Release Gestöber 8 (Mo‘ Horizons, The Pigeon Detectives, Zweistreifen with Ian Simmonds)

Stets im Juli weicht die übliche Betriebsamkeit der Versommerlichung des Seins. Vieles wird auf nachurlaubliche Zeiten verschoben. Sommer ist Auszeit, ein Baumeln am Strand, auch in musikalischer Hinsicht. Wo zuvor noch große Wellen neue Alben tagein wie tagaus mit neuen Eindrucken an Land schwemmten, wirkt alles nun friedlicher, waschen kleine Wöglein klangliches Treibgut in den Sand. Was für eine prima Gelegenheit also, die an die Küste der Erinnerung gespülten Platten zu bergen, zumindest jene, die man bislang noch nicht mit Glitzern in den Augen ergriffen hat. Die Sorte musikalischer Muscheln, deren Muster mich bis dato noch nicht magisch angelockt hat.

Zweistreifen with Ian Simmonds

Frisch ans Ufer getragen wurde die EP Who is the Daddy?. Veröffentlicht auf dem kleinen wie exquisiten Label analogsoul, vermag die Zusammenarbeit des Duos Zweistreifen mit Ian Simmonds einen gelösten, reduzierten Sound  zu entfachen. Man kreiert die Sorte Minimalismus, die keinen Schweißtropfen zuviel vergießt, ein kleines elektronisches Rinnsal mit Stimme und wenigen Instrumenten beschattet. Die EP bietet das skizzenhaft schraffierte, sommerlich dröge Oceansized Lakes, den jazzigen, ganz vorsichtig beschwingten Titeltrack Who is the Daddy? oder ein verzagtes wie kontemplatives My Fault. Die unaufgeregte Substanz der Platte signalisiert Stärke und Schwäche zugleich. Das behagliche Sinnieren sinkt bisweilen unter die Wahrnehmungsschwelle, döst zart und zierlich vor sich hin. Dies steht besonders einem hitzeverseuchten Tag gut zu Gesicht. Vielleicht sogar den stillen Augenblicken der Nacht. Nichtsdestotrotz hätte ein Fünkchen mehr Lebendigkeit Who is the Daddy? keineswegs sabotiert.

The Pigeon Detectives

Eigentlich dachte ich ja, dass ich so ziemlich jede einigermaßen populäre Indie-Rock-Kapelle von der Insel kenne. Und für den Fall, dass ich in Unkenntnis verweile, kann ich jederzeit die Expertise der werten Co-Bloggerin einholen. The Pigeon Detectives jedoch waren uns beiden nicht geläufig, obwohl sie allem Anschein nach nicht Unbekanntheit geschlagen sind. Der vor wenigen Wochen erschienene Drittling Up, Guards And At ‚Em! lässt mich ratlos zurück. In den gut 37 Minuten der Platte kann ich mich einfach nicht entscheiden, ob hier eine unverkrampfte Band mit Leib und Seele alle Gefälligkeiten des Mainstreams aufsaugen möchte oder aber ein paar Jungs mit Ach und Weh ihrem Geschrammel den einen oder anderen Twist verpassen wollen. Während der eine oder andere Song locker vom Hocker und ohne akademische Kinkerlitzchen aus den Boxen schnoddert, eiern einige Lieder sehr bemüht, mit konzentriert zwischen die Lippen gepresster Zungenspitze herum.

Auf der Habenseite dürfen mir The Pigeon Detectives Tracks wie das voll juvenilem Pathos ausgestattete Turn Out The Lights oder ein naiv-temperamentschwer vorgetragenes Done In Secret ins Notizbüchlein kritzeln. Des Weiteren wähne ich die dosierte Aufgewecktheit von Go At It Completely als gutes Zeichen. Lost könnte nahezu jeder britischen Formation mit Hang zu Gitarrenlastigkeit als konzertativer Fixpunkt dienen, wenn es darum geht, Menschenmasse bei Laune zu halten. Allerdings finden sich auf dem Alben ebenso Songs, die in ihrer Harmlosigkeit und Verwechselbarkeit schwer zu übertreffen sind. Need To Know This oder She Wants Me reißen keine Bäume aus.

Done In Secret by The Pigeon Detectives

The Pigeon Detectives üben sich in der Sorte Musik, die nie wirlich aus der Mode gerät und dennoch schon das eine oder andere Mal omnipräsenter durch Clubs und Radio tingelte. Up, Guards And At ‚Em! gerät durchwachsen, mit unbedingten Highlights und einigen mäßigen Liedchen, die Matt Bowman und Konsorten nicht gerade aus der Feder gewuselt sind. Und dennoch, Fans britischen Indie-Rocks werden der CD zweifelsohne zurecht ein paar Hits abtrotzen können.

Up, Guards And At ‚Em! ist am 03.06.11 auf Dance To The Radio erschienen.

Mo‘ Horizons

Ich habe eine veritable Schwäche für loungige Latin-Klänge, gern auch rassig mit einer ordentlichen Portion Groove im Gepäck. Meine Ohren müssen bei Gott nicht immer in den Gestaden des IDM lustwandeln. Ein launiger Beat mit exotischem Flair ist ebenfalls reizvoll, auch ein Downtempo-Märchen. Und im elektronischen Falle haben mir Mo‘ Horizons bereits mit Remember Tomorrow (2001) bereits nachhaltig imponiert. Dance Naked Under Palmtrees (ein Sample aus Nina Simones Images verwendend) entzückte mich über die Maßen. Nun hat das von Ralf Droesemeyer geführte Projekt Mo‘ Horizons And The Banana Soundsystem im Mai unters Volk gebracht. Jene Platte entpuppt sich als rhythmisch kunterbunt, eine relaxte wie fröhliche Fete, welche schon mal launige Purzelbäume schlägt und kleine Knallbonbons in Form vielfältiger musikalischer Gäste zündet.

Zu den besten Tracks zählen der schmissige Funkfeger Back To Melbourne (feat. Gypsy Brown), ein stimulierende So On (feat. Marga Munguambe) oder auch Koito Pie Bira (feat. Varna Boogaloo Crew), das Balkan-Pop ins Spiel bringt. Ebenso erquickend: Make It Real (feat. Lea) oder Jungle Affair als schwül-sinisterer Soundtrack in Cinemascope. Selten schießen Mo‘ Horizons über das Ziel hinaus. Kiss – ob nun von Prince oder Tom Jones intoniert – sollte man nicht aus Jux und Tollerei nachahmen, denn wenngleich sich Munguambe als Sängerin redlich müht, fehlt jeglicher Charme. Das gar altbackene Sechziger-Jahre-Lied In Love With An Old Man (feat. Denise M’Baye), mit der Biederheit einer auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik tingelnden Kapelle dargeboten, ist noch ein stilistischer Schlenker zuviel.

Die intensiven Momente von Remember Tomorrow kann Mo‘ Horizons mit dem jüngsten Werk nicht reproduzieren. Als lebensfrohe, umtriebige, unterhaltsame Scheibe klopft mich And The Banana Soundsystem jedoch ohne weiteres weich. Wer sich ein schunkelndes Stück Exotik ins sommerlich temperierte Heim holen möchte, ohne dabei von einem klischeehaften Schema F übergossen zu werden, dem will ich zu diesem gut geschüttelten Cocktail samt Schirmchen raten.

And The Banana Soundsystem ist am 06.05.11 auf Agogo Records erschienen.

SomeVapourTrails

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