Programmtipp: Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik

Wann beginnt Kunst? Im Moment kreativer Betätigung, im Auge des Betrachters oder erst bei wohlwollender Rezeption durch die Fachpresse? Es handelt sich hierbei um eine grundlegende Frage, die sich wohl nie abschließend klären lässt. Der Rezensent wird auf die Wichtigkeit des eigenen Status pochen, der Musiker, Maler oder Schreiberling wiederum in wohlwollendem Feedback eine Verstärkung der persönlichen Überzeugung erfahren. Fakt jedoch bleibt, dass Feuilleton und Fachmagazine lange unangefochten die Grenzen zwischen Trivialem und Kunst definierten, Spreu vom Weizen trennten. Dann kam der Blogger, meist so hemdsärmeliger wie enthusiastischer Laie und hat manch Genre auf den Kopf gestellt. Die Rezeption von Musik, ob nun Pop, Rock, Folk oder Electronica, bleibt nicht länger Spex, Rolling Stone oder NME vorbehalten, plötzlich mischt auch Andrea aus dem Münsterland, Tim in Berlin, Jeff in Vancouver und Giorgio aus Bella Italia mit. Wer SEO im Karma trägt, dessen Stimme erstickt dann auch nicht so leicht im vielkehligen Chor.

Heute mal wieder das Radio anwerfen! Es lohnt sich.

Zuerst hat das Internet die Produktion und den Vertrieb von Musik über den Haufen geworfen. Filesharing zerbröselte die Verkaufszahlen, der sakrosankte Status der Major Label kam ins Wanken, digitale Verbreitung sorgte für die Loslösung vom physischen Tonträger. Damit verbunden verlor auch die Rezeption an Bedeutung. Wenn die Aneignung von Musik nur einen Torrent entfernt scheint und das Breitband-Internet endlose Datenmengen befördert, braucht es auch weniger Vorselektion durch Musikjournalisten. Der Konsument neigt mehr zur Entdeckung. Und die Blogger setzten dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf, indem sie spontaner, entzückter, authentischer und selbstverständlich kostenfrei musikalische Empfehlungen verstreuten.

Der Popjournalist leidet folglich unter limitierten finanziellen Bedingungen. Wer kauft heute noch Musikblättchen, wenn Blogs und Online-Magazine einen ebenso entdeckenswerten Inhalt bereit stellen – und mit Fachwissen und exzellenter Schreibe ab und an auch nicht gerade geizen? Können Blogs tatsächlich den Popjournalismus, wie er sich seit den Siebzigern etabliert hat, endgültig seine Daseinsberechtigung absprechen? Wird den Experten das Meinungsmonopol entzogen? Wer bastelt nun am Kanon tradierter Meisterwerke? Wer verstärkt Trends, wer potentiert Hypes, verbreitet Klatsch und Tratsch? Alles Fragen, die man als Gedöns auf der Metaebene abtun könnte, wenn sie nicht letztlich auch Einfluß darauf nehmen würden, wie Musik entsteht und verbreitet wird. Denn erst die so geschätzte wie ungeliebte Rezeption verleiht einem künstlerischen Werk Flügel, besorgt das nötige Echo, um breitere Aufmerksamkeit zu erreichen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich hoffe, dass einige dieser Fragen in der heute um 20:05 auf Deutschlandfunk laufenden, von Andreas Main und Susanne Burg gestalteten Sendung Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik beantwortet werden. Auch meine werte Co-Bloggerin wurde dazu befragt und wird zweifelsohne Erhellendes beisteuern können. Also, anhören!

SomeVapourTrails

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