Die andere Stippvisite

…führt mal wieder durch unser schönes Nord-Neukölln, diesmal aber anders. Auch die Bilder kredenzen wir heute in hip oder genauer gesagt Hipstamatic, natürlich aber, so viel Ehre haben wir noch im Leib, ganz ohne iPhone – wir sind ja schließlich keine Kiezkiller. Und genau hier sind wir schon beim Thema: Der Hype, die Gentrifikation und was am Tage davon übrig bleibt. Neuhochdeutsch könnte man auch titeln: „Self-fulfilling Prophecy does the trick.“ Zumindest was die Mietsteigerungen betrifft… und sonst so?

Die Aussicht von meinem Neuköllner Balkon jetzt ganz hip-stamatic.

Läuft man tagsüber durch den Szenemittelpunkt Reuterkiez sucht man das Trendviertel noch ziemlich vergebens, zwar sind viele Ladengeschäfte von Jungdesigner-Läden aller Art bezogen worden, doch das Publikum weilt noch in Mitte, Prenzlauer Berg oder flaniert gerade über die Bergmannstraße. Manch Jungunternehmer hat die Zeichen der Zeit erkannt und gleich ein „Bitte klingeln, wir sind in Neukölln“-Schild an die Tür gehängt. Ob die Klingel gerade in der nächsten jüngst eröffneten Espresso-Bar ertönt, wo sich die hippen Geschäftleute gegenseitig zur Großartigkeit gratulieren oder man im feindlichen Umfeld Überfälle von streunernden Jugendbanden fürchtet und sich untern Lasdentresen versteckt hält,  ich weiß es nicht. Gefährlich ist es jedenfalls, sich zu lange vor solch einem Schaufenster aufzuhalten. An „good hair days“ droht einem die Besitzerin auf die Pelle zurücken und als langersehnten Kunden in die Designerbude zu verfrachten  – an „bad hair days“  hingegen, wird man eines „Deine Armut kotzt mich an… (sonst würdest du bei mir kaufen)“ Blickes gewürdigt. Zu erstehen gäbe es vieles, besonders ein paar Katzen-Emaille-Ohrringe für 35 Euro. Mir in Erinnerung geblieben, da ich a) eine ebensolche Katze schon mal als Anstecker hatte, als Kind mit Mama im Bastelkurs gefertigt, weilte sie meine Jugend über auf Rucksäcken und Taschen bis diese und sie selber das Zeitliche segneten. Weil b) ich vor meiner Großstadtzeit aufs Land flüchtete, wo jedes Dorf zu jeder Gelegenheit einen Bazar für irgendeinen Zweck hat und die Emailekatzen dort für 3 Euro zu haben sind. Weil c) 35 Euro für solch Hausfrauenbastelstundenschund auszugeben, nur weil die „Schmuckdesignerin“ ein entsprechendes Diplom dafür erstudierte, ziemlich dämlich ist. Gleich neben den Ohrringen prangte eine Sammlung mit Stickern. Am besten gefiel mir „Dieser Sticker wurde nicht mit Hartz 4 bezahlt“. Wovon die Besitzerin des Ladens lebt, möchte ich lieber nicht fragen. Genauer nachgefragt hat Ivo Bozic bei den Betreiberinnen Co-Founderinnen der Wärmestube für Yuppies, auch Wostel genannt, in der Hobrechtstraße. Sein Co-Working im Selbstversuch liest sich sehr amüsant und bringt klar auf den Punkt, womit und mit wem wir es hier zu tun haben. Die Nischen des Kiezes füllen sich mit Menschen, die auf der Suche sind, wer’s wirklich geschafft hat, wohnt woanders und hat auch sein Geschäft im etablierten Mitte oder Kreuzberg. Was Neukölln abhanden gekommen ist, ist die Entspanntheit und der verspielt-naive Charme der Pionierzeit. Jetzt geht’s darum zu beweisen, schon zu sein, was man mal werden will.

"Fuck off Yuppie" mit Sicherheit extra falsch geschrieben.

 

Der Damensalon lädt zum Chillen.

Wirklich gut im Geschäft sind ein paar Kneipen in der Weserstraße, dem Epizentrum des Trends. Manche mögen es gar nicht sein und verfilmen ihre Beschwerde. So geschehen von den Betreibern des Freien Neuköllns. Bis Samstagabend hielt ich das Machwerk für vollkommen übertrieben. Hatte ich doch über mehrere Jahre einen großen Teil meiner Wochenenden im Reuterkiez verbracht, sollte sich in knapp einem Jahr nächtlicher Abwesenheit meinerseits so viel getan haben? Die Antwortet: Punktuell ja. Wo früher ein-zwei Tische vor der Tür standen, ist der Bürgersteig nun unpassierbar und von feierwütigem Volk besetzt. Generell haben viele neue Bars und Kneipen eröffnet, und einige warten noch auf den Hype oder dass dieser sie bemerkt und mit Gästen befüllt. Meine Lieblingskneipe war auch nachts um zwölf nur zu einem Drittel gefüllt, das kannte ich schon mal anders und jubel ein bisschen darüber, dass sie offensichtlich schon wieder out ist. Das ist das schöne an den Trends und Hypes, sie sind schnell vergänglich.

Leider nicht nur ironisch, sondern auch ernst gemeint ist die Publikumsbeschimpfung des Senders Freies Neukölln Offending the clientele:


Offending the Clientele from Retsina Film on Vimeo.

Nach Sehens des Videos sollte man unbedingt die Erwiderung von KreativKiez samt Kommentaren lesen. Ein lustig zu lesender Rant, der beweist, dass Musikblogger nicht die Schlimmsten sind, wenn es um Daseins-Reflexion, Eierschaukeln und Cock Picking geht. Bedauerlicherweise ist es nicht allein die Grusel-Englisch-Performance, die uns Deutschen erneut Xenophobie bescheinigt. Eine besonders wehrhafte BI am Landwehrkanal auf Kreuzberger Seite beschickt zur Zeit die Massenmedien mit Hilferufen ob der feierwütigen Wilden, die da aus Italien, Spanien, England und Skandinavien bei uns wüten. Manche nennen sie auch einfach nur gehässig Erasmus-Studenten. Nicht nur, dass sie laut sind, sie nehmen uns auch die Wohnungen weg. Merkwürdigerweise beschwert sich niemand, sie nähmen uns die Frauen weg. Wahrscheinlich weil zu viele der Neukölllner Überlebens- und auch sonst so Künstler derweil mit den weiblichen Studentinnen die Betten teilen. Schlimm sind natürlich die Touristen, das ist immer so, zumindest solange man nicht selber irgendwo gerade einer ist. Aber dann wäre man ja auch im Urlaub und somit entspannt oder am Feiern oder beides zusammen.

Blätterte man bis vor kurzem in den großen Zeitungen oder informierte sich anspruchsvoll bei den Öffentlich-Rechtlichen, so wurde einem versichert, Neukölln, das ist Elendsgebiet, Depression, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Ein Ort der Verlorenen und Vergessenen. Kurz nach meinem Eintreffen in dieser Welt am Rande Neuköllns, eine Straße von Kreuzberg entfernt, preschte die Zitty vor und rief das neue Trend und Szeneviertel aus bzw. man erklärte die Hobrechtstraße zur Now-Go-Area. Man versicherte den Kreuzbergern, dass es mit dem Mama und dem Raumfahrer nun zwei Kneipen  gäbe, in denen man hip und cool den Abend verbringen könne. Damit es nicht ganz so peinlich würde, ins Armen-und Elendsgebiet Neukölln zu schlendern, wurde das Gebiet in Kreuzkölln umbenannt. Echte Kiezbewohner achten natürlich peinlich genau darauf, niemals niemals Kreuzkölln zu sagen. Nach Berliner Art wird in Kieze unterteilt oder sachlich und politisch korrekt Nord-Neukölln als Ortsangabe verwendet. X-Kölln wurde plötzlich die Befreiung für viele, die es sich nicht mehr leisten konnten, in Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg zu wohnen. Kein Naserümpfen mehr, sondern Stolz darauf, Trendsetter zu sein und irgendwie anders eben, nicht so etabliert. Mit viel Elan wurde Schönes und Neues geschafffen und der Kiez aufgewertet. Ganz im Ernst, dass ich mich um zu einer meiner Lieblingskneipen zu gelangen, nicht mehr durch Grüppchen von Freiern und Zuhältern zerschlagener Nutten schlängeln muss, die nachts an der Ecke Kottbusser Damm/Weserstraße auf Kundschaft warten – die Änderungen haben auch sehr viel Gutes. Interessant ist auch, wer im Moment am lautesten „Gentrifikation“ schreit. Es sind eben nicht die klassischen Vertreter der Unterschicht. Es sind die aus der Mittelschicht gefallenen Kinder des Bürgertums. Es sind diejenigen, die feststellen mussten, das gute Ausbildung nichts mehr wert ist, das viele Arbeitsstellen vernichtet wurden und nun ersetzt werden durch Praktikantenstellen oder noch schlimmer: Maßnahmen des Jobcenters. Seit der Agenda 2010 wurden vielen kulturellen und sozialen Einrichtungen die liquiden Mittel radikal gestrichen, stattdessen werden Kontingente und qualifizierte Maßnahmen-Teilnehmern und 1,50-Euro-Jobber zur Verfügung gestellt. Im Klartext heißt das, die Menschen arbeiten weiter auf den Stellen, die sie früher auf dem ersten Arbeitsmarkt besetzt hätten, nur sie werden nicht mehr dafür bezahlt. Neukölln war Rückzugsort und Oase für ebenjene, die lieber sterben würden, als sich öffentlich zu bekennen.

So wandern wir nun zu guter Ende raus aus Neukölln hin zur #GR11, ausgerufen vom Spreeblick, falls es klappt zumindest, sei versichert, die Deutsche Revolution wurde vom Alpha-Blog gestartet. Bisher haben vor allem die Piraten den Hashtag geentert und demonstriert wird unter Vermischtes für Weltfrieden, für echte Demokratie, gegen Atomkraft und diverse andere Sachen. Für echte soziale Markwirtschaft zu demonstrieren, wäre vielleicht keine so schlechte Idee gewesen.

Böse gesagt: Vom Aussterben bedrohte Bewohnerinnen. Paste-ups von Karl Addison

Vor der Änderung steht allerdings erstmal die (Selbst-)Erkenntnis, dann das Bekenntnis und somit solide und glaubhafte Argumente. Die Hose runterlassen, das will aber niemand. Man kennt nur jemanden, der betroffen ist und achja als der Nachbar zwangsgeräumt wurde, das war auch traurig. Alkoholiker er. Irgendwie kommt mir jetzt der Stern Artikel vom 6. Juni 1971 in den Sinn Wir haben abgetrieben!. Ich glaube, es fänden sich heute mehr Akademikerinnen, die öffentlich bekennen würden, sie hätten abgetrieben, als Akademiker, die öffentlich gestehen würden „Ich bin Hartz 4-Bezieher“. Es ist einfach leichter laut zu schimpfen: Die Yuppies, die da jetzt ne Designerbude aufgemacht haben, die leben doch von Mami und Papi. Böse Gentrifikation, trägst Katzenohrringe aus Emaille und doofe Buttons, schlürfst Bionade und verstellst den Bürgersteig mit Tischen und Bänken. „Gentrify This“ gibt’s jetzt für Touris als Postkarte zu kaufen…. Ich trink aus Protest nur noch Club Mate. Was? Das ist genauso schlimm!? Egal – wir sind uns auch noch nicht so sicher, wo genau wir stehen, auf der Seite der Verdränger oder der Verdrängten.

Wir sind Helden - Wir haben uns ein Denkmal gebaut ;-)

Indifferente Grüße von

DifferentStars

PS: Nette Hipstamatic Effekte bekommt ihr ganz ohne iPhone mit folgender Freeware hin:

Photoscape – Probiert einfach den Agfa und CrossProcess Filter + die Vignette

Gimp + Filter von elsamuko – Mein Favorit  ist der Photochrom Filter

PPS: Der Hipstamatic-Effekt war urspünglich rein als Metapher gedacht, gefällt mir jedoch so gut, dass ich künftig mehr damit zaubern werde.

PPPS: Hipster bleibt mein Lieblingsschimpfwort.

Spielplätze sind auch für doofe Yuppies, Streetart sowieso. Paste-up von Alias

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