100 Songs – Teil 11 (Hurricane)

Zu Bob Dylan hat jeder Knilch eine Meinung. Ob man sich nun darauf verlegt, einem Monument ans Bein zu pissen, oder aber in weihevoller Anbetung verharrt, Dylan ist eine sauertöpfische Instanz, ein lebendiger Mythos, dessen Makel im Leben besteht, eben weil die Mühen des Alterns den Lack zwangsläufig abblättern lassen. Dylan werkt als eigener Verwalter seines Nachlasses und beschädigt ihn kaum, was wohl seine größte Leistung der letzten 30 Jahre darstellt.  Viel wird über das Dylansche Mysterium geschrieben, oftmals Gewäsch, welches das Offensichtliche unter viel Tamtam zu enthüllen trachtet. Dylans Einfluss auf die Musikgeschichte liegt in der Wucht seiner narrativen Poetik begründet. Er ist kein Feingeist in abgehobenen Sphären, vielmehr ruppiger Geselle mit Krallen und knarzigem Organ.

Manche seiner aus dem kollektivem Gedächtnis gefallenen Songs überragen die Lieder, welche heute zum omnipräsenten kulturellen Erbe der Menschheit zählen. Talkin‘ John Birch Paranoid Blues ist auch fast 50 Jahre nach seiner Entstehung ein durchdringender Blick in die amerikanische Seele, deren republikanische Paranoia auch 2011 große Schatten wirft. Was früher die John Birch Society forcierte, befördern mittlerweile Tea-Party-Bewegung, die (w)irren Hassprediger und FOX. Die unverbrüchliche Aktualität Dylans fußt auch auf dem Umstand, dass sich die Sünden Amerikas – und der Welt – kaum ändern. Dazu zählt neben Kriegen und Radikalismen auch der Rassismus, den ein erzürnter, geradezu vor Wut brodelnder Dylan in dem Song Hurricane anprangert.

Mit Rage zerfleischt Dylan das amerikanische Justizsystem. Schildert den wahren Fall des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, dessen schwarze Hautfarbe seine fragwürdige Verurteilung wegen mehrfachen Mordes begünstigte. Fast 10 Jahre nach der Inhaftierung Carters veröffentlichte Dylan 1975 das Lied auf seinem Album Desire. Und doch sollte es noch bis ins Jahr 1985 dauern, ehe Carter Gerechtigkeit widerfuhr, ihm ein Bundesbezirksgericht die Freiheit schenkte und der Justizskandal als solches benannt wurde. Dylans Song ahnt noch nichts von dem späteren Happy End, wütet gegen eine Polizei und ein Gericht, deren Vorurteile sie nach den passenden Schurken suchen lassen – auf Kosten der Wahrheit. Dylans Zorn („Couldn’t help but make me feel ashamed to live in a land/Where justice is a game„) scheint – weiter gespannt – auch ein Protest gegen das Suchen von Sündenböcken.

Über 8 Minuten investiert der Prototyp von Singer-Songwriter in diese wortgewaltige Anpragerung von Zuständen, die auch im Hier und Jetzt nach wie vor nicht ausgemerzt sind – wie die nicht enden wollende Geschichte von Mumia Abu-Jamal zeigt. Solange das Wie eines Gerichtsverfahrens Fragwürdigkeiten aufweist, sät der Urteilsspruch zurecht Zweifel. Bob Dylans Hurricane darf als exemplarisches Meisterwerk angesehen werden, wie Musik den Finger in die Wunden gesellschaftlicher Missstände legt. Nicht in Abstraktheit versunken, sondern griffig der Realität verpflichtet. Dylan ist heute 70 Jahre alt, darf sich auf seinen Meriten ausruhen. Es ist längst an der Zeit, dass neue Generationen von Liedermachern ihre gerechtfertigte Wut in unsere Ohren jaulen. Es gibt genügend Hurricanes zu beklagen.

Links:

Songtext zu Hurricane

Stream von Hurricane auf simfy

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „100 Songs – Teil 11 (Hurricane)

  1. Es gibt da auf einem der Livealben von Dylan eine Liveversion, die gut 10 Minuten dauert und sowas von grandios ist! Ein ganz großes Lied. Auch wenn ich nicht der größte Fan von ihm bin ist doch Hurricane einer der besten Songs. Wahnsinnig intensiv.

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