Die ungeschminkte Wahrheit über den Eurovision Song Contest 2011

Dem Eurovision Song Contest mit Häme zu begegnen, zumindest aber mit distanziertem Kopfschütteln, gehört zu den einfacher zu bewältigenden Aufgaben des journalistischen Handwerks. Wobei die Begleitung der diesjährigen Ausgabe ein wenig mehr Fingerspitzengefühl verlangt, weil sich kaum ein Blatt offen feindselig gegen ein Mega-Veranstaltung im eigenen Land positionieren möchte. Ei freilich, das ewig tumbe Gemeckere bezüglich horrender Kosten war im Vorfeld ab und an präsent. Doch machen wir uns nichts vor, den Berufsnörglern kann öffentlich-rechtlicher Rundfunk ohnehin nie genügen. Entweder wird mangelnder Anspruch moniert oder quotentechnische Debakel süffisant breit getreten. GEZ-Gebühren werden nach Ansicht vieler Kritiker jedoch immer verschwendet. Doch die Welle der letztjährigen Euphorie führte zu einem mehrheitlichen Wohlwollen der Medien, das zwar durch die Wahl des Austragungsortes, dem Kaff Düsseldorf nämlich, strapaziert wurde, allerdings erst durch den unspektakulären, Taken By A Stranger gebärenden Vorentscheid in allmähliche Opposition mündete.

Der Eurovision Song Contest scheitert seit 20 Jahren an den eigenen Ansprüchen. Für ein paar Stunden will er rückwärtsgewandte wie fortschrittliche Länder, arme und reiche Staaten, halbseidene Demokratien und vor Patriotismus platzende Nationen auf das Konzept der Völkerverständigung einschwören. In einer Handvoll Minuten müssen sich die Teilnehmer zu präsentieren wissen, werden in ein perfekt durchchoreografiertes Korsett gezwängt, das jedwede Spontanität und Emotion dem Zeitplan opfert. Überwiegend völlig unbekannte Sänger und Bands werden per Fernsehkommentar in wenigen mehr oder minder pointierten Sätzen dem Zuschauer vor die Nase gesetzt. In Zeiten von Castingshows, die sich unter anderem deshalb einer Beliebtheit erfreuen, weil die persönlichen Schicksale der Kandidaten mittels überdimensionierter Seelen-Peepshow breitgetreten werden, überfordert man zumindest jugendliche Zuseher, die Musik plötzlich ohne tränendrückende Begleitgeräusche serviert bekommen. Dagegen nimmt DSDS mit seinem Faible für gefallene Bengel und Zickenkriegen den Konsumenten viel mehr an die Kandare.

Jedes Land versucht sich auf andere Art im Kurzzeitgedächtnis der Seher zu positionieren. Hanebücherne Skurillität hat sich in der Vergangenheit als oftmals deppensichere Strategie erwiesen. Zum Herzerweichen vorgetragene Treuherzigkeit, verbunden mit dem inbrünstigen Wunsch nach Weltfrieden, wird ebenso gerne als Option betrachtet. Schwülstiger Pathos samt schmalzig verbrämter Folklore zählt zu den Spezialitäten des Balkans, während Schweden meist mit derart glattem Pop auftritt, der selbst unter mikroskopischer Betrachtung keine Brüche oder Furchen aufweist. Von der meisterlichen Darreichung von Ethno-Pop-Trash ganz zu schweigen, hierin werden osteuropäische Staaten noch lange unerreicht bleiben. Wer keinen blassen Schimmer sein Eigen nennt, der wendet sich in der Not sogar zur Authentizität hin, versucht es mit staubtrockenem Rock. Der Song Contest bietet alles auf: Blutige Amateure, halbprofessionelle Musiker und ab und an echte Talente. Von zeigefreudigen Sternchen, deren Rocklänge wohl vom internationalen Gynäkologenverband bestimmt wurde, bis hin zu Vollblütern, deren Kunst bestenfalls im eigenen Land Anklang findet.

Das sterile Konzept der Show verlangt nach billigen Gedächtnisstützen, die den Zuseher nicht überstrapazieren. Der Veranstaltung daraus einen Strick zu drehen, heißt auch die Charts-Realitäten zu negieren. Wofür sich eine halbnackte, lediglich in Marketing-Millionen gehüllte Lady Gaga nicht zu schade scheint, das sollte der Gesangslehrerin aus Warschau oder dem frischgebackenen Casting-Starlet aus Riga nicht verwehrt bleiben. Und doch wird der Pop-Ikone in ihrem Gehabe Erotik unterstellt, während man letzteren vorurteilsbeladen osteuropäische Straßenstrichqualitäten attestiert. Der häufig proklamierte Trash-Faktor ist oft lediglich der Balken im eigenen Auge. Die Geistlosigkeit vieler Beiträge spiegelt die Fantasielosigkeit des Hitparaden-Gedudels im Radio wider, mit dem Unterschied, dass für die Produktion des Hits einer Katy Perry wesentlich mehr Geld in die Hand genommen wird. Die Ästhetik des Musikvideos mag der State of the art entsprechen, die Glitzerkostüme tatsächlich mit Diamanten anstatt Strass besetzt und am Refrain drei Monaten mehr gefeilt worden sein. Knackarschmusik bleibt aber letztlich Knackarschmusik.

Der voyeuristische Faktor des Fernsehens potentiert sich laufend. Und doch existiert ein Urbedürfnis nach Monströsitäten. Freak-Shows gab es schon immer, wo aber früher die Deformationen eines Joseph Merrick das Publikum lockte, langt heuzutage bereits schrillst mögliche Verhaltensauffälligkeit. Natürlich bedient sich manch teilnehmendes Land bis zur Fremdschamgrenze agierender Exhibitionisten, die für ein Butterbrot der Selbstausbeutung huldigen. Und die Penetration vernunftbefreiter Idiotie sollte man ruhig bemäkeln, allein man tut es kaum. Weil die Macht der Gewohnheit solch Verhalten längst schon zur Normalität erhebt. Was also lässt den Eurovision Song Contest derart belächelnswert oder spottheischend wirken?

Mehr als alle Melodien und Texte ohne Sinn und Verstand reizt das vom Boulevard angeheizte Volksempfindungen die Punktevergabe. Wenn sich südliche wie östliche Nachbarn gegenseitig Punkte zuluchsen, empört das Selbstverständnis der westlichen Länder, die sich noch immer als eigentlichen Hort der europäischen Kultur begreifen. Hier äußert sich das echte, meist auf ein bis zwei schlagzeilenträchtige Tage angelegte Dynamit des Wettbewerbs. Traumata werden geschürt, Verschwörungstheorien zelebriert, allein die Qualität des eigenen Wettbewerbbeitrags zu selten hinterfragt. Die mit kindischem Trotz vorgebrachte Ereiferung, wonach die anderen Lieder auch keine Offenbarung darstellten, entschuldigt den eigenen Bockmist kaum. Im Gegenteil, Lena Meyer-Landrut bewies 2010 in Oslo eindrucksvoll, dass man unter Einhaltung qualitativer Mindeststandards auch manch unverbrüchliche Staatenbande unterlaufen kann.

Welche Erkenntnisse liefern uns die bisherigen Halbfinali? Unter welchen Vorzeichen darf man dem morgigen Finale entgegenfiebern – oder es mit einer ordentlich Portion Argwohn über sich ergehen lassen? Die vermeintlichen Favoriten Jedward (Irland) kaschieren ihr mangelndes Talent trotz exaltierter Hampelei kaum. Ein einziges – mir will die Bezeichnung gar nicht über die Lippen kommen – Lied Lipstick lang mag diese auftoupierte Belustigung funktionieren, steht zumindest zu befürchten. Ein weiterer Tiefpunkt kommt aus dem auf Tiefpunkte spezialisierten Serbien. Ein dermaßen giftfarbiger, sich im Retro-Sumpf suhlender Wohlfühl-Song wie Čaroban, vorgetragen von einer burschikos ausstrahlungsarmen Nina ist Wasser auf die Mühlen derer, die den Song Contest mit fortwährenden Kassandrarufen begleiten. Will man über den für die letzten beiden Jahrzehnte prototypischen Beitrag zu diesem Event auf gut drei Minuten aufgeschlüsselt bekommen, empfiehlt es sich, Ungarn zu beäugen. Kati Wolf liefert mit dem sinnigen wie ironiefreien What About My Dreams? eine kräftige Pop-Ballade mit unverwüstlich gestampftem Beat und obligatorischem Backgroundchor. Wenn man nach dem penetrantesten Titel für ein Lied sucht, wird man bei Österreich fündig. The Secret bei solch einer Veranstaltung is – selbstredend – Love, weiß Nadine Beiler zu erzählen. Meine Landsleute haben zumindest eine junge Dame entsandt, die über stimmliche Qualitäten verfügt. Auf ein properes Lied wurde vergessen. Dieses Schicksal teilt auch Dänemark, dessen New Tomorrow aus einem leidlichen Refrain besteht, dargereicht von A Friend In London, die wie eine Boygroup mit gut drapierten Musikinstrumenten auftreten. Den Gipfel der Unverschämtheit erklimmt Schweden mit einem Schönling samt ausgesucht dünnem Stimmchen, welches dem Mantra Popular huldigt. Während Eric Saade unverständlicherweise das Finale erreichte, wurden allzu simpel gestrickte Refrains (Israels Dana International mit Ding Dong oder auch Emmy (Armenien) und ihr Boom Boom) 2011 durchwegs mit frühem Ausscheiden abgestraft. Die votierenden Zuseher lassen sich nicht gänzlich verarschen, wie Norwegens Stella Mwangi mit Haba Haba zurecht erfahren durfte. 2011 ist eben nicht 2010 und die Fußball-WM hat uns bereits ganz waka waka gemacht. Weshalb jedoch das milchgesichtige Musterschwiegersöhnchen Paradise Oskar mit der Weltverbesserungshymne Da Da Dam in die Entausscheidung kam, bleibt ein veritables Rätsel. Angesichts dieses finnischen Kandidaten wünscht man sich Lordi zurück.

Vereinzelte Lichtblicke gab es jedoch auch zu vermelden. Die Türkei brachte dank Yüksek Sadakat mit Live It Up eine blitzsaubere Rocknummer in Stellung, die es unter die besten 25 hätte schaffen müssen. Erfolgreicher schnitten Eldrine aus Georgien ab, die mit One More Day einen auf Linkin Park machten. Das wäre auch Bulgariens Poli Genova (Na Inat) trotz unvorteilhaftem Styling zu gönnen gewesen. So jedoch beschallen uns strunzlangweilige Rumänen, eine schrecklich altbackene Combo aus Island und ein talentfrei trällerndes Duo aus Aserbaidschan. Gesellen sich zu den vorqualifizierten Big 5, von denen lediglich Raphael Gualazzi beim italienischen Comeback dank Madness Of Love einen Hauch von Paolo Conte versprüht. Und natürlich Deutschland mit Lena einen vorzeigbaren Trumpf besitzt.

Es bleibt anzunehmen, dass die hiesigen Vorurteile nach dem Düsseldorfer Intermezzo wieder aufflammen. Dass schieres Bashing eine eingehende Bestandsaufnahme der Gründe für den Status quo verhindert. Der Eurovision Song Contest wird nie zur Brutstätte höchster Sangeskünste werden, er bildet das mehrheitliche Versagen der Programmverantwortlichen ebenso ab wie die niveaubefreiten Vorlieben der vor dem Fernsehschirm versammelten Seher. Er ist eine gewollt profillose Veranstaltung, die den Teilnehmern für 3 Minuten internationale Aufmerksamkeit verspricht, die diese mehrheitlich mit billigen Effekten auszudehnen trachten. Warum auch nicht?

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Die ungeschminkte Wahrheit über den Eurovision Song Contest 2011

  1. Oh, wann soll ich mir diesen Text durchlesen. Das ist ja ein halber Roman. Naja, ich merke schon, ihr seit im Gegensatz zu mir Feuer und Flamme. das nenne ich dann mal Leidensfähigkeit.

  2. Also Feuer und Flamme wäre wirklich zuviel gesagt. Aber schlechter als Charts-Gedudel ist das, was der Song Contest zu bieten hat, auch nicht wirklich. Von daher halte ich wenig davon, dem Song Contest das Stigma des schlechten Geschmacks zu verpassen. Und ich schreib auch mal nen halben Roman, Verkürzungen überlasse ich gern Musikjournalisten.

  3. Alles gut, alles schön, Worte über den ESC wollen wir nicht weiter verlieren, aber… „Kaff“, kommt aus Berliner Mündern hier drüben gaaanz schlecht und dünkt dem Düsseldorfer Leser nach ein klein wenig zuviel Großsprech aus noch nicht komplett austariertem Selbstwertimbalancen zu schnell zu groß gewordener Berlinlinger. Habt ihr Sophistos und Uhmnis nicht nötig. Etwas mehr buddhistische Gelassenheit und euer wunderbarer Schönschreib lässt euch noch viel mehr glänzen… und viel heller strahlen als die schönste Lightshow aller Dewotschkakonteste zusammen. Ansonsten komme ich dir mit meinen Droogs und mache einen auf Ultrabrutale.

    Verehrteste schmitzende Grüße aus dem Kaff, das endlich wieder (nahezu) knackarschfrei ist.

    😉

  4. buddhistische Gelassenheit?

    Kennen wir uns? Ich hab schon mal Yoga probiert, hat nicht viel gebracht. Wir Alpenländer sind Rumpelstilzchen, auch wenn wir in der Stadt aller Städte leben und bei mir nur die Wurzel bajuwarisch sind 😉 Meinen kernigen Ösi wird nie jemand zum meditieren bringen 😀

    DifferentStars

  5. Ach Benedikt, das Wort Kaff ist in diesem Fall nur halb so abwertend gemeint, wie du es wohl auffasst. Zumal ich eine etwaige Überheblichkeit eher aus österreichischem Empfinden heraus übe – und das keinesfalls mit Berlin zu tun hat. Der einzige Vorteil von Berlin als Austragungsort dieser Veranstaltung hätte darin gelegen, dass in dieser Stadt ein paar temporär hinzugereiste Irre wirklich nicht aufgefallen wären. Als überzeugter Europäer und noch immer irritiert Fremder in deutschen Gefilden komme ich jedoch nicht umhin, ein Düssel-what samt fragender Stirnfalte in den Äther zu schleudern. Ich hege keinerlei Zweifel, dass Düsseldorf eine nette und überschaubare Stadt ist, deren Sauberkeit und Zivilisiertheit mir ungelogen imponieren würde. Für die große europäische Bühne hingegen bleibt es hinter Metropolen wie Wien, Paris oder London zurück. Nichts anderes sollte Kaff ausdrücken.
    SVT

  6. Hups, ich vermute ihr habt diesen kaffigen Kommentar etwas zu berlinerischernst genommen. War ein Spaß aus einer der mittlerweile profansten deutschen Städte…

    Nochmal schmitzende Grüße,

    Euer euch ewig verfallener langsam verfallender Benedikt

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