Überohren oder das Hadern mit dem Status quo

Über die Zukunft des Musikjournalismus zu sinnieren, das zählt durchaus zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Weil Meinungsmache dann an Wert gewinnt, wenn Musik nicht einfach nur triviale Unterhaltung darbieten möchte. Musik, die sich selbst mit Anspruch versieht, schreit förmlich nach Profis, welche jene Werke auf ihre Qualitäten abklopfen. Unter diesem Aspekt wird die Kritikerzunft stets ihre Daseinsberechtigung darlegen können. Und doch wurde in den letzten Jahren vermehrt von einer Krise des Musikjournalismus gesprochen. Zum Beispiel am Ostersonntag in einem einstündigen Feature auf Deutschlandfunk, auf das wir bereits verwiesen hatten. Unter dem Titel „Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik“ kamen allerlei mehr oder minder berufene Fachleute zu Wort, um ihren Senf zur Debatte beizusteuern. Manch Aussagen schienen der Ignoranz entsprungen, einige Diskursbeiträge wollten das Rad der Zeit zurückdrehen, doch ein Patentrezept zur Stärkung von Feuilleton und Fachmagazinen blieb aus. Das hing nicht zuletzt mit dem methodischen Ansatz der Sendung zusammen.

Radio bildet - manchmal auch nur ab.

Wenn Vergangenheitsbewältigung dahingehend betrieben wird, dass in früheren Tagen alles besser gewesen sei, drängt sich dem Laien unwillkürlich die Frage auf, was an unseren gegenwärtigen Verhältnissen diese Nostalgie denn begünstigen könnte. Existieren triftige Gründe für die Träne im Knopfloch oder geht es nur um das Ende eines Meinungsmonopols einiger weniger Journalisten? Natürlich scheint der Brotberuf gefährdet, wenn im Internet jedermann seine Sicht der Dinge zum Thema Musik beisteuert. Dies kann man zwar hartnäckig leugnen und – wenn man Andreas Müller heißt – geradezu trotzig Desinteresse für deutsche Musiblogs bekunden. Ob die von Herrn Müller auf Radio Eins moderierte Sendung Soundcheck deutschen Popjournalismus zu neuen Ufern führt, darf gleichwohl bezweifelt werden. Wenn das Feature Überohren etwas unter Beweis gestellt hat, dann wohl den Umstand, dass das Radio nicht der geeignete Ort für Musikkritik ist. Denn so phasenweise planlos sich Überohren präsentiert, derart bieder scheint auch die These, dass der Müllersche Kritiker-Talk mit zur Schau gestelltem Säbelrasseln mehr als nur deftige Worte liefert. Denn weshalb soll ausgerechnet ein Medium, dass in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht, zum Ankerplatz für Musikjournalismus werden? Das Radio mag noch mit Service- und Berieselungscharakter punkten, bestenfalls in Nischen dahinvegetieren, aber ich bezweifle stark, dass es den geeigneten Rahmen für eine Wiederauferstehung der hehren Musikrezension bilden kann.

Also doch Back to the Spex? Zurück zu saturierten Magazinen, deren Agenda im Idealfall durch gewitzte Schreibe übertüncht wird? Denn die anspruchsvolleren Fachzeitschriften sind doch seit Jahrzehnten mit Selbstüberschätzung gesegnet. Sie werten, wiegen ab, verkünden das Resultat, suhlen sich in der Wertigkeit ihres Tuns. Musik wird zur schönsten Nebensache der Welt, im Vordergrund steht der eigene, polemisch oder lobhymnisch gefärbte Ausdruck. Funktioniert derart die wertige Rezeption? Oder sind die Magazine besser beraten, die mit geradezu banaler Nüchternheit Einschätzungen auf wenige Worte eindampfen? Ein Häppchen Information liefern, an dem selbst Analphaten nicht ersticken. Vielleicht liegt das Problem aber auch darin, dass heutzutage jedermann eine Meinung hat, aber sie kaum jemand mehr begründen mag. Wie aus dem Maschinengewehr rattern Worthülsen hervor, die bei genauerer Betrachtung herzlich wenig Substantielles artikulieren.

Die Sendung vermochte keine Lösungsansätze zu liefern, weil sie zwar den Sündenbock für die Krise des Popjournalismus in Gestalt des Internets erkannt hatte, aber nie wirklich die Frage nach der Eigenverantwortung stellte. Es scheint evident, dass Blogs mit jeder Menge kostenlosem Content diejenigen Zeitgenossen befriedigen, die ein paar Infos suchen und denen die Qualität eines Beitrages im Grunde herzlich egal ist. Solcherlei Leser, die auch dem Wahrheitsgehalt der Bild unkritisch gegenüber stehen. Aber sind und waren solch Leser überhaupt irgendwann eine für die Auflage eines Musikzeitschrift nennenswerte Größe? Warum hat kein einziges mir bekanntes deutsches Magazin sein Abonnentenschar in digitale Gefilde retten können? Liegt es daran, dass der Schreibstil der vermeintlichen Profis vielleicht doch nicht so sehr aus der Masse hervorsticht? Die seitenweisen Fotostrecken und Interviews letzlich keine Bezahlung rechtfertigen? Oder hat man schlichtweg die digitalen Möglichkeiten verschlafen? Das Potential dem geschriebenen Wort im Web den Albumstream gegenüber zu stellen, eine sofortige Überprüfbarkeit von Meinungen anzubieten. Hier büßen Magazine zweifelsfrei für die Dummheit vieler Labels, welche die Selbstverständlichkeiten unserer Tage noch immer nicht verstanden haben.

Ob das von Diedrich Diederichsen geforderte, auf Zeitungspapier gedruckte und in Schwarz-weiß gehaltene Blatt tatsächlich als reduzierte Rückbesinnung auf das geschriebene Wort angenommen wird, will ich ebenso mit einem Fragezeichen versehen. Kann sich Journalismus nur unter Verleugnung moderner Wirklichkeiten entfalten? Das wäre doch ein Armutszeugnis. Oder sind es eher die von Uwe Viehmann avisierten Apps, die Geld in die Kassen von Verlagen blasen? Es wäre zumindest einen Versuch wert.

Die Sendung Überohren mühte sich an einer aktuellen Momentaufnahme ab, die zwar viel mit dem Status quo haderte und manch klugen Kopf sprechen ließ, aber an der wichtigsten Fragestellung vorbei manövrierte. Welchen Mehrwert bietet ein in redaktionellem Umfeld erscheinender Artikel eines Journalisten gegenüber einem Blogbeitrag eines sogenannten Amateurs? Solange Verlage dies nicht schlüssig beantworten und Tag für Tag in der Praxis umsetzen, scheint keine Trendumkehr in Sicht. Solange ein DLF-Feature aus vielen Stimmen keine neue Essenz zutage befördert, wird Journalismus weiterhin den an ihn gestellten Ansprüchen nicht gerecht werden.

 

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Überohren oder das Hadern mit dem Status quo

  1. Habe die Sendung leider nicht gehört, finde das Thema aber ebenso wie ihr höchst interessant. Dass es keine einfachen Antworten auf die Zukunft der Musikindustrie/des Musikjournalismus gibt,ist offenkundig. Aber genau diese Unsicherheiten eröffnen neue Möglichkeiten. Wenn man diese ohne selbstreferentielle Eitelkeiten sehen will. Und akzeptieren lernt, dass die fetten Zeiten nicht wiederkommen. „Der Bullshit-Faktor im Musikbusiness hat abgenommen, seit in der Branche kein Geld mehr zu verdienen ist“, hat der Hamburger Musiker Dirk Darmstädter schon vor drei Jahren auf einer Frankfurter Veranstaltung zum Thema „Digitale Zukunft“ treffend gesagt.

    Aber: auch wenn schlüssige Antworten fehlen, so will ich an dieser Stelle doch auch mal die Fahne des engagierten, qualitativ hochwertigen Musikjournalismus hochhalten, der an den unerwartetsten Ecken blüht: Etwa bei den Konzert-und Plattenkritiken von Eric Pfeil in der ach so konservativen FAZ. Was hat mich der Mann bis zur Begeisterung inspiriert! Oder der wunderbare Zündfunk auf Bayern 2 (kriegt ihr in Berlin leider nicht rein!), der konstant auf hohem Niveau sendet und immer wieder die unerwartetsten und wunderbarsten Entdeckungen bietet. Also: There is a light that never goes out.

  2. Oh ja, Eric Pfeil kam in der Sendung auch zu Wort. Es war ja nun nicht so, dass da jedermann nur Nonsens beigesteuert hätte. Es haperte vielmehr an der Grundprämisse des Features, wonach früher alles besser war. Die Journalisten, die noch so unglaublich kreativ waren – und wo es eben auch Geld zu verdienen gab. Heute hingegen scheint alles problematisch. Dazu wird ein Rabauke wie Chris Weingarten herangezogen, der in den auf Algorithmen basienderen Empfehlungen von The Hype Machine keine adäquaten Empfehlungen zu den Einschätzungen eines Kritikers sieht. Und Blogs seien laut den Machern der Sendung ohnehin Selbstausbeutung.

    Ich glaube, dass das Hauptproblem der Entwicklungen die Wertigkeit ist. Pop, Folk, Rock (und wie die Genres alle heißen) sind für den überwiegenden Teil der Zielgruppe wenig wert, zumindest nicht ein Album an sich, ein Konzert reizt schon eher. Man mag die Musik, keine Frage, aber ist im Durchschnitt zu selten geneigt ein paar Euros springen zu lassen. Nun frage ich mich, wer die Schuld dafür trägt, dass Pop einen niedrigen Stellenwert hat, während klassische Musik diesen Ruf nicht genießt. Da muss man sich die Frage stellen, ob nicht auch der Musikjournalismus den Absturz und die Vergratisierung von Pop und Co. begünstigt hat, indem er entweder mit dem sprachlichen Repertoire eines Sportreporters an die Sache heranging oder aber verschlotzte Poesie mit akademischen Duktus fabrizierte. Pop wird viel zu selten als künstlerisches Ereignis wahrgenommen, vielmehr als Begleitung durch den Alltag. Rezension scheinen entweder voller Trivialitäten und aus dem intellektuellen Elfenbeinturm entsprungen. Der überwiegenden Mehrzahl von Rezeption fehlt der Respekt für die Musik. Und wie soll der Leser diesen Respekt verinnerlichen, wenn der Rezensent selbst dies nicht vorexerziert.

    SVT

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