100 Songs – Teil 12 (Sabotage)

Das Gehirn verdingt sich sehr oft als erstklassiger Regisseur, leitet unsere Vorstellungskraft zu bizarren Bilderfluten an oder säuselt dem inneren Auge pastellfarbenes Glück ins Ohr. Ob Buch oder Musik, sie befeuern die Imagination, manchmal als kleine Holzscheite, in seltenen Fällen sogar als wahre Flammenwerfer. Das Aufkommen des Musikvideos nahm unserer Vorstellung jenes Vergnügen, nämlich Gehörtes zu visualisieren, ab. Fertigte eine Bildlichkeit vor, an der unsere Fantasie recht wenig herumdoktorn konnte. Und lediglich in den seltensten Fällen rechtfertigte ein Clip seine Existenz. Wie etwa das kongeniale Video zu Sabotage, dem famosen Track der Hip-Hop-Formation Beastie Boys.

Die Neunziger bedeuteten die goldenen Jahre des Musikvideos. Die Pioniertaten der Achtziger waren vollbracht, in technischer und budgetärer Hinsicht war der Weg zum Ruhm geebnet. Der Kollaps der Plattenindustrie dämmerte noch in weiter Ferne. Mitten in dieser Hochblüte veröffentlichten die Beastie Boys 1994 Ill Communication, dessen Großartigkeit nicht allein aus der ersten Single Sabotage resultierte. Und dennoch suchte der Song seinesgleichen: Ein knusprig-herber Rock-Track samt Turntablism umringt von gallig gekrähten Sprechgesang. Zu dieser Glanztat gesellte sich die szenische Umsetzung des Ausnahmekönners Spike Jonze. Besoundtrackte er doch den Vorspann einer fiktionalen Krimiserie im Stile der Siebziger mit Sabotage, zog Serien wie Starsky & Hutch durch den Kakao, huldigte ihnen zugleich.


Beastie Boys – Sabotage von EMI_Music

Wenn Cops Kriminelle beschatten, die Bösen just im Moment des Zugriffs die Flucht ergreifen, beginnt stets eine wilde Verfolgungsjagd, fackeln die Polizisten nie lange, jagen über Häuserdächer oder rasen im Auto mit ordentlich Karacho abschüssige Straßen hinab. Was waren das für gute alte Zeiten, in denen der Zuseher noch nicht zum steten Blick durch Elektronenmikroskope genötigt wurde! Als marode Karossen im Zuge von Action-Sequenzen noch jede Menge Blech lassen mussten. Jonze spitzte diese Faszination zu, persiflierte die hauptsächlich von den Beastie Boys dargestellten Protagonisten, indem er ihnen die Spitznamen Bunny (der Quoten-Schwarze) oder The Rookie (der ungestüme Raufbold) aufzwang oder sie schneidig Cochese benannte, die hemdsärmelige Verlottertheit mit der Coolness übergroßer Brillen kombinierte.

Die gebündelte Dynamik des Tracks entlädt sich in der lässig altmodischen Action, lässt Audio mit Video bis heute verschmelzen. Sabotage hören heißt Sabotage sehen, über Häuserdächer springen und mit einem Affenzahn  über wellige Straßen brettern. Kriminalisten begleiten, die noch nicht den blassen Charme beamtischer Biederheit am Revers tragen. Jonze und die Beastie Boys haben Kultisches erschaffen.

SomeVapourTrails

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