Anti-Barbie mit unverbeultem Heiligenschein – Blondie

Wenn sich Ikonen der Vergangenheit mit biestiger Unverdrossenheit an neue Alben heranpirschen, will man den einstigen Legenden oftmals das Mikrofon entringen, den Schlüssel zum Tonstudio in den Gully werfen, die früheren Giganten in einem ausbruchssicheren Alterswohnsitz einquartieren. Wenn Musiker zum Schatten ihrer selbst verkommen, sabotieren sie beharrlich den einstigen Ruhm mit unzeitgemäßen, uninspirierten Liedern, welche dem Erfolg Jahrzehnte hinterher hinken. Nicht so die New-Wave-Pioniere Blondie. An die Hochblüte vor mehr als 30 Jahren vermag die Formation um Debbie Harry nicht mehr anzuknüpfen. Doch auch wenn heute ein anderer Zeitgeist durch unsere Köpfe spukt, Blondie im allerbesten Rentenalter vorfindet, setzt die Platte Panic of Girls die Gesetzmäßigkeit des Dahinsiechens außer Kraft.

Zweifelsohne knabbert der Zahn der Zeit an Debbie Harrys Existenz als Anti-Barbie, dennoch klingt diese Mittsechzigerin erstaunlich wenig schaumgebremst. Der Power-Pop-Feger What I Heard gerät prägnanter als die Songs aktueller Verfechterinnen dieses Genres. Blondie kitzeln aus vielen Liedern das Extraportiönchen Hit-Potential heraus, dieses Händchen scheint nach wie vor nicht von Arthrosen geplagt. Solch Gabe eines schnörkellosen, charismatischen Sounds stellt auch Mother unter Beweis. Ein durch die Bank ordentlicher Versuch den Erfolg von Maria, jenes phänomenalen Tracks der Comeback-Scheibe No Exit (1999), zu duplizieren. Bei dem soliden Love Doesn’t Frighten Me scheitert dies Unterfangen schon deutlicher. Die komprimierte Qualität der ersten Plattenhälfte spiegelt sich auch in Girlie Girlie wider. Wer außer Blondie darf gen Reggae schielen, ohne sich dabei der völligen Lächerlichkeit auszusetzen? Sunday Smile, ursprünglich aus der Feder von Beiruts Zach Condon,  erinnert in dieser Interpretationan die Zeiten von The Tide Is High, ohne dem Charme des Vorbilds auf die Pelle zu rücken. Wenn man unbedingt zwei Songs des Albums zwecks Herummäkelns herauspicken möchte, kommt man einerseits an dem Chanson Le Bleu nicht vorbei. So sehr die Band in der Vergangenheit für ihre Experimentierfreudigkeit belohnt wurde, derart langweilig und angestrengt säuselt Harry hier französisch. Auch dem Salsa-Titel Wipe Off My Sweat mangelt es abseits des Refrains an echter Würze.


Blondie – Mother (Official Music Video) von EMI_Music

Panic of Girls reflektiert den Werdegang der Band, hält an alten Erfolgsrezepten fest, erlangt die Inspiration nicht ausschließlich aus der schieren Imitation. Während die Mehrzahl der verbliebenen Musikdinosaurier dahinsiecht und aus purer Verzweiflung die ewig gleichen Hits ihres Schaffens bis zur Besinnungslosigkeit repetiert, feilen Harry und Chris Stein weiter an Blondies Glanz, verbeulen nie den eigenen Heiligenschein. Diese vorbildliche Altersweisheit und die nach wie vor ins Auge stechende Dynamik tragen auch das gute jüngste Werk.

Panic of Girls ist am 15.07.11 erschienen.

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SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Anti-Barbie mit unverbeultem Heiligenschein – Blondie

  1. „Wer außer Blondie darf gen Reggae schielen, ohne sich dabei der völligen Lächerlichkeit auszusetzen?“

    Serge Gainsbourg darf das. Und Frederik Mey (aber nur auf den französischen Alben).

    Ich bin sehr gespannt. Die Promo liegt hier rum, aber da Blondie mein erster (bewusster) Kontakt zum Rock war (Lynyrd Skynyrd und Genesis waren viel früher und eher unbewusst), lasse ich mir etwas Zeit, versuche die Scheibe wirklich in einer ruhigen Minute zu hören.

  2. Schöne Rezension 🙂 Das Album gefällt mir auch erstaunlich gut – ein Song wie „Mother“ klingt absolut frisch und unverbraucht und würde auch gut im Hintergrund einer amerikanischen Teenie-Serie laufen können. (Was jetzt per se kein Qualitätsmerkmal ist, aber die Frische der Musik hervorheben soll. 🙂 Die selbstironische Zombie-Anspielung im Video ist auch ganz herzallerliebst.

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