Lohnt Musik? Zerschlagt die Gitarren!

Letztens fand sich in meinem Postfach eine E-Mail wieder, die mir eine Idee für ein Online-Musikmagazin unterbreitete. Nun stehe ich Geistesblitzen aufgeschlossen gegenüber, brüte über große und kleine Eingebungen, bis die Schwarte kracht und das Haar in der Suppe gefunden scheint. Dieses Mal allerdings stotterten meine Gehirnschräubchen, streikten vor sich hin, wollten sich über eine Grundsatzfrage kaprizieren: Lohnt Musik? Mit fortschreidendem Alter neige ich mehr und mehr zu der Ansicht, dass metakramisches Herumphilosophieren auf den Magen schlägt, das Seelenheil strapaziert. Irgendwie ist das Ringen um Erkenntnis und die damit verbundene Preisgabe von Gedanken nur temporär fruchtbar, denn früher oder später trampelt im Internet stets ein fröhlich Porzellan zerschlagender Tölpel herbei, dem ein sinnentleert quiekendes Lol über die Zunge hüpft.

Vielleicht überfrachtet bereits meine Grundannahme alles mit einer Seinsschwere, vergrübelt sich heillos. Ich meine, dass viel aus Jux und Tollerei geschieht, ohne dass wir uns über Nutzen oder Inspiration großartig Gedanken zu machen. Wir lauschen Musik, weil sie unsere Emotionen Bierdosen werfen lässt, wir sprechen über Musik, weil Themen wie Kapitalismuskritik oder FDP noch weniger befriedigende Exkurse generieren, wir machen Musik, weil Gitarrengeschrammel ein schöneres Hobbby bedeutet als öde Pilatesübungen. Aber wieviel davon generiert nachhaltige Bereicherung? Trägt Musik zur Kultivierung des Menschseins bei? Ist Musik nicht wie Ketchup? Der Banause schüttet es sogar noch über Spaghetti, der Kenner hingegen verwendet es wohldosiert auf die Bio-Currywurst. Mit ein wenig Anstrengung jedoch lässt es sich auch ohne aushalten, Abstinenz als Schlankmacher der Existenz.

Musik schafft Unordnung. Sie haftet kaugummigleich unter den Tischrändern unseres Denkens. Sie kriecht in die Winkel unserer Herzen und kackt herzschmerzige Kothäufchen in das Gefühlsbett. Ihre Klänge knallen Supernova um Supernova in das ohnehin vorhandene Chaos des Gefühlskosmos. Musik macht auf Kosmetik. Sie bekleistert die Natürlichkeit des Moments mit Rouge, schmiert unserer Traurigkeit einen Batzen Kajal unter die Augen. Ab und an wispert sie Wunschträume über die signalverfärbten Lippen.

Lohnt Musik? Über das Maß an Zerstreuung hinaus. Ist die Pille, die den Menschen heilt? Oder doch nur ein absolut hündisch ergebener Wegbegleiter, der stets das gewünschte Kunststückchen beherrscht, um uns kulleräugig zu beeindrucken? Verschleiert sie nicht die nackte Tristesse des Lebens mit dem Eifer eines auf FKK-Apostel losgelassenen Sittenwächters? Mag man etwa leugnen, dass Lieder Botox ins Gemüt spritzen?

All die Zweifel lassen sich nicht vom Tisch wischen, keimen weiter. Da kann die Spex einen intellektuellen Kopfstand vortanzen, der Rolling Stone den Kult in der Kultur zelebrieren, dürfen Radios platte Songs zwischen Verkehrsfunk und frühmorgendlichen Scherzchen verstauen, Wuchtbrummen durch Bayreuth schwirren und Minderleister als DJs fuhrwerken. Zerschlagt die Gitarren, bewerft Pianisten mit Stanniolkügelchen, scheucht das letzte Häufchen VJs aus den Fernsehstudios, verbarrikadiert Plattenläden, gebt Plattenfirmen den Gnadenschuss, pfeffert Bono auf den Mond! Musik scheint Teufelswerk. Mit jedem Tag mehr.

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Lohnt Musik? Zerschlagt die Gitarren!

  1. Lohnt Atmen? Atmen bring Gift in den Körper. All der Müll, der um uns herum fliegt, all der Feinstaub, all die Krankheitserreger, die uns umwehen… Mit jedem Atemzug wird der Körper mit Gift voll gepumpt.

    Zerschlagt die Lungen, dieses Einfallstor des Gifts! Lasst diese überflüssige Atmerei sein! Es ist doch nur eine Sucht…

  2. Du hast ja so recht. Musik ist Teufelswerk. Habe gerade alle Festplatten formatiert, den iPod in der Regentonne versenkt und die ganzen Vinyls und CDs im gelben Sack entsorgt. Oh, wie ist mir jetzt froh uns Herz.

  3. Lustig, dass ich diesen Text hier lese, nachdem ich Dir auf Deinen Kommentar beim Liedschatten geantwortet habe, denn die Entgegnung geht in diesselbe Richtung.
    „Da kann die Spex einen intellektuellen Kopfstand vortanzen“, mhm, vielleicht kann ich das auch, aber anders als die Spex, weil die doof ist. So.

    Wichtig ist nämlich, welche Musik man hört und was man im Vor- und Umfeld des Hörens noch sonst so mitkonsumiert, und da gibt’s ja genügend Blödsinniges. Und natürlich kann es auch durch Musik kein richtiges Leben im Flaschen, ähem, falschen geben. Sie ist aber eine der Möglichkeiten, das Potenzial der Menschlichkeit als Gegenstand der Neugierde und Mittel des Ausdrucks auszuschöpfen, so wie alle andere Kunst auch. Und so wie jede andere Kunst ist sie im Kapitalismus eine Ware, und die Warenform steht ihr nicht.
    Lohnend aber kann sie schon gar nicht sein, wie auch? Klar, im erwähnten Kapitaalismus schon, da erwirtschaftet sie bestimmt etwas, aber lohnen… die Beschäftigung mit ihr kann lohnen, sicher. Auf jeden Fall nicht weniger als der ganz Quatsch, mit dem man sonst so seine Zeit verbringen könnte, und viel mehr als viele berufliche Tätigkeiten, man nehme nur einmal die Tätigkeit als Werber, Texter oder Mensch, der dafür sorgt, dass die eine Chipstüte anders aussieht als die andere.
    Und letztendlich gibt sie viele Links, Hinweise auf andere Kunstformen und auch welche inhaltlicher Art.

    „Verschleiert sie nicht die nackte Tristesse des Lebens (…)?“ Mag sein, es kann nun aber daraus nicht die Notwendigkeit enstehen, die Musik abzuschaffen, man sollte sich lieber an die Tristesse halten.

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