Mehr Profikiller braucht das Land – Die schmuddelige Realität der Content-Farmen

Nehmen wir einmal einen Moment lang an, ich würde einen Killer engagieren wollen. Jemanden, der meine lästige Ex-Frau meuchelt, die allzu lange schon die von mir gezahlten Alimente verprasst. Oder die verschrobene Erbtante, die tagein und tagaus in ihrem Haus im Grünen hockt, dort den Lebensabend verbringt und sich nicht zum Sterben schlafen legen will. Wäre ich spendabel genug, einen Profikiller anzuheuern? Einen Fachmann, der sein Handwerk versteht, nicht zuletzt weil er einen dreijährigen Studiengang in Sachen Auftragsmord mit Schwerpunkt in Spurenverwischung belegt hat. Einen mit Brief und Siegel zum Experten abgestempelten Mörder, dessen Curriculum Vitae ausreichend Praktika und Joberfahrung belegt. Oder würde ich nach einem Laien angeln, dem kriminelle Energie als angeborenes Talent in die Wiege gelegt wurde. Der bereits im zarten Alter von zwei Jahren seinem jüngeren Bruder den Schnuller stahl. Wollte ich diese Naturbegabung für meine Zwecke benutzen und zugleich einige Geldbündel einsparen? Dafür jedoch Gefahr laufen, dass der Auftrag eventuell verpfuscht wird?

Der Berufskiller - Ein Spezialist bei der Arbeit

Wir leben in einer Gesellschaft, die wenig Berührungsängste mit Amateuren kennt. Sie sind so viel kostengünstiger und genügsamer, nahe am Hungerlohn werkend pfeifen sie meist ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Fachkräfte werden vom Gros der Arbeitgeber speziell dann hofiert, wenn ihnen das Adjektiv ausländisch auf die Stirn tätowiert scheint. Der IT-Experte aus Bangladesh oder die kirgisische Altenpflegerin sind anspruchsärmer und gezwungenermaßen nicht so impertinent, arbeitsrechtliche Mindeststandards einzufordern. Wo jedoch akrobatische Gymnastik im schriftlichen Ausdrucks erforderlich ist, kommen Verlage – oder generell Medien – nicht umhin, einheimisches Journalistengesocks zu berücksichtigen, indem man sie durch allerlei Voluntariate und Praktika schleust, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an der kurzen Leine zu halten trachtet.  Seitdem das Internet als Keimzelle des selbstausbeuterischen Laien fungiert, stehen Journalisten und andere universitär geeichte Sachkenner unter vermehrtem Druck. Jedermann und -frau fabriziert Content, mitunter sogar grammatikalisch properen. Längst liefern Blogs, Foren und ähnliche Ärgernisse Inhalte, deren thematische Verkürzungen, selbstgefällige Simpelstrickungen, enthusiastische Naivität die gesamte Palette herkömmlicher Artikel abdeckt. Für weniger als  ’n Appel und ’n Ei wird jenem Mitteilungsbedürfnis nachgegangen.

Was liegt also näher als die Geschäftsidee, die leidenschaftlichen Selbstausbeuter mit einem appetitlich Häppchen zu noch größerer Produktivität zu animieren. Frei nach dem Motto: Gib dem Affen Zucker. Unter diesem Aspekt darf man wohl das unmoralische Angebot verstehen, dass unlängst in unser E-Mail-Postfach flatterte.

Seit fast fünf Jahren bemüht sich Wikio darum, die Blogosphäre zu vernetzen und den Bloggern mehr Sichtbarkeit zu bieten. Wir freuen uns, „Lie In The Sound“ zu unseren indexierten Blogs zählen zu können! Heute laden wir Sie ein, mit uns einen Schritt weiter zu gehen. Auf de.wikio-experts.com können Sie über Ihre Interessen schreiben und dafür eine Vergütung erhalten.

Die Themenauswahl für die Beiträge ist mit rund 140 Kategorien umfangreich und vielfältig: Bildung, Basteln, Wissenschaft, Kino, High-Tech, Wirtschaft, Kochen…

„Wir sind überzeugt, dass jeder Blogger sich für bestimmte Themen begeistern kann und kompetent darüber berichten können wird. Mit Wikio Experts möchten wir Bloggern deshalb eine Möglichkeit bieten, mit ihren Beiträgen Geld zu verdienen sowie als Autoren im Netz sichtbar zu sein“, erklärt Lisa, die deutsche Community Managerin der neuen Plattform.

Gegen Ende der E-Mail wird dann auch ein verlockender Klartext gesprochen. Je nach Thema und Arbeitsaufwand würden zwischen 5 und 15 Euro geboten. Nun sind Content-Farmen kein neues Übel, vielmehr längst schmuddelige Realität. Das suchmaschinenoptimierte Geschäftsmodell lukriert Geld mit Online-Werbung, zahlt Almosen an freie Schreiberlinge, die sich im Gegenzug eine Therapie hinsichtlich gescheiterter journalistischer Lebensentwürfe ersparen. Doch sie verdeutlichen auch, warum die wahrhaft publizistische Leistung im Internet keine ausgesprochen rosige monetäre Zukunft hat. Weil die angeblich unbestechlichen Algorithmen von Google und Konsorten alle Fachmännern und Laien, die bezahlten Reporter und engagierten Blogger, befähigte und unbegabte Zeitgenossen weitestgehend nivellieren. Und so verkommt das Internet zum Saustall, in dem der Schein das Sein übergrunzt. Längst schwingen nicht etwa skrupelarme, windige kleine Unternehmer die Mistgabel, auch das zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zugehörige gutefrage.net lockt den Blogger per Mail.

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Welch Blogger würde angesichts dieser Verlockung nicht auf die Idee kommen, das zu gutefrage.net zählende Portal pointoo.de lobend zu erwähnen? Nun zum Beispiel der werte bloggende Kollege von Schallgrenzen, der die anläßlich des Song Contests erhaltene Mail eher wutschnaufend wahrgenommen hat. Anscheinend besitzt Peter bereits einen dieser coolen HandyCleaner. Der zum Behufe der Hobbybefriedigung aktive Blogger wird als augenscheinlich als unfassbar dummes Wesen wahrgenommen. Eine Kreatur, die für ein paar Euro wortspenderische Männchen macht oder für ein kleines Gadget alles verlinkt, was nicht bei drei auf den Bäumen weilt.

Es gleicht einem unfairen Kampf. In der einen Ecke die bereits mit Cut unter dem Auge schwer angezählten Journalisten und auf der anderen Seite die bar jedweden Firlefanzes eines gelernten publizistischen Handwerks agierenden Steckpferdautoren, welche ohne Unterlass unbekümmerte Aufwärtshaken anbringen. Und doch sind beide letztlich Verlierer. Diejenigen, die mit billigem Content zu jonglieren wissen, dürfen sich wirklich ins Fäustchen lachen – wie das oben angezeigte Beispiel Wikio vermuten lässt. Was mit der nicht unpraktischen Indizierung von Beiträgen und Artikeln beginnt, mutiert zur Content-Farm, welche Inhalte zum Schleuderpreis abstauben möchte. Im gerechtfertigten Vertrauen darauf, dass weder die Leser noch die freien Mitarbeiter das System durchschauen wollen.

Ich möchte nochmals das Bild des Profikillers aufnehmen. Ich für meinen Teil würde dem mit Urkunde im Anschlag bereit stehenden Journalisten noch mehr vertrauen. Nicht etwa deshalb, weil der Laie völlig unbeleckt wäre. Au contraire, Stümper gibt es immer und überall. Allerdings zeigt und lehrt das Leben, dass handwerklich solide Arbeit ihren Preis verdient. Qualität ist kein Nebenprodukt von Arbeit, sie dient als zentrales Erkennungsmerkmal. Für einen blitzsauberen Kopfschuss braucht es ein wohltrainiertes Kampfgeschwader der Navy SEALs und nicht etwa den Schorsch, seines Zeichens frischgebackenes Mitglied des hiesigen Schützenvereins. Solange im Internet aktive Firmen nahezu jeden Möchtegern für die Drecksarbeit anheuern und mit ein paar Cent abspeisen, wird die Schreibe im Internet zu selten einen Blattschuss landen. Ordentlicher Lohn für gute Leistungen, das würde den bisherigen Edelbloggern eine berufliche Perspektive eröffnen und den die feine Feder führenden Journalisten einen Verdrängungswettbewerb ersparen.

Link:

Texten für die Contentfarm – Ein Beitrag von Breitband auf Deutschlandradio Kultur

Update:

Noch ein Link, der unterstreicht, dass Dumpinghonorare immer mehr um sich greifen:

Qualitätsautoren (!) bei PC-Welt gesucht, für 10 Euro pro News

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Mehr Profikiller braucht das Land – Die schmuddelige Realität der Content-Farmen

  1. Hast Du vor dem Verfassen dieses Beitrages Blut getrunken? Aber Du hast schon Recht. Diese Idioten dort Draußen versuchen immer und immer wieder, einen über den Tisch zu ziehen. Und das mit lächerlichen Brosamen die von Rechts wegen in den gelben Sack gehören. Ich schätze mal, die armen Irren glauben wirklich, das jemand, der tagtäglich aus reinem Spaß an der Sache bloggt und nicht mit lächerlichen Krimskram käuflich ist, nicht alle Tassen im Schrank hat. Dabei ist es genau umgekehrt. Und mich ärgern auch diese permanenten Anfragen wegen Linktausch oder Verkauf. Das nervt. Und nein,das HandyCleaner Dingsbums habe ich noch nicht.

    Und mit diesen Wikio-Quatsch habe ich meine Probleme. Ich habe denen bereits mehrmals eine Mail geschickt, damit mein Blog entfernt wird. Scheint wohl nicht zu klappen.

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