Sternschnuppenregnende Lichtgestalt – Ane Brun

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, so sagt man. Und obschon Philosophen über die Jahrtausende eine Ästhetik des Schönen zu definieren trachteten, übertüncht das subjektive Empfinden oftmals die Normen von Grazie und Anmut. Ein gütiger Blick oder ein warmes Lächeln färben entstellende Narben mit Liebreiz, entwaffnende Wahrhaftigkeit und Humor verleihen unförmigen Menschen eine vollendete Linie. Was sich dem Betrachter als schön offenbart, hängt auch davon davon ab, ob man in schierer visueller Wahrnehmung verhaftet bleibt. Schönheit ist also ein relativer Wert, der so einige Definitionen kennt. Eben darum neige ich dazu, ein Album oder Lied nicht einfach als schön zu etikettieren, sondern mit einer Flut von Adjektiven zu versehen. Je mehr Attribute ich denn beifüge, desto eher konkretisiert sich dem werten Leser meine Sicht. Das alles muss ich vorausschicken, wenn ich It All Starts With One als mein Idealbild musikalischer Schönheit taxiere. Die in Schweden lebende norwegische Liedermacherin Ane Brun verfügt über eine selten schöne Stimme, deren kräftig kühle Klarheit tief blicken lässt, doch die ebenso mit einer empfindsamen Wärme ausgestattet, welche den Hörer nicht auf Distanz hält.

Photo Credit: Knotan

Bruns Lieder sind bittere kleine Pillen in dezenter Geschenkverpackung. Beziehungsgeflechte, Selbstergründungen, schmerzliche Fragen samt und sonders, denen Brun resolut, aber doch ab und an hilflos begegnet. Wo viele Singer-Songwriterin als verhuschte Rehe durch den Scheinwerferkegel des Musikliebhabers springen, baut sich das Brunsche Werk unerschrocken lebensgroß vor dem Hörer auf. Mit ihrem neuen Album ist Brun endgültig zur Grande Dame aufgestiegen, zu einer voll nobler Schönheit schreitenden Lichtgestalt. Den Songs haftet eine formvollendetete Makellosigkeit an, eine melodische Augeräumtheit, die nicht nach unnötiger Behübschung schreit, und eine bis ins winzigste Detail austarierte Instrumentierung, die jede überstrapazierte Kargheit unterbindet. Auch die Streicherarrangements der Platte hängen den Himmel nie mit Geigen voll, untermalen bloß die Dramatik des Vortrags. In diesem Rahmen entfalten die Lyrics eine Wirkung, die Gram und Zweifel und Liebe in atemberaubender Weise, quasi als Sternschnuppenregen, auf den gebannten Zuhörer sacken lässt. Jenes Ambiente macht die Texte nicht tiefgründiger, erleichtert jedoch das Einsickern ins Gemüt des Rezipienten.

Ane Brun – Do You Remember (Official Video) from Ane Brun on Vimeo.

Man sollte Gefühlswallungen nicht zum Mysterium verklären, auch Brun hantiert mit dem selben Gefühlsrepertoire, über welches in der Regel jeder Mensch verfügt. So liegt die Kunst auch im Ausdruck, nicht im Erfühlen selbst. What’s Happening With You And Him nimmt mit ungezählten Fragen eine Liebe ins Kreuzverhör, die um einen Neustart ringt und mit einer unbestimmten Erkenntnis („Let love show its‘ own face/ Let love show our fate„) entlassen wird. Do You Remember wiederum verbirgt das Ende einer Beziehung hinter fröhlicher afrikanischer Percussion und einem von First Aid Kit beigesteuertem Hintergrundchor. Die Erinnerungen an gute Zeiten und Vertrautheit geraten zum Abschied, dem die frühere Zuversicht gallig aufstößt. Mit gefühltem Seufzen und Stöhnen weigert sich die Protagonistin in The Light From One dem Gefährten weiter den Weg zu weisen, konzentriert sich darauf ihren eigenen Weg zu beleuchten, um allein sicheren Schrittes zu gehen. Es ist keineswegs so, dass Brun jede Liebe in ein Tal der Tränen münden sieht. Aber wo Romanzen und Märchen das Happy End bis zum Tode deklamieren, hängt das Album jedwedem Glück zumindest ein kleines Fragezeichen an. Fast so als könne das nur ein Traum (Oh Love), zumindest jedoch mit Mühsal beladen (Lifeline) sein.  „Oh the breathing/ From your mouth through mine/ I got high on this hunger for one more time/ Lover of mine when I kissed you/ I felt so…“ beschreibt in Oh Love einen Zustand seltener Ekstase. Überragend entfaltet sich weiters das fein theatralisch aufbereitete, Kausalitäten betonende One (mit Jennie Abrahamson als Background-Sängerin), in welchem Brun Träume zur Keimzelle der Revolution benennt. Denn freilich ist Frau Brun kein Backfisch, dem nur Liebe und Betrübtheit übers Gemüt spazieren. Und natürlich reüssiert sie nicht nur im gedämpft-balladesken Rahmen, was One nochmals unterstreicht.

Mit Haut und Haar kämpft Ane Bruns lyrisches Ich um Orientierung, fangen die Emotionen Feuer, verhungern nie auf kleiner Flamme. It All Starts With One verkörpert die glitzernde Schönheit eines weiten Emotionskosmos. Die Platte zählt zu der Sorte Schönheit, die ich andächtig udn ausgiebig bestaune. Ich hoffe, dem Leser geht es mit dieser Platte ähnlich.

It All Starts With One ist am 16.09.11 auf Balloon Ranger Recordings erschienen.

Konzerttermine:

09.10.11 Berlin – Babylon
12.10.11 Wien (A) – Porgy & Bess
13.10.11 München – Freiheiz
14.10.11 Zürich (CH) – Kaufleuten
19.10.11 Köln – Stadtgarten
20.10.11 Hamburg – Café Keese

Links:

Offizielle Homepage
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