Das Wetterphänomen M185 oder Sonne über Wien

Persönlich halte ich Indie für ein sagenhaft unterschätztes Wetterphänomen. Während sich in Tonstudios vieler Mainstream-Acts eine sterile Atmosphäre verfestigt, in der sich kein Luftwirbelchen regt, tost es in Indie-Kaschemmen doch heftig. Wo sich zwei oder drei Apostel der Indie-Musik zusammenfinden, in einem chronisch unaufgeräumten, miefigen Proberaum die Sau aus ihren Instrumenten raus lassen, fehlt es selten an einem verpeilten Bandmitglied, das inmitten der schönsten Session verspätet wie zerknautscht in der Tür steht und vom bereits in vollem Gange befindlichen Treiben überrascht die Armbanduhr konsultiert. Dieser Moment der Irritation reicht bereits aus, um die ordentlich unter Dampf stehende Luft nach außen dringen zu lassen, wo sie sich zu einem Tiefdruckgebiet aufplustert. Sieben Tage Regenwetter – und das nur, weil ein Bassist ob dem Vervollständigen seiner Pornosammlung viel zu lange durch das Internet geschlurft ist und darüber den Probenbeginn versäumt hat. Natürlich existiert auch manch Band, deren Melodien die Sonne dauerhaft auf dem Zenit festpinnen. Eben deshalb will ich der österreichischen Formation M185 zu geöffneten Türen raten, zu einem abgestimmt abwechselnd verspätetem Eintrudeln. Dann scheint dauerhafte Sonne garantiert.

Photo Credit: Martin Stöbich

M185 praktizieren gitarrigen Indie-Pop, bisweilen affenzahnig vorwärts preschend, ergriffen ausladend, auch mal auf dem Catwalk entlang stolzierend – dabei ab und an einen süßen, kleinen Racker von einem Kinkerlitzchen an der Hand führend. Niemals allzu straight, immer auf Zack. Dem Album Let The Light In haftet keine Sekunde lang der Muff Wiener Gemeindebauten an, mehr fühlt man sich auf die Dachterrasse eines Wiener Lofts verpflanzt, von wo man den Sound durch einen nahezu wolkenlosen Himmel spinstern beobachtet. Floating strömt auf einer einsam rauschebärtigen Wolke am Firmament vorbei, schwebt aller Träume leicht über der Watte auf Blau. Oder Space Bum Rocket Kid, welches wie eine vom Flughafen Schwechat in die Höhe steigende Boeing anmutet, am Horizont Fahrt aufnimmt, einen milchigen Kondensstreifen in den Himmel brennt. Mit einer einzigen über das Wiener Häusermeer hinwegschweifenden Geste entlädt Strange Weather den inneren Bono, während The City And The Beat der Stadt eine frische Modernität überstülpt, die der österreichischen Gemütlichkeit diametral entgegensteht. 500 Seconds From The Sun lässt die Donaumetropole hinter sich, taucht majestätisch über die Vorstädte hinfort, lichtern durch die flirrenden Strahlen tanzend. Eine weite, satte Helle werfend, gleich 100 Tage Sonnenschein.

Ich kokettiere mit Herrn und Frau Superlativ, um den markantesten Momenten Wortungetüme an die Seite zu stellen. In den musikalisch cleversten, gesanglich herrlich lässigen Augenblicken driften M185 in eine Launigkeit ab, die ganze Stadien samt Menschenmassen in grelles Licht taucht. Wird aus dem Hinterhofproberaumindiegeschrammel ein warmer Sound, der sommerlich gefärbten Gemütern Flecken auf die Wangen pinselt und jedes Festivalpublikum in wonnige Wallung zu versetzt. Let The Light In ist eine gewiefte Platte und M185 der neue Fixstern – nicht nur über österreichischen Gefilden.

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Let The Light In ist am 10.11.11 auf Speed of Light Records erschienen.

Konzerttermin:

11.06.11 Wien (A) – WUK (Album Release Party)

Links:

Offizielle Homepage (mit Album-Stream)

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