Seattle ist auch keine Lösung – Talking To Turtles

Heilige Stätten scheinen der Inspiration nicht eben abträglich. Aber sollte man keineswegs jedwedes Tonstudio, in welches sich mal beispielsweise der Chauffeur der Nichte des Friseurs eines Produzentengurus vom Schlage eines Timbalands verirrte, in kultische Ränge erheben. Wenn also ein Waschzettel ins Haus flattert, der mir stolz verklickert, dass das Album nicht in Wanne-Eickel oder Landshut aufgenommen wurde, vielmehr – man höre und staune – in Seattle, dann würde mich das lediglich dann in helle Aufregung versetzen, wenn dort der Geist Kurt Cobains herumspukt, besser noch: herumspuckt. Das deutsche Duo Talking To Turtles reiste in die Ferne, um Oh, The Good Life aufzunehmen. Hat sich dies Unterfangen gelohnt? Zumindest nicht geschadet, möchte ich meinen. Sticht das Gütesiegel Made in America ins Ohr? Jedenfalls nicht in meines, das Album hätte auch in Bad Kreuznach das Licht der Welt erblicken können.

 

Selbst kurze 38 Minuten mögen einer Platte unschön zu Gesicht stehen, wenn Larmoyanz und bemühte Lieblichkeit die Platte zukleistern und die musikalische Komponente oftmals auf Gitarrenschonkost beschränkt bleibt. Bescheidenheit scheint für das im Albumtitel gepriesene gute Leben förderlich sein, aber Reduziertheit gerät nur dann zur Tugend, wenn sie keinen eklatanten Mangel aufblitzen lässt. Wann immer ein Lied mehr Gesangsstimmen als Instrumente vorzuweisen hat, ist in meinen Augen Feuer am Dach. Vielleicht verdeutlicht das Lo-Fi-Lied Short Stories Long mein Problem am besten. Jener Zwiegesang, der sich phasenweise darauf beschränkt, einzelne Worte hin und her zu bugsieren, bleibt ausgesprochen blass, erinnert an die Finesse von Gezupfe beim pfadfinderlichen Lagerfeuer. Nun will ich Talking To Turtles durchaus positiv ankreiden, dass sie viele Songs im Refrain aufpeppen, den Makel der Monotonie aus der Welt zu räumen trachten, aber gutes Songwriting lässt bei „Sex, Coffee and Cigarettes“ die Korken knallen oder schiere Trübsal blasen, aber eben nicht gedankenvolle, biedere Blümchenmuster vor dem geistigen Auge erstehen (Crumbs). Sogar gut angelegte Tracks wie I Am In Numbers werden spartanisch runtergeleiert und im Refrain mit dem Enthusiasmus eines Beamten an einem Freitag kurz vor Dienstende vorgetragen. Einer der wenigen Lichtblicke der Scheibe ist das aufmüpfig aus dem Boden gestampfte Grizzly Hugging. So klingt die Sache gleich runder, wenn Instrumente (Schlagzeug!) den sonst blutleeren Gesang auflockern und anstacheln. Das kurze Aufbäumen setzt sich auch beim rockigen Men In Trees fort, ehe A Car A Beer Cigarettes abermals Melodramatik für Anfänger praktiziert und Fingers Crossed mit ostentativer Geste Streicher gar aufbruchsstimmige Ehrhabenheit vorgaukeln lässt.

Grizzly Hugging by talking to turtles

In der Tat hätte auch der gefinkeltste Produzent Oh, The Good Life nicht zur Platte des Jahre aufmöbeln können. Dazu ist das Songwriting zu unausgegoren, der Gesang vornehmlich farblos. Aber all dies Stückwerk hätte er zumindest mit einem Kitt verfestigen müssen, damit es nicht völlig auseinanderbricht. Doch ach, Seattle ist eben auch keine Lösung. Talking To Turtles überzeugen mich mit drei Songs, der Rest ist textlich wie kompositorisch und sogar im Vortrag kaum bestechend. Schade.

Oh, The Good Life ist 19.08.11 auf DevilDuck Records erschienen.

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SomeVapourTrails

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