Quirlig-nostalgisches Technicolor – Lindi Ortega

Wenn der massenkompatiblen Ausprägung im Country-Bereich Emotionen aus der Seele fluten, bleibt im Flusensieb des eigenen Gefühlshaushalts lediglich ein undefinierbar klebriger Batzen zurück. Nun gab und gibt es Großmeister des Genres, die erfolgreich die völlige Verstopfung des Country-Metiers zu verhindern wussten wie wissen. Und längst existiert eine Gegenbewegung namens Alternative Country, deren Empfindungsrückstände mehr als bloß musikalisches Kleingeld darstellen. Was sich bei der Kanadierin Lindi Ortega so im Flusensieb verfängt, schimmert und funkelt gleich an einer dunklen Locke aufgefädelten Glitzerperlchen. Das Album Little Red Boots kommt nicht im züchtigen Western-Outfit, welches kein Schweißfleckchen zu trüben vermag, daher. Neben allem leidenschaftlichen Glitter und zuckervergossenem Herzschmerz schwappt bei Frau Ortega ein Faible für gute, alte Patina über, eine aufrichtige Bewunderung für die Zeiten quietschbunten Technicolors, die wesentlich mehr Pfiff und Flair versprühten als der so saubermännische und doch glitschige Hochglanz der Gegenwart.

Little Red Boots bietet in der nicht gerade opulenten Länge von 37 Minuten viele Ohrwürmer von süchtig machender Qualität. Die Chose erinnert mehrfach an den frühen Chris Isaak, gepaart mit der hellstimmlichen Inbrunst einer Dolly Parton. Dazu gesellt sich ein kecker und sentimentaler, ab und an lasziver – aber nie die populäre Fick-mich-Keule schwingender – Vortrag Marke Ortega. Genau so wird ein Schuh daraus, ein hübscher kleiner roter sogar.

Lindi Ortega – Little Lie from Last Gang Records on Vimeo.

Ehe ich mindestens einem halben Dutzend Liedern meine Begeisterung ausspreche, muss ich vor allen anderen den Song I’m No Elvis Presley loben. Wenn ich mir die launigsten 2 Minuten des bisherigen Musikjahres rauspicken müsste, mir fiele kaum etwas gelungeneres ein als dieser wuselig altmodische Titel, bei dem man sich die Sängerin gut im Petticoat vorstellen mag. Beim nicht minder feinen Titeltrack Little Red Boots trifft man hingegen auf den rätselbestickten, umherziehenden Vamp, der eine Lippenstiftspur hinterlässt. Markant auch die Rockabilly-Nummer Little Lie, die gleich zu Beginn der Platte jeden Gedanken an eine Unschuld vom Lande beiseite schiebt. When All The Stars Align erinnert mich wie bereits erwähnt an eine Mischung aus Chris Isaak und Dolly Parton, All My Friends schlägt in die selbe Kerbe. Mit Jimmy Dean kommt nach Presley gleich die nächst Ikone der Fünfziger zu ihren Ehren. Country hin, Country her – dieser Song vermag sogar den schlimmsten Verächter um den Finger zu wickeln. Wie für das Genre unumgänglich mangelt es mit Dying Of Another Broken Heart auch nicht an einer vor Liebespein triefenden, den guten Geschmack jedoch stets wahrenden Ballade („I should hold a funeral for every love I’ve lost/ Bury pieces of my heart under the winter frost/ And in the spring they’ll all be covered in forget-me-nots/ I’m dying of another broken heart„). Ortega schlüpft in viele Kostüme – und alle passen wie angegossen.

Lindi Ortega – Little Red Boots sampler by Last Gang Entertainment

Lindi Ortega schaut tief in die Seele des Country, kehrt dabei nie das Unterste zuoberst, schenkt dem überwiegend kitschversifften Metier eine altmodische Lauterkeit zurück, wie das nur die besten Singer-Songwriter können. Little Red Boots entpuppt sich als eine blendende Scheibe, deren Gefühle nie zu einem schleimigen Etwas zusammenpappen. Wo sich Country sonst häufig in seichten Idyllen und hoffnungslos plumpen Emotionen suhlt, überschüttet uns Ortega mit geschmeidig funkelndem Temperament. Ohne allzu neumodische Mätzchen in der Instrumentierung, ohne das leiseste Cowgirl-Klischees beschert uns die junge Kanadierin ein quirlig-nostalgisches, in kräftigen Farben koloriertes Album, das an Kurzweil kaum zu übertreffen scheint. Ich bin entzückt!

Little Red Boots ist am 09.09.11 auf Last Gang Records erschienen.

Konzerttermine:

15.10.2011 Berlin – NBI
16.10.2011 Hamburg – Astra Stube
18.10.2011 Köln – Barinton

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