Wider die Verhollywoodisierung der Musik – Helgi Jonsson

Der September lässt mich mit dem Vorsatz zurück, dieses Jahr vom Christkind einen weiteren Satz Ohren zu erbitten. Bis dahin muss ich mit meinen bereits in heftigem Gebrauch befindlichen Lauschern vorliebnehmen. Und diese sind so wählerisch wie verwöhnt. Beispielsweise von Helgi Hrafn Jónsson, den wir auf diesem Blog schon mehrmals ob seiner Talente hervorgestrichen haben. Nun tritt der isländische Singer-Songwriter kompakt und ohne Kringel als Helgi Jonsson wieder ins Licht der Veröffentlichungsbühne und legt mit Big Spring sein bis dato bestes und zugänglichstes Werk vor. Dies Album wirft rockende Momente auf, bei welchen der  Sound ohne Anlauf weit in meine Gehörgänge hüpft. Ebenso offenbart die Platte auch Passagen, in denen Jonsson als gefinkelter, ja gereifter Filigranmelancholiker dahinsinniert.

Ich will mir und dem geneigten Leser das Vergnügen genehmigen, Big Spring Lied für Lied zu erkunden. Das quasi als Soundcheck fungierende Intro Melting Point Of schmilzt zu Salt dahin, einer Beziehungsballade, deren von Tina Dico geschriebene Lyrics („The melting point of salt is eight hundred degrees/ But drop it in a glass if water/ You’ll lose it instantly/ It’s simple chemistry/ And so it is with you and me…„) Jonsson kongenial umsetzt. Ist es nicht das, was wir von Musikern und Dichtern erhoffen, dass sie uns Bilder und Worte ins Gemüt legen, deren klangliche Schönheit und Wahrheit die Mehrheit der Menschen nicht zu artikulieren vermag? Dies stellt ein Paradebeispiel dafür dar. Darkest Part Of Town präsentiert Midtempo-Rock samt Anklang findendem, weil griffigem Refrain. Was bei vielen Platten ein echtes Highlight wäre, fällt in diesem Rahmen ein wenig ab. Auch weil das nachfolgende, hoffnungsfroh malerische Dimma in seiner ausladend instrumentalen Zuspitzung die Qualitäten von Sigur Rós erreicht. Damit will ich dem Künstler keinen Honig um den Bart schmeicheln. Jonsson verkörpert eine Theatralik, deren zarte isländische Besaitung diejenigen Hörer berührt, welche mit einem wohltemperierten Temperament ausgestattet sind. Good Fireman erzählt die Geschichte des Sterbenden, der jede Hilfe mit den Worten „If she can’t save me, no one can“ ablehnt. Wo uns anderorts die Verhollywoodisierung unserer Existenz bereits nach einer Streicherarmada Ausschau halten lässt, gefällt im konkreten Fall die unpathetische Schilderung. Jonssons Begabung äußert sich auch darin, allem Grübeln, den Traurigkeiten und Zweifeln stets einen Aspekt der Bestimmtheit, gerne auch einen Funken Zuversicht abzugewinnen. Badwater ringt der stoischen Wachsamkeit des eigenen Seins den Schutz vor allgemeiner Konfusion ab. Stuck in Traffic fungiert als Comic Relief der Platte, nicht zuletzt wegen Zeilen wie „If only our drummer would relax and stop to play the tambourine„, bereitet zugleich Passport No Passport vor, welches im Refrain furios Fahrt auf nimmt, so tönt, wie die angesagteste Indie-Rock-Kapelle gerne zu klingen vorgibt. Damit lassen sich die Charts zurecht erobern, so meine realistische, scherzferne Expertise. Dem Highlight folgt Lonely Birds als sperrige Pianoballade, die ab der Hälfte plötzlich versiegt und in einem zinnsoldatigen Marsch stolziert. Es soll der einzige Track auf Big Spring bleiben, der sich einer Erkundung entwindet. Careful People macht seinem Namen alle Ehre, nicht zuletzt weil der Song den Hörer sorgsam an die Hand nimmt, die Stimmung noch einmal in folkige Andächtigkeit taucht. Derart lässt sich das wehmütige Leiden des fast sakralen Liebesabgesangs The Pond besser ertragen, das just in dem Moment, wo man zu den Taschentücher greifen möchte, einen versöhnlichen Gedanken versprüht. Auf The Lake führt ein steiniger Weg zum letztlich erhaschten Idyll, das Jonsson sowohl sich als auch dem Hörer als Abschluss gönnt.

Der isländische Singer-Songwriter vertraut der Magie seiner Worte in einem erstaunlichen Maße, speziell wenn man seine Instrumentenbeherrschung, wie man sie auf Live-Auftritten bewundern darf,  bedenkt. Mit viel Behutsamkeit mengt er dem Gesang die Instrumente bei, lässt die Reduktion Intensität entfalten, ehe er den Sound ausstaffiert. Helgi Jonsson, der sein deutsches Konzertpublikum durch den während eines Studienaufenthalts in Graz angeeigneten österreichischen Dialekt entzückt, ist ein über jeden Zweifel erhabener, begnadeter Musiker, Sänger und Komponist, der all jenes Können auch noch mit wunderbarem Bühnenentertainment verknüpft. Mit dem grandiosen Big Spring im Gepäck sollte man sich die Termine seiner Herbst-Tour unter gar keinen Umständen entgehen lassen. Selbst wenn der Weihnachtsmann bis dahin noch keinen frischen Satz Ohren vorbeibringen wird.

Big Spring erscheint heute (16.09.2011) auf Finest Gramophone.

Konzertermine:

18.10.11 Dresden – Societätstheater
19.10.11 Erlangen – E-Werk
20.10.11 München – 59:1
21.10.11 Lustenau (A) – Carinisaal
22.10.11 Graz (A) – PPC
23.10.11 Wien (A) – WUK
25.10.11 Zürich (CH) – Exil
26.10.11 Heidelberg – Enjoy Jazz Festival @ Karlstorbahnhof
27.10.11 Wiesbaden – Schlachthof
28.10.11 Köln – Studio 672
29.10.11 Münster – Gleis 22
31.10.11 Hamburg – Molotow
01.11.11 Berlin – Roter Salon

Links:

Offizielle Homepage
Helgi Jonsson auf Facebook

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