Release Gestöber 6 (Über Anti-Gaga-Gene, Bärbeißigkeit und einen schwarzen Atlantik))

Und wieder einige Zeilen zu jüngsten Veröffentlichungen…

Lady Gaga

Im Falle Dieter Bohlens darf man noch Verschwörungstherorien huldigen, möchte man die deutsche Öffentlichkeit unter den Generalverdacht stellen, dass sie einen in die Jahre gekommenen Pop-Titanen lediglich verarscht, seiner Musik Gefallen vorgaukelt. Man kauft die vermeintlichen Hits, nur um den Herren bei der Stange zu halten und sich an der allwöchentlichen Selbstentlarvung Bohlens zu ergötzen. Junge Talente geben bei DSDS vor, in unendliche Ehrfurcht zu verfallen und überschauspielern die Chose hemmungslos. Trash as Trash can. Doch nicht immer ist das Zugpferd eines Trash-Vehikels völlig ahnungslos. Lady Gaga beispielsweise würzt ihre Song-Marginalien mit wildgewordener Erotik. Das rettet ihr neues Album Born This Way zwar in keinster Weise, aber ihr forsches Auftreten lässt sie die Strippen ziehen und den Fans auf der Nase herumtanzen. Ihren ikonesken Status erlangt sie, weil sie allen ein „Verdammte Scheiße, yeah“ ins Gesicht schleudert und mit aufreizender Offensichtlichkeit in den Grabbeltischen der Musikhistorie herumwühlt. Eine Perücke und offenherzige Kleidung ergänzen die Chose, der es letztendlich an der Radikalität Madonnas und der Spears’schen Naivität mangelt.


Lady Gaga – Born This Way von universalmusicdeutschland

Wie sie sich derart selbstbewusst zur Ideenarmut bekennt, das verdient Respekt. Einen Song wie Judas hat man so schon ungezählte Male gehört, zugegeben meist billiger gemacht. Geradezu unsägliche Euro-Disco-Beats zieren die Platte, machen sie zur altbackenen, kümmerlichen Nullnummer, deren Allüren in schmerzfrei aufgesextem 80er-Pop bestehen. Lady Gaga produziert Ramsch mit Attitüde. Aufgepeppt durch ein Sperrfeuer bierernster Markigkeit, das selbst völligem Humbug (Americano) Rückendeckung gibt. Zur Not macht Lady Gaga auch vor Dada-Gebrabbel (Scheiße) nicht halt. All jene Ablenkungen degradieren die Musik zur Nebensache, schwenken den Blick auf eine Diva, die das Rampenlicht zu ihrer Spielwiese erklärt. Der Jubel eines ihr gänzlich verfallenen Publikums ist Lady Gaga sicher. Soviel Verarsche weckt mein Anti-Gaga-Gen.

Born This Way ist am 23.05.11 auf Interscope erschienen.

Moon Duo

Photo Credit: Aylin Gungor

Psychedelischer Rock mit einer Bärbeißigkeit, die nicht charmelos anmutet. Dergestalt agieren Moon Duo. Und wenngleich Gitarrist und Sänger Ripley Johnson mit seiner zotteligen Gesichtsbehaarung jeden Mann im Mond in die Flucht schlagen würde, darf man seinen Sound durchaus gepflegt nennen. Das Album Mazes wuselt vor sich hin, von Gitarre und Orgel getragen. Manchmal windschief, manchmal repetitiv, immer vollmondig beseelt. Hervorstechend das gleich einem vor sich hin düsenden Raumschiff schnurrende Seer, der überaus gefällige Garage Rock des Titeltracks und das hinreißend spacige Run Around. Moon Duo imponieren mit einem vermeintlich unauffälligen Album, welches dank seiner herben Note ganz viel Fahrt aufnimmt. Ohne Wenn und Aber empfehlenswert.

Moon Duo – Mazes by souterraintransmissions
Der Track Mazes ist hier als kostenloser Download verfügbar.

Mazes ist am 01.04.11 auf Souterrain Transmissions erschienen.

The Black Atlantic

Photo Credit: Luca Venter

Empfindsamer Folk-Pop, der aus allen Emotionsdrüsen spritzt, dabei allerdings eine tagträumerische Schüchternheit im Spiel pflegt. So darf man sich die Musik der niederländischen Formation The Black Atlantic vorstellen. Meiner Beschreibung haftet keinerlei Bösartigkeit an, wenn ich den pittoresken Melodien und Lyrics eine Andächtigkeit unterstelle, die geradezu nach Stimulanzien dürstet. Wer einer Entschleunigung harrt und Gedankenbilder in Zeitlupe vor dem geistigen Auge vorbeiziehen sehen möchte, darf sich ob des Albums Reverence for Fallen Trees glücklich schätzen. Am Ebenmaß der Lieder besteht meines Erachtens nicht der geringste Zweifel. Und Zeilen wie „A sad and wonderful plea/ Of eerie depths and cool embrace/ I am in this blighted place/ And, I am haunted by an ocean that beckons me“ aus An Ocean and Peril sind mächtig, schicksalsträchtig gepinselt – und doch ab und an eine Nuance zu sehr gewispert, verzagt geflüstert. So als wollte man die Stimme nicht erheben, um das in der Ecke des Tonstudios schlummernde Baby ja nicht zu wecken. Dass das Album mit anderthalb Jahren Verspätung auch in deutschsprachigen Breiten eine Veröffentlichung erfährt, sollte zartbesaitete Gemüter nichtsdestotrotz mit Freude erfüllen. The Black Atlantic erweichen mit diesem gedämpften Werk Steine, ach was sag ich: Felsen! Heirloom zählt zu den schönsten Klängen, auch Walked-On Wood spinnt einen betörenden Zauber und das aufgeräumtere Madagascar reicht sogar an die lichten Sphären eines Tony Dekker (Great Lake Swimmers) heran. Ein größeres Kompliment kann ich eigentlich nicht vergeben.

Reverence for Fallen Trees ist am 15.04.11 auf Haldern Pop Recordings erschienen.

Konzerttermine:

12.06.11 Stuttgart – Café Galao
13.06.11 Zürich (CH) – El Lokal
14.06.11 Reutlingen – Better2Gether
15.06.11 Nürnberg – Club Stereo
16.06.11 Oberhausen – Drucklufthaus
17.06.11 Bremen – MS Treue

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Release Gestöber 6 (Über Anti-Gaga-Gene, Bärbeißigkeit und einen schwarzen Atlantik))

  1. Wie oft erscheint denn Reverence For The Fallen Trees noch? Tolles Album, nebenbei.

    Bei Lady Gaga gefällt mir übrigens der Dada-Aspekt recht gut (der ja nicht nur in Scheiße drin ist), der Dada zwar ad absurdum führt, aber beim Vorgänger der Schlüssel zu ihrer Musik war. Und Americano ist wirklich völlig behämmert.

  2. Wie oft erscheint denn Reverence For The Fallen Trees noch?

    Hab ich mich auch grad gefragt, das halbe Dutzend an Labels inkl. free Download seit 2009 dürfte mittlerweile voll sein 😉 Ist aber auch wahrlich ein tolles Album.

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