Mit müdem Augenaufschlag und teilnehmendem Kaffeehausblick – mob

Wer die Seele in melancholische Schwingungen versetzt, nachdenklich auf einem samtenen Sofa vor sich hin sinniert, dem könnten mit einem schlicht treffenden Gedankenblitz die Worte „Ich will nicht schlafen gehen, ich träume auch so.“ durchs Gehirn quillen. Schwermut muss nicht zwangsläufig grau in grau ausgepinselt verstumpfen, sondern kann auch – angestachelt von der Blauen Stunde – in sattem Kobaltblau ausschraffiert werden. Der östereichische Formation mob hatte ich bereits anlässlich ihres Erstlingswerks Mich kriegt ihr nicht einige Worte ins Weiß dieses Blogs gemeißelt. Auch das vor einem halben Jahr erschiene, selbstbetitelte Nachfolgewerk will ich mit nun einigen Zeilen würdigen, nicht zuletzt weil es Larmoyanz sowie Subtilitäten voll weichem Ausdruck skizziert. Das archetypisch alpenrepublikanische Wesen – von kernigen Tirolern einmal abgesehen – mit seinem poetischen Defätismus und einer bestrickenden Grummeligkeit unterscheidet sich nämlich so wohltuend wie ursprünglich von der knorrigen Direktheit oder dem gar barschen Blaffen, mit welchem viele Deutsche – Bayern ausgeklammert – oft einen Tick zu robust – auch musikalisch – auftreten.

mobs malerische Note zeugt von textlicher Finesse, besticht durch den traumtänzelnden, von Raphael Sas wundervoll dargebotenen sentimentalen Gesang. Bereits die ersten Zeilen des Albums geben den Grundton vor. „Während mich die Stunden zählen, lebt der Tag in mich hinein.“ taucht in lethargische Sphären ab. Ich bin leicht übertüncht sämtliche Realitäten, lotst den Hörer in einen anhaltenden Bann. Hinter den Mauern verfestigt die Stimmung, zeichnet einen passiven, grüblerisch desorientierten Helden („Eine Nacht ist unendlich lang, ohne ein Jetzt, nur ein Irgendwann.„), der sich sehnsuchtsvoll auf die Schwingen des Schicksals legt. mobs Lieder schauen oft tief ins Glas, wirken sentimental, geben Beobachtungen ohne schwere Zunge wieder. Brüten ausgiebig über Betrachtungen fremder Existenzen (Hundeleben), mit müdem Augenaufschlag und teilnehmendem Kaffeehausblick, so gefühlsduselig und dennoch nüchtern. Die ganze Güte der Band kulminiert im eingangs zitierten Ich träume auch so. Hier durchzechen mob schwermütig seelenvoll die grüblerischen Anwandlungen mitternächtlicher oder frühmorgendlicher Stunden. Davon weiß auch Schäbiges Lokal ein erinnerungstrunkenes Lied zu singen, als Abgesang auf die durchfeierten, wundersam verschwendeten Nächte der Jugend, von der verkaterter Erkenntnis berührt: „Und immer wenn wir fallen, fällt ein Teil von uns zu hart, und steht nicht wieder auf„.

Wie die Träumer Sas, Franke, Franke, Schwarz chansonesquen Pop mit der ach so ehrenwerten Wiener Liedermachertraditionen verbinden, dabei auf mit Dialekt verbrämten Manierismus verzichten, diese Melange beschert uns prägnante Gefühlskleckse voller Tiefgang. mob unterstreichen, dass die aufstrebende österreichische Musikszene feine deutschsprachige Texte, denen die ureigene Mentalität und Herkunft an der Nasenspitze abzulesen ist, durchaus wieder verträgt. Was über Jahrzehnte unter den Fittichen einiger weniger alternder Musiker vergammelte, findet sich mit mob in neuer Güte wieder, ein melancholisches porträtiertes Wiener Gemüt – ohne raubeinige Gemütlichkeit und vorgestriger Bürgerschrecklichkeit, aber mit einer ganz speziellen, Vergänglichkeiten betonenden Romantik.

mob ist am 26.11.2010 auf Problembär Records erschienen.

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