Der Traum vom Traum zu träumen – Amon Tobin

In den besten Momenten gerät Electronica zum Fass ohne Boden, aus dem immer neue, verschieden gestaltige Imaginationskaskaden quillen. Wenn Synthies und Samples eine Fantasie gestalten, die wie in Trance durch Surrealitäten gleitet, Unwirkliches mit Faszination bestückt. Was der Brasilianer Amon Tobin mit dem jüngsten Werk ISAM vollführt, rattert tief in die Eingeweide des Hörers. Schlingert durch das Bizarre und Groteske in einen Traum, der einen anderen Traum träumt. Und über dem Eingang ins Schlummerland prangt im konkreten Fall der Name Kafka neolichtern. Um die Klangmonster Tobins vorstellbar zu visualisieren, bedarf es des Gedanken an einen soeben in Morpheus‘ Armen ruhenden Menschen, der sich im Schlaf als kleiner, schnarchiger Käfer wieder findet, welcher unter seinem Blütendach von Alpträumen gepeinigt scheint, dabei mit allen Extremitäten nervös zappelt, weil ihm der Traum vorgaukelt, Mensch zu sein, überdimensioniert, ungeschickt wackelig, auf tönernen Füßen vor sich stolpernd. Ein in Zeitlupe wankendes, schlaksiges Ungetüm, durch eine skurrile Fremde torkelnd, in der Sirenen betörend hauchen, Zauber streuen, über ein Minenfeld von Abgründen locken.

ISAM lebt von der Prämisse, dass ein Abtauchen in die so organisch wie maschinesken Gefilde die Facetten der Electronica samt und sonders auswringt, den Sturz nicht einfach nur in einem melodiös plüschigen Bettchen enden lässt. Das Album experimentiert bis an die Schmerzgrenze, scheinbar ziellos, von metallischem Kreuchen und Fleuchen hin zur Querung magischer Haine. Es macht den Hörer zum Protagonisten eines Sci-Fi-Märchens, der ein Stück weit die eigenen Fantasien in die Musik projiziert, den Sound zur Zielscheibe der persönlichen Dunkelträume macht. Jene Anschmiegssamkeit von ISAM äußert sich auch in der Verwendung des Werk für die Installation Control Over Nature der Künstlerin Tessa Farmer.

‚ISAM‘ – Full album with track-by-track commentary from Amon Tobin by Amon Tobin

Man darf an Amon Tobin als elektronischen Virtuosen durchaus höchste Maßstäbe anlegen – und ihn somit auch gänzlich nicht vor Kritik verschonen. So verabsäumt er es dem finalen Track Dropped From The Sky eine Auflösung mitzugeben, die über eine komprimierte Zusammenfassung hinausgeht. Ein Fingerschnippen fehlt, das jene die Hypnose bricht,  die der Opener Journeyman begründet. Das Downtempo-Stück Journeyman gräbt gleich zu Beginn tiefe Furchen der Betörung, lullt ein, geräuscht sich unheimlich voran. Erlaubt den Traum vom Traum zu träumen, den die Soundcollagen Piece Of Paper und Goto 10 staksigen Schritts  durchstelzen. Letzteres mit einer bis in die Haarspitzen reichenden Intensität. Solch ein gehäckselter Beginn mündet in das elfenhaft bestrickende Lost & Found, gefolgt von einem wabbernden Labyrinth der Verlockung (Wooden Toy), welches sich wie ein Karussell vor dem Hörer dreht. Mit dem Intermezzo Calculate erreicht die melodische Süße ihren fiependen Höhepunkt, ehe Kitty Cat eine irritierende Posse abliefert, die Sequenz abstruser Versuchungen in den Bedtime Stories ihr Ende erreicht. Den Protagonisten in einen irritierenden, unheilvollen Schlummer voller Ambient (Night Swim) entlässt.

Amon Tobin ‚ISAM‘ Live (Extended Trailer) from Ninja Tune on Vimeo.

Amon Tobin beansprucht den Electronica-Fan, ISAM verlangt eine Verkopfung der Gefühle. Assoziationen, wie sie keine Schmetterlinge im Bauch erzeugen können, eher vielmehr Fledermäuse im Gehirn oder Mistkäfer auf der Seele. Tobin klittert nie Bruchstückhaftes zu einem großen Ganzen, er überantwortet uns die Splitter, die wir zu tiefgründigen Imaginationen zusammenfügen.

ISAM ist am 20.05.11 auf Ninja Tune erschienen.

Konzerttermin:

09.06.11 Berlin – Astra Kulturhaus

Link:

Offizielle Homepage

Webseite von ISAM

SomeVapourTrails

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