Stippvisite 08/09/11 (oder: Die Mathematik von FluxFM)

Zur Abwechslung wieder eine Stippvisite. Diesmal unter anderem mit einem vermeintlich idiotensicheren Tipp für Musiker und anderweitige Kreative. Wenn sich da mal nicht das Lesen lohnt…

Erfolgstipp:

Möglicherweise sollte ich meine Informationsquellen – speziell im Internet – einer kritischen Prüfung unterziehen. Jedenfalls erstaut es mich, nicht wesentlich mehr Rabatz über den neuen Shooting Star unter den privaten Musikradios mit Anspruch gelesen zu haben. Am 23. August erblickte FluxFM das Licht der Welt, gleich Phoenix aus der Asche von MotorFM entstiegen. Und tatsächlich dürfte sich doch der eine oder andere Kubikmeter verbrannte Erde zwischen dem weit über Insider-Kreise hinaus bekannten und umtriebigen Gründer Tim Renner auf der einen Seite und seinen ehemaligen Mitstreitern der ersten Stunde, Mona Rübsamen und Markus Kühn, auftürmen. Letztere haben MotorFM nun gänzlich unter ihre Fittiche genommen und das Radio in FluxFM umbenannt. Soweit der aktuelle Stand, wie er auch in einem der wenigen Artikel zu diesem Thema auf dem Tagesspiegel geschildert wurde. Noch erhellender freilich fällt ein vom Medienjournalisten Jörg Wagner dokumentierter Studiorundgang samt anschließendem Interview mit Mona Rübsamen aus.

Denn dies führt mir die immense Bedeutung des Radios vor Augen, stößt mich förmlich mit der Nase darauf. Frau Rübsamen rechnet mir nämlich folgendes vor: Wenn ihr in Berlin, Bremen und Stuttgart über UKW empfangbarer Sender den Song einer in Stuttgart auftretenden Newcomer-Band vorab durch den Äther schickt, finden sich zum Konzert 500 Leute ein. In Hamburg hingegen – wohl auch deshalb gewählt, da FluxFM dieses Gebiet nur per Internet-Livestream abdeckt – würden sich zur selben Band lediglich 30 Leute verirren, wenn vorab keine Promotion im Radio läuft. Vereinfacht gesagt, FluxFM beschert Veranstaltern eine fast siebzehnfache Besucherzahl. Daraus zieht die Radiochefin den (Trug-)Schluss, dass ihr die lokale Veranstalterszene sehr zu Dank verpflichtet sein müsse. Und genau bei dieser mit Zwetschgen und Birnen jonglierenden Mathematik möchte ich einhaken. Mir flattern – genau wie anderen Bloggern, Musikmagazinen und Radios – täglich unzählige Konzertankündigungen per E-Mail ins Haus, die emsige Promotoren ohne Unterlass verschicken. Wenn ich mich ab und an zu manch vielpräsentierten Club-Auftritten begebe, erlebe ich vielleicht auch deshalb gute Gigs, weil die Gefahr von dicht gedrängten Zuschauermassen de facto nie besteht. 500 Zuseher bei einem Konzert einer aufstrebenden Band? Doch nur im umwahrscheinlichen Fall, dass sich Placebo ins Vorprogramm verirren. Ich möchte hiermit Nachwuchsmusikern dringend davon abraten, Hab und Gut zwecks Promotion (früher nannte man das noch Bestechung) für private oder öffentlich-rechtliche Sender  zu opfern.

Doch noch ein weiterer Punkt erregte meine Aufmerksamkeit. Frau Rübsamen sprach nämlich davon, dass Broadcasting gestern war, sich FluxFM vielmehr um „Communicasting“ bemüht. Nun zählen Wortneuschöpfung seit jeher zu den klassischen Verschleierungsmitteln, wenn es gilt, alten Wein in neue Schläche zu füllen. Jedoch nicht im Falle von FluxFM! Hier soll dies Wort den mit den Hörern forcierten Dialog beschreiben, beispielsweise über Facebook. Das hat es so auch noch nie gegeben, ich zollen diesem revolutionären Ansatz Respekt. Wesentlich eher nach Wischiwaschi mutet da das in der Pressemitteilung formulierte Ziel an, Musiker, Macher und Kreative zu vernetzen. Und ich armer Tropf war immer dem Irrglauben verfallen, dass es genügend Netzwerke gäbe, es jedoch meist an der Bindung zum Konsumenten mangle.

Fassen wir also zusammen: FluxFM verspricht das Blaue vom Himmel. Ohne den ausgewiesenen Profi Tim Renner soll nun plötzlich alles noch besser werden. Bin ich der Einzige, den dies zu ausgiebigem Stirnrunzeln animiert?

Programmtipp:

Bleiben wir noch kurz bei Tim Renner. Dieser ist in den neuen Folgen „Tonspur – Der Soundtrack meines Lebens“ auf 3sat wieder als Profiler aktiv. Wem diese unterhaltsame, vom Schweizer Fernsehen produzierte Sendung nicht bekannt sein sollte, sei sie umso mehr ans Herz gelegt. Zum Inhalt: Drei Musikkenner (eben auch Herr Renner) müssen anhand einer ungefähr 8 Lieder umfassenden Playlist eruieren, welcher Prominente sich hinter dieser Zusammenstellung verbirgt. Dazwischen werden die einzelnen Lieder vorgestellt, weiters erklärt der Prominente im Gespräch mit Moderatorin Nina Brunner, weshalb er diese Songs ausgewählt hat. Waren bereits die Gäste der ersten Staffel (unter anderem Elke Heidenreich, Sven Regener und Roger Schawinski) durchaus interessant, so geraten auch die Sendungen mit Roger Willemsen, Smudo und Joschka Fischer nicht minder sehenswert. (Beginn der neuen, im Wochentakt ausgestrahlten Staffel: 10.09.11, 22:50 auf 3sat)

Vorfreutipp:

Es gibt wenig unverrückbare Konstanten im musikalischen Kosmos. Tom Waits zählt zweifelsohne zu diesen. Wenn im Oktober sein neues Opus Bad As Me auf ANTI-Records erscheint, sollte man die Ohrläppchen fest zwischen die Finger klemmen. Schlichtweg, damit sich die Ohren nicht in die Sphären höchster Ekstase vertschüssen. Weil bereits der Titeltrack famos tönt.

Tom Waits – Bad As Me by antirecords

Mitpfeifftipp:

Heute beginnt die neue NFL-Saison. Das mag in Deutschland nur die eingefleischten Fans interessieren, die American Football zum spannendsten Sport der Welt erkoren haben. Also Menschen wie mich, die bereits die Tage – sogar Stunden – zählen. Und so ertappte ich mich denn auch dabei, voll Vorfreude die Melodie des während der Preseason-Spiele gezeigten Trailers mitzupfeifen. Der mir vorher unbekannte Song stammt von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros und nennt sich schlicht Home. Wunderbar!

Edward Sharpe and the Magnetic Zeros „Home“ from Edward Sharpe on Vimeo.

Schwedentipp:

Photo Credit: Rebecca Mangell

Seit Wochen schon – genauer gesagt: seit sie auf Polarblog vorgestellt wurde – will ich Edda Magnason den werten Lesern ans Herz legen. Nicht zuletzt weil die junge Dame dieser Tage in Berlin auftrat, diesen Anlass habe ich nun verbummelt. Eine Erwähnung verdient die Schwedin mit isländischen Wurzeln allemal. Die mir bekannten Songs ihres vor ein paar Monaten veröffentlichten Album Goods sind wahrlich nicht von schlechten Eltern, bestärken mich in der Auffassung, dass Frau Magnason „keine dieser typisch introvertiert-umwölkten Klavierliesen, keine ewig-gute-Laune Piano-Balladeuse, sondern eine auf angenehm altmodische Weise nachdenkliche Fluchtelfe“ ist – so zumindest Eva-Marias elegante Beschreibung auf dem Polarblog. Mir selbst sind solch gefinkelte wortkettende Formulierungen leider fremd. Das trickreich um die Ecke gelegte Lied Blondie fasziniert mich über die Maßen. Noch so eine Schwedin also, die man unbedingt im Auge behalten muss. Ja wachsen die feinen Liedermacherinnen dort wirklich von den Bäumen?

Edda Magnason – Blondie from Adrian Recordings on Vimeo.

Edda Magnason – Magpie´s Nest from Adrian Recordings on Vimeo.

Den Track Blondie gibt es auf der Label-Seite von Adrian Recordings als kostenlosen Download.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Stippvisite 08/09/11 (oder: Die Mathematik von FluxFM)

  1. „Wenn ihr in Berlin, Bremen und Stuttgart über UKW empfangbarer Sender den Song einer in Stuttgart auftretenden Newcomer-Band vorab durch den Äther schickt, finden sich zum Konzert 500 Leute ein.“

    Das ist in der Tat eine sehr großzügige Schätzung, die meiner Meinung und Wahrnehmung nach nichts mit der Realität zu tun hat. Aber womöglich hat man bei FluxFM einfach eine andere Vorstellung von Begriffen wie „Newcomer-Band“ (welche echte Newcomer-Band hat schon die Gelegenheit, an einem 500 Zuschauer fassenden Veranstaltungsort aufzutreten?).

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