Querbeet durch die Kreativität – Misteur Valaire

Kreativität lässt sich nicht durch schiere Willenskraft vom Zaun brechen. Man kann ihr nicht beibringen, Ideen auf Kommando zu apportieren. Durch Überwindung des inneren Schweinehundes Einfälle aus dem Hirn zu zaubern, bleibt allenfalls Wunschdenken. Mangelnden Ideenreichtum vermag man durch stilschwangere Posen oder mit einem Übermaß an Ernsthaftigkeit nur vordergründig zu kaschieren, auf lange Sicht fällt all dies gleich einem Kartenhaus in sich zusammen. Kunstwerke, die mehr Haken schlagen als jedwedes Karnickel, wollen originell sein und immer wieder neu überraschen. Diese gekünstelte Quirligkeit bleibt zu oft hüftsteif. Eine Attitüde à la Ich bin etwas Besonderes will sich Kreativität auf die Fahne heften – und entlarvt sich dadurch selbst. Ohne echtes kreatives Fundament wirkt alles banal und berechenbar. Natürlich auch in der Musik. Selten nur strudeln einem Unmengen an Einfällen um die Ohren. Was die Kanadier Misteur Valaire mit ihrem Album Golden Bombay aufbieten, mit diesem Repertoire an Inspirationen würden andere Bands mindestens eine Handvoll Platten füllen. Dieses noch am ehesten als Electro-Pop fassbares Werk hält einer Reihe von Hördurchläufen stand, wo die Macht der Gewohnheit sonst Gewöhnliches entlarvt.

Misteur Valaire versprühen die Art von Esprit, die Famositäten Mal für Mal mit einer Lässigkeit aus dem Hemdsärmel zaubert, dass der Hörer auch über seltene Fehlgriffe hinweg sieht. Bereits der Opener Brandon Marlow bäumt sich beatoresk-hymnisch auf, bereitet den Boden für ein furioses Genre-Hopping querbeet durch den musikalischen Gemüsegarten. Und auch der Hörer mutiert vor lauter Freundensprüngen zum Jojo. Wie in all den Tracks Samples, Trompetenfanfaren und jede Menge Sangesgäste das elektronische Soundgerüst aufpeppen, das gefällt. Bässe satt, knallige Beats, wunderbar! Spätestens mit Ave Mucho erreicht die Platte ekstatische Ausmaße, so muss, soll und darf ein Sommerhit aussehen, der schweißgebadete Körper in einer schwülen Nacht umschmeichelt. Hip-Hop meets südamerikanisches Flair. November Number 3 wiederum umgarnt mit der Sinnlichkeit einer verführerischen Frauenstimme samt französischem Akzent, garniert mit deftigem Beat. Ein im Prinzip simples Rezept, an dessen Umsetzung jedoch viele Acts scheitern. Das spacige Design des Brachialmarsches Dan Dan lässt ebensowenig Wünsche offen wie das Potpourri Lillehammer, welches hemmungslos durch elektronische Vergangenheiten tingelt. Dem anfangs resolut chansonesquen, in der Folge hibbeligen Mojo Ego leiht die famose Gigi French die Stimme, deren letztjähriges ich wahrlich nicht geringschätze. Mit dem finalen Gordon Bombay wird eine balladeske Synthie-Wolke gen Horizont gepustet, entschwebt die Musik in träumerischen Wohlklang.

Kreativität ist beileibe keine schwammige Größe. Dem geschulten Kenner springt sie ins Ohr, selbst vor Laien macht sie nicht halt. Somit stehen die Vorzeichen gut, dass das aus Montreal stammende Quintett spätestens mit dieser Platte breite Bekanntheit erlangt. Auf imponierende Art und Weise durchwirken Misteur Valaire das gesamte Album mit tanzbaren, launigen Rhythmen. Dem gängigen aalglatt geschniegelten Synthie-Sound setzten sie eine analoge, längst nicht antiquierte Wärme entgegen. Golden Bombay gehört zu der Sorte Alben, die den Alltag für einige Minuten temperamentvoll in seine Schranken weisen, Lebensfreude versprühen. Diese extravagante Mischung unterhält, enthusiasmiert, entpuppt sich als nachhaltige Bereicherung jeder Plattensammlung.

Golden Bombay ist am 15.04.11 auf Mr. Label erschienen.

Konzerttermine:

16.05.11 Hamburg – MarX
17.05.11 Frankfurt – Nachtleben

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Misteur Valaire auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.