Release Gestöber 7

Es gibt Freizeitbeschäftigungen, die demnächst olympisch werden könnten. Zum Beispiel das spannende Berliner Hobby, bei dem ein Kleinstgrüppchen den Bürgersteig möglichst so okkupiert, dass Passanten zu einem halsbrecherischen Slalom genötigt werden. Diesem Steckenpferd frönen alle sozialen Schichten, der jugendlich-maskuline Checker ebenso wie die modisch gänzlich verpeilte Studentin. Aber auch meine Wenigkeit bastelt an einer olympischen Disziplin Herakles’scher Dimension: Aus dem Wust an musikalischen Veröffentlichungen Woche für Woche splendide und unterschätzte oder gar obskure Alben hervorzubuddeln.

Marissa Nadler

Marissa Nadler – „Baby, I Will Leave You In The Morning“ from Alec K. Redfearn on Vimeo.

Wer hat sie nicht bereits geschmeckt, jene penetrante Süße, die weder an Zuckerwonnen heranreicht, auch nicht gleich Honig die Kehle entlangschlürft, sich vielmehr als schaler Süßstoff entpuppt. Und eben diesen streut die amerikanische Singer-Songwriterin Marissa Nadler auf ihrem neuen Album zu großzügig über ihre Lieder. Wundervoll verwunschen, als Echos entrückter Tage tönten vorangegangene Veröffentlichungen, Ballads of Living and Dying von 2004 beispielsweise oder Little Hells (2009). Das jüngste, selbstbetitelte Werk lässt die Schleier fallen, rückt dem Hörer auf die Pelle, glitscht ein wenig Schmalz auf die Haut. Neben Dream-Folk und New Weird America führt hier nun auch eine Country-Schmalzigkeit die triefende Feder.

Wenn Nadler Verlust distanziert besingt, fragilen Schmerz ausdrückt („Daisy where did you go/ With my phantom limbs and eerie hymns„), wird alles gut, fühlt man bei Daisy, Where Did You Go? alle altbekannten Qualitäten aufkeimen. Sobald Nadler jedoch ihre Stimme mit liebeskümmerlicher Schwere füllt (Baby, I Will Leave You In The Morning), winkt der Herzschmerz mit dem Zaunpfahl. Die liebliche Flehentlichkeit von Wedding stößt ebenso sauer auf, solch ein Song würde lediglich mit dem fatalistischen Wispern einer Hope Sandoval aufblühen. Nur selten schallt die neue Country-Seligkeit wonnig hervor, bildet The Sun Always Reminds Me Of You eine gelungene Ausnahme. Nichtsdestotrotz sind es speziell die verqueren Momente (Little King), die der Platte gut zu Gesicht stehen, Nadlers Aura Kontur verleihen. Auf diesem Album muss man leider erst manch falsche Süße ertragen, ehe man auf duftigen Balsam trifft.

Marissa Nadler ist am 24.06.11 auf Box of Cedar erschienen.

Le Corbeau

Nein, die Bilder stammen nicht aus Aktenzeichen XY.

Alben sind ja kleine Invasoren, die in meinen kargen Alltag eindringen. Manch Überfällen fiebere ich entgegen, empfange die CDs als Heilande. Andere wiederum schummeln sich durch den Briefschlitz und schauen mich treuherzig an. Gleich einem räudigen Köter, der keinesfalls ins Tierheim zurück möchte. Und oft genügt bereits eine entfernte klangliche Ähnlichkeit mit einer von mir verehrten Band, um einer Platte einen netten Flecken in meinem CD-Regal zuzuweisen. Im Falle der norwegischen Formation Le Corbeau erinnerten mich die ersten Tracks an die raueren, dynamischeren Lieder von Morphine, freilich ohne die charismatische Stimme des seligen Mark Sandman. Le Corbeau können lediglich sehr verwaschenen Gesang aufbieten, der sich gerne im Instrumentenlärm versteckt. Dennoch rockt Moth On The Headlight als kurzweiliges, intensives Album ansprechend genug, um nie und nimmer mit Schimpf und Schande aus meiner Kemenate gejagt zu werden.

Le Corbeau – Black Belvedere by TigerFysiskFormat

Le Corbeau verführen in zwielichtige Gefilde. Bleiben dabei zu geschmeidig, um düster zu wirken, aber ebenso viel zu kratzig, um schicke Verruchtheit zu verbreiten. Wer zwischen all den Stühlen Platz nimmt, klingt mitunter in etwa so aufregend wie zehn Tage Regenwetter. Oder freilich unkonventionell. Le Corbeau stoffeln ihre Instrumente zu einem raffinierten Netz zusammen, man erkennt die Masche, verheddert sich dennoch darin. 1962 ist der funkelnste Track des Albums, musikalisch schnurstracks vorwärts preschend, gesanglich hoffnungslos verschnarcht. Eine Gegensätzlichkeit, welche Moth On The Headlight trägt. Das in epischer Länge schwelgende Mizogumo (Head In The Trees) scharwenzelt um das Genre Post-Rock herum, eiertanzt auf dem Vulkan, lässt irgendwann Post dann auch Post sein. Instrumentaler Rock tut es letztlich auch. Black Belvedere bietet dem Hörer im Verlauf ein markiges Saxofon an, verdeutlicht mir, warum mich der Sound an herbere Töne von Morphine erinnert. Ebenfalls ansprechend fällt Drumming Of Heavy Rain aus. So komme ich auch nicht um ein gefälliges Resümee herum. Wer grobkörnigen, mit guten Kniffen ausgestatteten Rock samt dezent knautschigem Gesang schätzt, sollte das Album mit offenen Armen in seine Plattensammlung einladen.

Moth On The Headlight ist am 03.06. auf Fysisk Format erschienen.

Fresco

Als Österreicher im Berliner Exil bin ich vielleicht schon lange genug auf Entzug, um Musik aus der Heimat gut zu finden und den österreichischen Charme mit Wehmut zu vermissen. Wo meine Landsleute Hintergründigkeit zur Tugend erwählen, ist Berlin in seiner Schnoddrigkeit platt. Vermutlich vermag ich aus diesem Mangel heraus das Album Es geht sich immer irgendwie aus der Wiener Formation Fresco besonders zu goutieren. Ich werde es demnächst noch ausgiebiger erwähnen. Für heute freilich will ich auf den kostenlosen Download des Liedes Junge Mutter sucht verweisen, dessen Wühlen in Kleinanzeigen sich köstlich gen Irrsinn streckt. Ein ganz feiner Track!

Demnächst mehr!

SomeVapourTrails

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