Keine Amateurpoeten – Lenz

Wer so wie ich noch selbst mit Poesiealbum im Ranzen durch die unbeschwerten ersten Schuljahre spazierte, wird sich mit mildem Lächeln auf die darin verewigten altklugen Sprüche besinnen. Dieses Etwas Poesie scheint heutzutage hoffnungslos unmodern, hat bei der Jugend längst ausgedient. Schöngeistige Sprüchlein geistern bestenfalls noch durch romantisch veranlagte Junggesellenhirne, die im verwelkenden Alter noch freiersfüßelnd mit holprigen Zeilchen zur Balz schreiten. Poesie fungiert gewissermaßen in der Rolle des unreifen Bruders der großen Schwester Lyrik. Der lyrische Ausdruck bleibt dem Dichter auf die Fahne geheftet, Poesie ist das Werkzeug des verzweifelt bemühten Laien. Unter dieser Prämisse bereitet mir die mit Etwas Poesie betitelte Vinly-EP der Berliner Formation Lenz doch Kopfzerbrechen.

Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich habe das Debütalbum Augen auf und durch (2009) durchaus als Indiz dafür gewertet, dass deutscher Pop nicht immer mit Texten einhergehen muss, die auch weniger wortgewaltige Hörer geradezu zum Fremdschämen anstacheln. Lenz sind auch mit diesem aus meiner Sicht unglücklich betitelten Vorgeschmack auf ein hoffentlich bald folgendes zweites Album nicht von ihren textlichen Qualitäten abgewichen. Und doch suggeriert Etwas Poesie die kalkulierte Nüchternheit eines Patentrezeptes: Man nehme 100 Gramm feine Melodien, ein Pfund Gitarrenpop, eine Messerspitze Indie – und eben etwas Poesie. Doch das Resultat der Mixtur ist über sechs Tracks lang dann doch ein klein wenig fade. Es fehlt zwei Tracks das gewisse Etwas, und das ist nicht die Poesie. Bereits das erste Lied Der große Tag zeigt mit Zeilen wie „Lass uns unsre Gnadenbrote teilen/ Halt mir bloß die ganzen Koryphäen vom Leib„, dass mit Tralala gestählte Musikfans für Lenzsche Klänge durchaus ein Fremdwörter benötigen. Ich sag’s nur dir scharwenzelt ebenfalls im Midtempo daher, kommt mit aufgeräumt textlicher Schlichtheit auf den Punkt, Höhepunkt inklusive, alles im Lot. So wie ich heut drauf bin erinnert an die mitunter lärmige Dynamik und die textliche Pfiffigkeit des Debüt. „Du hast gelogen/ Bist abgebogen/ Hast mich geradeaus geschickt“ entwirft mit einer Handvoll Worten ein starkes Bild. Doch nach der Hälfte der EP macht die Platte einen Knick. Sonne Mond und Stern hechelt in jedweder Hinsicht doch arg nach Airplay. Immer dann wenn Songs das Firmament zwecks Vergleichen abgrasen, hinterlassen sie eine Schmalzspur am Himmel. Davon erholt sich auch Hinterher nicht vollends, erst dank Folter Langeweile schließe ich mit dieser EP meinen Frieden, auch wegen Zeilen wie „Ich hab außer meinem Erbgut/ Schon lang keinen Mensch mehr gesehen„.


Finde weitere Songs von LENZ bei Myspace Musik 

Lenz sind wahrlich kein Amateurpoeten, die ungelenke Reime hervorpressen. Wenngleich der Titel Etwas Poesie dies suggerieren könnte. An den Qualitäten der Texte besteht mehrheitlich kein Zweifel und die Dynamik der Melodien überzeugt mich ebenso. Und wenn die kommende Platte den Griff in den Schmalztopf unterlässt, dann könnte die Formel der Band vielleicht wirklich zur Erfolgsformel werden. Es wäre Lenz zu gönnen.

Etwas Poesie ist am 29.04.11 auf Noteworks erschienen.

Konzerttermine:

18.05.11 Köln – Museum
19.05.11 Köln – Ubierschänke
20.05.11 Köln – Café Bunkers
21.05.11 Köln – Café Bauturm
02.06.11 Berlin – Stereo 33
05.06.11 Berlin – Brauhaus Südstern
08.06.11 München – Niederlassung
09.06.11 München – The Potting Shed
15.06.11 Hamburg – freundlich+kompetent
16.06.11 Hamburg – Pooca Bar
17.06.11 Hamburg – Makrele Bar

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.