BuViSoCo 2011 – Unser Ranking, unsere Prognose

Der Bundesvision Song Contest scharrt in den Startlöchern. Die Clips der teilnehmenden Interpreten haben wir bereits hier aufgelistet. Am 29.09.2011 wird diese Leistungsschau deutschsprachiger Musik wieder auf Pro7 ausgestrahlt. Diesmal aus der Kölner Lanxess Arena. Natürlich kann man nicht wirklich von einer Leistungsschau sprechen, weil Labels manch Künstler ins Rampenlicht zerren, nach denen nun wirklich kein Hahn kräht. Oft sind auch Acts zugegen, denen man auch den winzigsten Funken Kreativität getrost absprechen darf. Meist – aber längst nicht immer – sind dies die Sieger dieses Bewerbs. Wie beispielsweise Unheilig, Sieger von 2010. Aber dem unseligen Griff in den Schmalztopf steht eben auch ein Peter Fox gegenüber, der 2009 völlig zurecht gewann. 2011 unterscheidet sich von den Jahren zuvor speziell dadurch, dass es wenig tolle Titel gibt. Haben im Vorjahr noch Selig und Silly intelligente Texte und eingängige Songs offeriert, mangelt es den diesjährigen Teilnehmern am goldenen Händchen. Sicher, gute Lieder findet man zur Genüge, aber gut ist keineswegs sehr gut. Die werte Co-Bloggerin und ich haben die Lieder einer kritischen Bewertung unterzogen und ich habe mich sogar an eine Prognose gewagt. Mal sehen…

Wertung & Prognose (SomeVapourTrails)

1.) Thüringen – Alin Coen Band – Ich war hier
Begründung: Ein intelligent getextes Lied samt kräftigem Refrain, der sich lieber eines Augenzwinkerns bedient, anstatt auf der Gefühlsklaviatur rauf und runter orgeln zu wollen. Alin Coen beherrscht sachte Zwischentöne, bietet aber auch einen satten Ausdruck. Wo Sängerinnen oft piepsig-fragil dahinträllern, gibt Coen starke Nachdenklichkeit. Solch Mischung wird von der Masse mangels Spektakel oder Sex-Appeal meist überhört, andererseits hat sich Alin Coen bereits ein gute Fanbase erspielt, daher prognostiziere ich Platz 10.

2.) Mecklenburg-Vorpommern – Jennifer Rostock – Ich kann nicht mehr
Begründung: Ich anerkenne die Meriten von Jennifer Rostock durchaus. Der druckvolle Song mit dramatischem Refrain ist handwerklich gut gemacht, verschließt sich nicht dem längst überfälligen Single-Chart-Erfolg. Platz 2 scheint realistisch.

3.) Rheinland-Pfalz – Jupiter Jones – ImmerFürImmer
Begründung: Gleich vornweg, ich schätze die markante, mit Ecken und Kanten versehene Stimme von Nicholas Müller. Dies Merkmal und die clevere Lyrics lassen mich einen Song von Jupiter Jones stets sofort als solchen erkennen. „Die Runde Schweigen geht auf mich“ heißt es in diesem rockigen Lied, vielleicht die beste textliche Anregung in diesem Jahr. Ungerechterweise wohl nur Platz 6.

4.) Niedersachsen – Bosse feat. Anna Loos – Frankfurt Oder
Begründung: Axel Bosse führt uns an einen tristen Ort namens Frankfurt (Oder). Ich komme mit diesem Song nicht wirklich klar. Ich sollte ihn wohl als launiges Liebesduett begreifen, dessen Harmonie selbst in der Spießigkeit elterlicher Gartenpavillons gedeiht. Das Album Wartesaal bietet weitaus bessere Tracks auf, allerdings möchte ich den angenehm herben und erwachsenen Charme, den Loos versprüht, durchaus wertschätzen. Platz 7 ist keine Überraschung.

5.) Sachsen-Anhalt – Flimmerfrühstück – Tu’s nicht ohne Liebe
Begründung: Ein kleines, feines Liedchen mit Saxofon-Einsatz, der an Baker Street erinnert. Gesanglich klingt es etwas ungelenk, aber der positive Eindruck überwiegt. Bedauerlicherweise werden dies die Zuseher anders sehen: Platz 14.

6.) Hamburg – Thees Uhlmann – Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Begründung: Irgendwie Indie will Uhlmann sein, verdammt gefinkelte Texte fabrizieren und nicht zuletzt auch gefühlte tausend musikalische Schweißtropfen vergießen. Der Vorsatz ehrt den Herren. Der Umstand, dass er all das eben knapp nicht einzulösen vermag, liegt in Übermotivation begründet, keineswegs mangelt es an Talent. Vieles scheint originell und gelungen, freilich schiefreimt mir Uhlmann zu oft. Der Herr ist Kult, ergo Platz 5.

7.) Bayern – Andreas Bourani – Eisberg
Begründung: Oh Mensch, so gefühlvoll! Eisberg könnte sogar kettenhemdige BHs durchdringen und sich sogleich ins weibliche Herz schmiegen. Ich darf Bourani zugute halten, dass er dabei die Kitschgrenze nie überschreitet. Nicht zuletzt deshalb wird seine Teilnahme am BuViSoCo nicht zu einem Trip mit der Titanic. Platz 8.

8.) Hessen – Juli – Du lügst so schön
Begründung: Meine Sympathien gehören Juli, jedoch weniger dieser biederen, unterkühlten Ballade, die vor sich hin lahmt. Derartiges 08/15-Schema hat man schon in besserer Ausführung erlebt, auch von Juli selbst. Die Fangemeinde ist aber groß genug: Platz 4.

9.) Sachsen – Kraftklub – Ich will nicht nach Berlin
Begründung: Eine rotzige Attitüde, welche so cool ist, dass sie gar nicht hip oder chic sein möchte, trägt ein ordentliches Pfund auf der Schulter. Der griffige satirische Text mit reißerischer Aussage steht einem musikalischen Patchwork entgegen, das Hip-Hop mit Punk und Indie-Rock zusammenmurkst. Platz 11 dürfte eventuell sogar tief gegriffen sein.

10.) Berlin – Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären
Begründung: Dampfplaudernd-schmachtender Hybrid aus Xavier Naidoo und Philipp Poisel. Doch wo genannte Herren substantielle Lyrics vorweisen können, gibt Bendzko eitle Zurückhaltung vor. Denn entgegen seiner Beteuerung keine geeigneten Worte zu finden, benutzt er leider viele. Die Vorzeichen allerdings stehen auf Sieg. Platz 1!

11.) Bremen – Flo Mega – Zurück
Begründung: Was kennzeichnet einen feinen Song, wenn nicht der Umstand, dass man ihn nicht schnell aus den Ohren bekommt. Flo Mega jedoch bietet vergessenswertes Mittelmaß an. Da hilft alles Engagement nichts, wenn die Komposition recht uninspiriert vor sich hin tönt. So winkt Platz 16.

12.) NRW – Frida Gold – Unsere Liebe ist aus Gold
Begründung: Nur damit wir uns richtig verstehen. Unsere Liebe ist aus Gold ist der mit Abstand beste Song des heurigen Jahres. Wer eine Unplugged-Version des Titels hört, spitzt sofort die Ohren. Aber diese Umsetzung in billigster Disco-Aufmachung wiegt schwer.  Aus diesem Lied eine Trash-Nummer zu machen, das will ich der Band nicht verzeihen. Solange Sängerin Alina Süggeler geradezu zwanghaft einen überflüssigen Sex-Appeal versprühen möchte, kann ich über Frida Gold nur voll Verdruss den Kopf schütteln, trotz Platz 3.

13.) Baden-Württemberg – Glasperlenspiel – Echt
Begründung: Das wäre vor 10 Jahren schon Ramschware von der Stange gewesen, die weder durch Lyrics, Musik oder Vortrag irgendwie ins Auge springt. Ein Song, der bestenfalls als Radioberieselung eine Existenzberechtigung erwirkt. Platz 12 ist das zu erreichende Optimum.

14.) Saarland – Pierre Ferdinand et les Charmeurs – Ganz Paris ist eine Disco
Begründung: Eine Kriegserklärung an Frankreich. Französischer Akzent klingt nur bei Franzosen gut. Nun, vielleicht noch, wenn meine werte Co-Bloggerin damit parliert. Welche Sorte Charme möchten diese angeblichen Charmeure verbreiten? Gewollte Witzigkeit ist keine Tugend. Wenn Damen mit Problemen mit dem Dispo sich vom Sänger nach Hause begleiten lassen, dann muss ich das nicht goutieren. Das Publikum wird den Song abstinken lassen: Platz 15.

15.) Brandenburg – Doreen – Wie konntest du nur?
Begründung: Markerschütternd-pathetische Anklage einer Verlassenen. Nicht nur vom Liebsten, sondern auch von allen guten musikalischen Geistern. Da Doreen in der Wahrheit die Klarheit sieht, will ich auch schonungslos ehrlich sein: Dieser Song ist so unnötig wie strunzlangweilig. Gute Voraussetzung für Platz 9 in der Endwertung.

16.) Schleswig-Holstein – Muttersöhnchen – Essen Geh’n
Begründung: Geht es primitiver? Was Essen geh’n, was Trinken geh’n, was Ficken geh’n, soll dieser mit Electro-Mist unterlegte Hedonismus der Raison d’être sein? Für geistige Tiefflieger vielleicht. Prolls aus ganz Deutschland werden Muttersöhnchen auf Platz 13 bescheren.

Wertung (DifferentStars)

Sie begründet die Liste nicht, will sie aber als Korrektiv zu meiner Einschätzung verstanden wissen.

1.) Berlin – Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären
2.) Niedersachsen – Bosse feat. Anna Loos – Frankfurt Oder
3.) Bayern – Andreas Bourani – Eisberg
4.) NRW – Frida Gold – Unsere Liebe ist aus Gold
5.) Hessen – Juli – Du lügst so schön
6.) Hamburg – Thees Uhlmann – Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
7.) Rheinland-Pfalz – Jupiter Jones – ImmerFürImmer
8.) Sachsen – Kraftklub – Ich will nicht nach Berlin
9.) Thüringen – Alin Coen Band – Ich war hier
10.) Mecklenburg-Vorpommern – Jennifer Rostock – Ich kann nicht mehr
11.) Bremen – Flo Mega – Zurück
12.) Baden-Württemberg – Glasperlenspiel – Echt
13.) Saarland – Pierre Ferdinand et les Charmeurs – Ganz Paris ist eine Disco
14.) Sachsen-Anhalt – Flimmerfrühstück – Tu’s nicht ohne Liebe
15.) Schleswig-Holstein – Muttersöhnchen – Essen Geh’n
16.) Brandenburg – Doreen – Wie konntest du nur?

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „BuViSoCo 2011 – Unser Ranking, unsere Prognose

  1. Beim Durchhören der Beiträge dachte ich lange Zeit „Diesmal ist ja kein Beitrag dabei, der so richtig gut ist. aber auch keiner, der so richtig scheiße ist. Und dann habe ich Saarland und Schleswig-Holstein gehört… Meine Fresse… %-)

  2. Wenn ihr euch bei Glasperlenspiel mit euren Prognosen mal nicht gewaltigt täuscht – nachdem ich mir jetzt mal alle Teilnehmer angehört habe bin ich der Meinung, dass für Glasperlenspiel durchaus ein guter einstelliger Platz drin ist. Ich glaube diese (in meinen Augen) recht anspruchslose Art der Musik (was ich nicht als Nachteil sehe, speziell für den Zweck Bundesvision Song Contest) wird gut Zuspruch bekommen. Mein Favorit ist allerdings Jupiter Jones. Ansonsten habe ich an den Prognosen nicht viel auszusetzen, auch wenn ich Tim Benzko nicht ganz vorne sehe. Wir werden es sehen – einen schönen Abend noch.

  3. Ich könnte mir das Lied von Glasperlenspiel auch weiter vorne vorstellen, aus den von dir genannten Gründen. Ins Gewicht fällt jedoch, dass das Duo besonders uncharismatisch ist. Und das wiederum führt beim Bundesvision Song Contest nicht zum Erfolg. Jupiter Jones haben ein gutes Lied am Start, das aber zu sperrig für den Titel ist.

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