisanten Themen widmet. Zum Beispiel dem Grundbedürfnis nach einer intakten Internetverbindung (internet ged).

Attwenger kann und soll auch der genießen, der keinen Wust an Erinnerungen samt totem Jugendfreund aufzubieten hat. Flux steht für Sprachspielereien, die einem so experimentellen wie launigen Sound um nichts nachstehen. Das österreichische Duo bietet Schmäh auf, wo andere wohl Bierernst oder Zoten feilbieten würden. Nicht zuletzt deshalb verpufft diese Musik nicht, wärmt mein Herz nach langer Abstinenz (warum eigentlich?) wieder. Und wieder.

Flux erscheint am 15.04.11 auf Trikont.

Konzerttermine:
15.04.11 Wien (A) – Flex
29.04.11 Augsburg – Kantine
30.04.11 Nürnberg – K4
06.05.11 Salzburg (A) – ARGE Nonntal
07.05.11 Innsbruck (A) – Treibhaus
12.05.11 Graz (A) – Postgarage
13.05.11 Linz (A) – Posthof
14.05.11 Steyr (A) – Röda
20.05.11 Regensburg – Mälze
21.05.11 Passau – Zeughaus
02.06.11 Hamburg – Uebel & Gefährlich
03.06.11 Berlin – Comet
17.06.11 Zürich (CH) – Exil
18.06.11 Luzern (CH) – B-Sides
22.06.11 Wels (A) – Schlachthof
24.06.11 Ebensee (A) – Kino
25.06.11 Wien (A) – Donauinselfest

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Helden meiner Jugend – Attwenger

  1. Tja, was soll ich denn jetzt noch über die Jungs schreiben?!? Ich kenne sie aber bisher nur vom aktuellen Album.

    Das mit dem Jugendfreund kenne ich so ähnlich. Nur war das nach dem Realschulabschluss, wir hatten noch Kontakt, aber dann kam die üble Nachricht. Tito & Tarantula war damals unsere Begleitmusik, die damals meine Helden waren und ihn vom Rammstein lösten.

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