Stippvisite 04/05/11

Noch vor einem Jahr habe ich eine Stunde pro Tag auf das Lesen von Musikmagazinen und Blogs verwandt. Mittlerweile jedoch selbstbeschränke ich mich auf wenige Minuten. Mir fehlt es schlicht und ergreifend an der Geduld. Ich fühle nicht länger die Notwendigkeit, die ungezählten Meinungen und Nachrichten aufzusaugen. Es wird zu oft geschnattert und zu wenig formuliert, es wird mit dem Fallbeil der eigenen Präferenzen gemetzelt oder in jungspundischem Übermut das nächste große Ding präsentiert. Der Mangel an besonnenen Abwägungen, verbunden mir einem sprachlichen Ausdruck, der über den Wortschatz eines Kaffeekränzchen hinaus geht, all das langweilt mich. Das Schreiben über Musik wird im deutschen Raum relativ humorlos vollzogen, ein weiterer Minuspunkt. Aber es existieren auch bloggende Lichtblicke, Leuchttürme im plätschernden Meer geschmacksbefreiten Tosens. In deren Lichtstrahlen tanzt die eine oder andere Entdeckung. Heute möchte ich – mal wieder – die jüngsten Erleuchtungen bündeln.

Schwedentipp:

Es gibt Songs, die sich geradezu unwiderstehlich ins Ohr schmiegen, sanft in die Gehörgänge betten. Das Lied The Catcher in the Rye trällert angenehm zurückhaltend, lieblich-frisch. Erinnert ein wenig an einen Stephin Merritt (The Magnetic Fields) zu Zeiten der 69 Love Songs. Mit dieser charmanten Debütsingle macht der unter dem Namen Azure Blue werkende schwedische Singer-Songwriter Tobias Isaksson auf alle Fälle Lust auf mehr. Was aus schwedischen Gefilden Jahr für Jahr hervorschallt, das imponiert mir zum Quadrat. (gefunden bei Coast Is Clear, wo auch sonst?)

The Catcher in the Rye by Azure Blue

Prophetentipp:

Bravestation – White Wolves from Humming Records on Vimeo.

Wenn ich anhand eines einzigen Titels das nächste große Indie-Dingsbums benennen sollte, dann käme mir derzeit Bravestation in den Sinn. Nach gefühlten 30 Hördurchläufen binnen der letzten Tage gewinnt der Song White Wolves beständig an Potential. Obwohl ich nicht eben mit übermäßiger prophetischer Gabe gesegnet bin, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass den Kanadiern Erfolg beschieden ist. Damit sich das feine Lied auch wirklich in den Ohren verfestigt, ist White Wolves auf bandcamp kostenlos verfügbar. (via Days Of Music)

Entdeckertipp:

Ab und an finde ich auch selbst ein Liedchen, dass mich mitseufzen oder mitträllern lässt. Seit über einem Jahr schon will ich den Song Fool’s Gold den Lesern ans Herz legen. Die kanadische Liedermacherin Leah Abramson hat 2010 unter dem Namen The Abramson Singers ein gleichnamiges Debüt vorgelegt, dass eine Handvoll wirklich gute, folkige Titel im Köcher hat. Speziell bezaubernd, zeitlos edel fällt eben besagtes Fool’s Gold aus. Wer gleich mir auf den Geschmack gekommen ist, darf es sich den kostenlosen Download hier zu Gemüte führen.

Kontrasttipp:

Mitten in dieser so hektischen Zeit, die uns alle zur Hast erzieht, trachtet auch die überwiegende Mehrheit von Musik danach, binnen einer Minute auf den Punkt zu kommen, ehe dem Hörer der Geduldsfaden reißt. Welch wohltuendes Kontrastprogramm doch der Post-Rock bietet! Wie sich gediegener Post-Rock geradezu aufreizend langsam entfaltet,  immer wieder Brüche in die epische Breite legt, das begeistert mich stets neu. Ein Paradebeispiel dafür liefern Annapurna, eine Band aus Belfast, mit ihrem Song I am a Leaf ab. 13 intensive Minuten, die das Genre in aller Pracht zum Schillern bringen. Famos. (natürlich via Schallgrenzen)

Balladentipp:

Wenn ich irgendwo lese, dass eine Sängerin in den besten Momenten an Joni Mitchell erinnert, dann regt sich in mir Widerstand und meine Augenbrauen bauschen sich nach vorn, begleiten einen finsteren Blick. Nur fürs Protokoll: Was Joni Mitchell mit dem Album Hejira erschaffen hat, das wird alle Jubeljahre höchstens mal annähernd erreicht. Julian von Die Kopfhoerer wagt die These, dass Yael Naim auf dem Zenit ihrer Kunst ähnlich magische Augenblicke vollbringt. Das sehe ich zwar nicht so, aber der Song Today ist von schlechten Eltern nicht. Das Album She was a Boy ist soeben erschienen.


Yael Naim – Today von Le_Live

Das soll es für heute auch schon gewesen sein. Viel Vergnügen mit den Empfehlungen.

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Stippvisite 04/05/11

  1. Fühle mich jetzt einfach mal angesprochen. Abstreiten kann ich deine Aussage nicht, das will ich auch nicht, denn es stört mich nicht. Bei mir ist es einfach der Spaß an der Freude, der mich beim Bloggen motiviert. Mein Blog ist wie ein Klebezettel am Kühlschrank. Da ist es nicht wichtig wie formuliert wird und wenn die Rechtschreibung mal nicht stimmt, ist das zwar peinlich aber nicht schlimm.

    Entscheidend ist meiner Meinung nach die Erwartungshaltung. Beispiel: Wenn ich Lie In The Sound, Der Impuls oder Pretty Paracetamol(natürlich alles unterschiedliche Formate) besuche, erwarte ich gute Texte über tolle Bands; Konzerte; Kritiken und einfach mal gute Musik. Bekomme ich dann auch. Also alles ist gut. Wenn ich Days Of Music besuche kann ich das nicht erwarten. Umso schöner ist es, wenn man dann den ein oder anderen guten Tipp bekommt oder sich ein schönes Video ansieht. 😉

    Ich hoffe ihr wisst was ich meine…

  2. He he, war klar, dass da was kommt! Es bezog sich auch direkt auf den Song „Today“, bei dem ich nur dachte: „Joni Mitchell“. Aber Yael Naim ist schon eine ganz Große!

    Danke für das indirekte Lob 🙂

  3. Hi Carla,

    du warst nicht gemeint, sonst hätten wir dich nicht in unsere Blogroll. Wir müssen halt weiter unseren Ruf als Snobs pflegen und immer auch lästern 😉

    Liebe Grüße
    DifferentStars

  4. das hatte ich auch nicht so aufgefasst, also danke 🙂

    mir gefällt eure ‚kritik‘, weil ich es wichtig finde nicht blind zu konsumieren. sei es blogs oder musik ansich. wollte auch nur mal einen anderen(meinen) standpunkt deutlich machen. 😉

    liebe grüße an euch 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.