Berlin-Fantasie samt marodem Charme und laschem Pathos – Federico Aubele

Berlin wirkt ekstatisch. Ein wunderbares Aufputschmittel, dem irgendwann auch Ernüchterung folgt. In den besonderen Momenten, an denen es in Kreuzberg wahrlich nicht mangelt, die jedoch Marzahn nie erfahren wird, umarmen sich Chaos und Tristesse, Multikulti-Karma mit verkommener Hipness sowie verlockende Fremdartigkeit mit Befremdung. Weltgewandter als Berlin ist Deutschland nirgendwo, allerdings auch an keinem Ort derart zwischen arm und reich zerklüftet. Kurzum präsentiert sich Berlin als befruchtendende Stadt, die Künstlern zuhauf mit Bildern und Vibes versorgt. So auch den Argentinier Federico Aubele, dessen jüngstes Album den Titel Berlin 13 trägt. In diesem Trip-Hop und Latino-Flair samt Dub zusprechenden Werk verliert sich Aubele in sentimentalen Meditationen von entspannter Verwirrtheit, distanzierter Kühle und langweiliger Melancholie.

Aubele verzichtet auf den coolen Lounge-Flausch der Mitte-Typen, er greift lieber den Bezirk auf, der alle Arten von Sentimenten bestens bündelt: Kreuzberg.  Bereits der Song Berlin träumt trotz knusprigem Beat ein bisschen schwermütig vor sich hin. Diese Charakteristik der ersten Hälfte der Platte rührt nicht zuletzt von Aubeles sanfter Stimme, die immer nach zurückhaltender Klage tönt, speziell beeindruckend bei No One oder Bohemian Rhapsody in Blue, dessen eleganter Sound samt sinistrem Refrain  zu den gelungensten Momenten zählt. Der Track Kreuzberg verrät, warum das Werk des Argentiniers bei ESL Music erscheint. Hier werkt Aubele im Geiste der Label-Gründer, dem legendären Duo Thievery Corporation. Kreuzberg präsentiert sich instrumental beschwingt, pulsierend – und zugleich ein Stück weit verloren. Bis hierhin zeichnet sich ein abgründiges Bild von Berlin, dem ich guten Gewissens das Prädikat gelungen verleihen mag. Doch mit dem Track Efemera gibt Aubele das Mikro aus der Hand, orientiert sich mehr am herben Schmalz südamerikanischer Wehmut. Was auf Efemera mit der Gastsängerin Ka misslingt, klappt dank Natalia Clavier bei Lágrimas Viejas einigermaßen. In dem schwülstig akzentuierten Duett wirkt Aubele wie ein gefallener Latin Lover, dessen gebrochene Stimmbänder Traurigkeit säuseln. Erst mit 13 rückt Berlin wieder schicksalsschwer in den Fokus, doch bietet der Titel wenig Magie, vielmehr Verlorenheit. Längst hämmern die Beats einen Tick zu hart, verflüchtigt sich Berlin zu einer unheilvollen Chimäre.

Bohemian Rhapsody in Blue from Federico Aubele on Vimeo.

Berlin by FedericoAubele

Wo sich anfangs noch der marode Charme Berlins in feiner Manier manifestiert, verliert Berlin 13 zusehends an Finesse, weicht die zurückhaltend-subtile Nachdenklichkeit laschem Pathos. Federico Aubeles Berlin-Fantasie träumt nur eine Hälfte lang auf hohem Niveau vor sich hin. Diese Handvoll Tracks freilich verdienen Applaus, bebildern sie doch eine Stadt, die in ihrer Unordnung und Widersprüchlichkeit zur Nachdenklichkeit anregt, zur entschleunigten Reflexion verpflichtet.

Berlin 13 ist am 15.04.11 auf ESL Music erschienen.

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