Alter Wein in neuen Schläuchen – Quo vadis, Reclam?

Heute will ich offen bekennen, dass ich – noch ehe die Musik in den Vordergrund meines Lebens rückte – einer ebenfalls mächtigen Leidenschaft frönte, der Leserattenexistenz nämlich. Bereits während meiner Jahre als Teenager verschlung ich Bücher, griff tief in die Taschen, um auch den letzten Groschen meines Taschengeldes für Lesestoff aufzuwenden. Das allein wäre nun sogar heutzutage, Harry Potter sei Dank, kein absonderliches Verhalten, welches besorgte Eltern als Entwicklungsstörung klassifizieren könnten. Ich hingegen pflegte eine ausgepräge Vorliebe für die in der Regel gelben, dünnen Heftchen von Reclam. Ja, genau jene, mit denen Generationen von Deutschlehrern ihre Schüler drangsalierten! Ich las mich quer durch die Weltliteratur, mit Mut zur Lücke und Hang zum Obskurem. Scheute auch vor den orangefarbenen, zweisprachigen Ausgaben nie zurück. Bis heute gehört Der Ackermann und der Tod von Johannes von Tepl zu den eindringlichsten Stücken Literatur, die ich je gelesen habe.

Nicht zuletzt wegen meiner ausgeprägten Affinität zu Reclam wurde ich hellhörig, als mir im Februar per E-Mail verkündet wurde, dass nun auch eine Reclam Musik Edition ins Leben gerufen würde. Reclam bleibt für mich stets Synonym für erschwingliche Klassiker, welche man für sich entdecken darf – und nicht muss. Zugleich konterkariert Reclam das bildungsbürgerliche Streben nach Schein, indem der Verlag Meilensteine der Literatur in unscheinbaren wie unverkennbaren Büchlein kultiviert, allgemein erschwinglich macht und sich eben nicht auf edel aufgemachte Wälzer fokussiert, die vielfach vorzeigbares Kernstück einer jeden Büchersammlung vermeintlich belesener Kreises bilden. Zugleich bietet Reclam oft kurze Einführungen oder Nachworte, die Novelle wie Theaterstück nicht völlig nackt dastehen lassen. Und ähnlichen Mehrwert erwartete ich denn auch von besagter Musik Edition, deren ersten 3 Ausgaben nun vor mir auf dem Tisch liegen.

Als alter Jünger eines Johnny Cash, der ich mich nach wie vor rühme, den Mann in Schwarz zweimal live gesehen zu haben. Der ich schon mal von einem wildfremden Menschen einen Drink spendiert bekam, weil ich mit breiter Brust ein cooles T-Shirt mit der zerfurcht-beeindrucken Visage Cashs trug.  Kurz gesagt, als verzücktem Fan freut es mich natürlich, dass ausgerechnet eine Zusammenstellung des Cashschen Wirkens die neue Reclam-Reihe eröffnet. Das darf man Sony als Partner Reclams verdanken, die hierfür den Backkatalog geplündert haben. Doch hält die Prämisse der Reihe, All Time Best nämlich, einer nähren Überprüfung stand? Meine derartig plakativ geäußerte Frage provoziert zwangsläufig ein Nein. Die Mechanismen der Musikindustrie führen natürlich zu einer verkürzten Darreichung seines Werkes. Was Cash in den letzten 10 Jahren seines Lebens an Famositäten geleistet hat, diese überragenden American Recordings fehlen gänzlich, weil bei einem anderen Label erschienen. Im Falle von Kompilationen der größten Hits sind Erfolge bei anderen Plattenfirmen prinzipiell in ein Paralleluniversum verbannt. Vorliegende Edition präsentiert somit Cash über den Zeitraum vom Ende der 50er-Jahre an bis zu seinem Bruch mit Columbia in den Achtzigern. Selbstverständlich ergibt sich allein aus der Fülle von Material wahrlich kein Mangel an Liedern, die für eine Zusammenstellung in Betracht kommen.

Tatsächlich exisitieren bereits ein paar Versuche dem Werk Cashs gerecht zu werden und ungezählte, die nur auf kommerzielle Ausbeutung abzielen. Aus Wohlwollen möchte man Reclams Ausgabe mit Liner Notes und zeitlicher Einordnung des Schaffens durchaus eine lobenswerte Attitüde unterstellen. Freilich mit einem unverzeihlichen Schönheitsfehler behaftet. Eben diese Zusammenstellung mit dem identen Tracklisting existiert bereits unter dem Titel The Man in Black (The Definitive Collection), aktuell bei amazon um fast 3 Euro günstiger erhältlich. Vermutlich ohne Liner Notes und nicht in das distinktive Gelb Reclams gegossen, aber trotzdem hört man alten Wein in neuen Schläuchen rieseln. Obzwar die Zusammenstellung durchaus befriedigend gewählt scheint, Klassiker wie Ring Of Fire, Folsom Prison Blues, A Boy Named Sue oder I Walk The Line fehlen ebensowenig wie das wunderbare Cover von Springsteens Highway Patrolman, verabsäumt es Reclam, Sony mehr als nur ein kultiges Design zu bescheren.

Die zweite CD der Reclam Musik Edition widmet sich Miles Davis. Ich zähle mich keineswegs zu den ausgewiesen Jazz-Connaisseuren, komme aber nicht umhin, Davis für Tracks wie In A Silent Way und Jean Pierre zu vergöttern. Beide Titel fehlen auf der Ausgabe von All Time Best, deren Untertitel Cool & Collected wenigstens offenlegt, dass diese Auslese bereits vorher in der gleichen Form existierte (und bei amazon wiederum billiger zu haben ist). Ob eine Werksschau allerdings die Interpretationen von Time After Time und Human Nature auf diese Scheibe packen musste? Das wage ich als weiteres Minuspünktchen zu werten.

Die dritte Ausgabe schließlich heftet sich Bob Dylan auf die Fahnen, dieses Mal an dem 2007 erschienen Sampler Dylan orientiert. Auch hier wird dem ausgesprochenen Fan kein zwingender Mehrwert geboten, der einen Kauf uneingeschränkt rechtfertigen würde. Dem unbeleckten Laien freilich mag die geballte Kraft von Liedern wie Hurricane, Like A Rolling Stone, Blowin‘ In The Wind oder Tangled Up In Blue ein musikalisches Universum eröffnen, welches Musik von ihrer tiefgängigsten und eindringlichsten Seite präsentiert. Doch spätestens mit dieser CD drängt sich mir eine Grundsatzfrage auf.

Für welche Zielgruppe wurde die Reclam Musik Edition entworfen? Wohl kaum für gedankenlose Zeitgenossen, die ihre Albensammlung durch Greatest Hits vom Grabbeltisch komplettieren, oder Käuferinnen, die ab und an mal in der Stimmung für Jazz sind und sogleich ihre Wohnung mit CDs à la Jazz for Lovers beschallen. Der ernsthaftere, anspruchsgeprägte Musikliebhaber wird in aller Regel bereits eine hochwertige, in ein Box-Set gefasste Werksschau in seinem Besitz wissen. Ob dem heutigen Jungspund Reclam noch ausreichned als Inbegriff für günstige Meisterwerke der Literatur im Gedächtnis verhaftet ist, um auch hinsichtlich der Musik als gute Wahl erachtet zu werden?

So sehr ich mich prinzipiell mit dem Gedanken einer Reclam Musik Edition anfreunden kann, so verbesserungswürdig erscheint mir das Konzept. Wenn der Partner Sony alternative Versionen bekannter Klassiker, denkwürdige Live-Aufnahmen oder manch Rarität springen lassen würde, könnte sich diese Reihe durchaus zu einem Meilenstein mausern, den Namen Reclam über den Literaturbetrieb hinaus mit zusätzlichem Glanz erfüllen. So wie sich der Auftakt der Edition bis dato präsentiert, fehlt der typische Kaufanreiz, welcher Reclam generell adelt: Der Preis. Ich hoffe doch sehr, dass Reclam und Partner Sony über Sinn und Zweck dieses nicht uncharmanten Angebots nochmals brüten. Alter Wein in neuen Schläuchen kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Sonst müsste ich mich wirklich zu einem „Quo vadis, Reclam?“ hinreißen lassen.

Link:

Reclam Musik Edition

SomeVapourTrails

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