Barrierefreie Ohrenweide – Säkert!

Die Kunst zählt ihre Liebhaber. Nahezu jeder Künstler will das Werk verbreitet wissen, in der Regel nicht nur aus monetären Gründen. Das unterscheidet die Kunst von der Unterhaltung, die nach Quote zur Profitmaximierung trachtet, Freuden für einen kurzen Moment anbietet. Kunst will kraft ihrer Kreativität die Gedankenwelten möglichst vieler Menschen ordnen, aufforsten oder behübschen, auf alle Fälle nachhaltig umgestalten. Doch wo die Augen aller Völker und Kontinente Maler und Bildhauer ohne Zögern umarmen, türmt sich Sprache den Dichtern und Songwritern als Barriere auf. Während Schriftstellern Übersetzern vertrauen, wird in der Musik gleich ohne Umweg auf den englischen Texte gesetzt. Was wiederum dazu führt, dass der Verzicht auf die Nutzung der Muttersprache mit einer Beschneidung der eigenen Stärke einhergehen kann. Nicht zuletzt deshalb goutiere ich das Vorgehen der Band Säkert!, die ihre auf Schwedisch intonierten Lieder nun in ein mondänes Englisch überführt. Säkert! På Engelska ist ein Album, das der Güte der eigenen Melodien und dem ergreifenden Gesang von Bandleaderin Annika Norlin vertraut. Deshalb lohnt das Wagnis, die lyrischen Puzzleteile mit robuster Hand zu einem passenden Ganzen zu formen, kleinere Bruchlinien in Kauf zu nehmen.

Der Indie-Pop der Band wirkt wie ein lässig ausgespieltes As. Wo viele Formationen irritiert wie vergeblich nach einem Trumpf im Ärmel nesteln, stechen Säkert! Mal für Mal. Mit ungemein wohltuenden, wie Balsam für die Ohren wirkenden Akkorden und Hooklines. Drauflosschrammeln kann jeder, tun viele. Diese Band jedoch hat klasse Melodien im Köcher. The Lakes We Skate On stellt ein Musterbeispiel dafür dar. Wenn Norlins Stimme den aufgeweckten Rhythmus des Songs umgarnt, schlägt mein Herz höher. Honey ist von einem ähnlichen Kaliber, brilliert als ein mit Haut und Haar hingebungsvolles, sich voll und ganz verzehrendes Liebeslied („And this my love is what’s haunting me/ You will never fully be mine to win/ Cause I can never and I shall never rest inside of your skin/ And this my love is what’s eating me/ We will never really melt into one„). Wie Säkert! Liebe voll Begehren schildern, Geduld und Ungeduld des Herzens abbilden, dies zieht in den Bann. Can I erkämpft sich Zentimeter für Zentimeter Nähe zum Objekt der Begierde („Can I walk real close to you/ And have your shoulder brush against my arm/ I don’t want to fence you in or anything/ But I am warm and you are shivering„), sodass man als Hörer einfach nur die Daumen drückt, solchem Sehnen ein Happy End gönnen möchte. Dancing, Though wuselt mit allseits bewährter Attitüde: Mit überkandidelter Fröhlichkeit die eigenen Tränen übertünchen. Im konkreten Fall auch noch im Rahmen einer Hochzeit. Auch ich habe einst als frisch Verlassener die Trauung eines engen Freundes besuchen dürfen. Ein kaum zu kaschierendes emotionales Debakel!

Weak is the flesh.1 by Säkert!

Ob skandinavische Kühle versprühendes Piano (November) oder das in bester Unplugged-Manier gitarrisierte You’ll Be On Your Own, Säkert! sind auch im abgespeckt balladesken Rahmen eine Ohrenweide. Annika Norlin ist ein Ausbund an Verlangen nach Leben, Leidenschaft und Hoffnung. Jedoch nie kopflos, naiv oder hysterisch, vielmehr mit der in ihren Breiten perfekt praktizierten Aufgeräumtheit ausgestattet. Wenn sich zu ihrem beseelten Vortrag und zu den bereits gewürdigten Melodien auch noch pfiffige Instrumentierung dazugesellt, entstehen magische Momente, treten sogar die Lyrics ein bisschen in den Hintergrund. Weil dieser Musik derart viel Können und Fühlen innewohnt, dass Sprache zu einer Nebensache wird. Ob in englischer Sprache, auf Schwedisch oder gar in Chinesisch gehalten, dem nächsten Album von Säkert! werde ich ohne Zweifel abermals voll Wonne lauschen.

Säkert! På Engelska ist am 16.09.11 auf Razzia Records erschienen.

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SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Barrierefreie Ohrenweide – Säkert!

  1. Und wieder Musik fern ab vom Mainstream, die mir sehr gut gefällt. Vielen Dank fürs Vorstellen.

    Bei der Gelegenheit bedanke ich mich bei euch für die viele Zeit und die Arbeit, die ihr in euren Blog und in das Schreiben steckt. Ich bin immer wieder begeistert. Und auch, wenn ich leider eher zu den wenig kommentierenden Leuten gehöre, so komme ich immer wieder gern hier her und hole mir neue Anregungen. Dafür ein ganz DICKES DANKE.

    Eure Arbeit trägt auch schon Früchte. Ich habe bei euch das erste Mal von Edward Sharpe & the Magnetic Zeros gelesen und gehört. Als diese dann vor einer Weile zum Thema in einer Bloggerrunde wurde, konnte ich wissend mitreden. 🙂 Vielen Dank auch dafür.

    Herzliche Grüße von meiner Seite des Internets
    Christian (dasI)

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