BuViSoCo 2011 – Eine kurze Analyse

Jedwede Castingshow sendet sich hierzulande in den Quotenhimmel, wenn sie nur genügend musikalische Flitzpiepen aufzumischen vermag. Stefan Raab überbietet in Sachen Musik das Stammtischniveau des Rabaukensenders RTL. Das ist zweifelsohne kein Kunststück, aber zumindest eine löbliche Ausnahme. Wenn Raab also zum Bundesvision Song Contest bittet, mehrheitlich seriöse Musiker zum Wettstreit einlädt, sollte man dies zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Die diesjährige Ausgabe des BuViSoCo führte jedenfalls wieder vor Augen, was die großen Plattenfirmen so im Repertoire haben. Von in den Charts erprobten Acts über hoffnungsvolle Newcomer bis hin zu Künstlern, die niemals den Durchbruch schaffen werden. Eine bunte Mischung, der jedoch kein besonderer Quotenerfolg beschieden war. Warum eigentlich?

Natürlich haben solche Events eine Halbwertszeit von wenigen Stunden. Ist eine Analyse des vorgestrigen Contests das Aufwärmen kalten Kaffees. Denn außer Fanclubs und Anverwandtschaft scheint dieses Jahr ja kaum jemand zugesehen, geschweigen denn für die Bands gevotet zu haben. Anders lässt sich das Abschneiden mancher Musiker nicht erklären. Wie zum Teufel kann sich ein gewisser Flo Mega auf den zweiten Platz verirren? Da müssen sämtliche Schwippschwager von Papa Flo und allerlei Erbtanten von Mama Mega zum Hörer gegriffen haben. Dass sich der Bremer Flo Mega aus der Charismamottenkiste eines Joe Cocker bedient und Stevie Wonder die Brille geklaut hat, rechtfertigt noch lange nicht Platz 2. Und was haben Stuttgart 21 und Glasperlenspiel gemein? Beide sind unterirdisch. Echt hat es auf Platz 4 geschafft und auch gefühlte tausend Hördurchläufe später will sich mir die Qualität des Beitrags aus Baden-Württemberg nicht und nicht erschließen. Haben wir es hier nicht mit der Sorte Musik zu tun, welche dann bestens funktioniert, wenn man eben nicht richtig hinhört? Zumindest der Siegertitel vermochte ein ganz klein wenig mehr zu bieten. Der Berliner Tim Bendzko lieferte mit dem eitlen Wenn Worte meine Sprache wären eine solide Performance. Wenn der Herr beim Texten auf die Schmachtbremse treten würde, ja wenn Worte tatsächlich seine Sprache wären, dann könnte mein Urteil gnädiger ausfallen. Das abstimmende Publikum schien musikalischen Sachverstand im Mittelfeld zu verorten. Jupiter Jones (Rheinland-Pfalz) brachten es auf eine soliden 6. Rang, Thees Uhlmann für Hamburg auf Platz 8. Schlimmer erwischte es Kleinode wie Ich war hier von der Alin Coen Band, die sich mit einem ungerechtfertigten Platz 12 zu begnügen hatten, oder Tu’s nicht ohne Liebe der Vertreter für Sachsen-Anhalt Flimmerfrühstück mit Rang 13. Während Alin Coen mit ihrem unspekatulären Vortrag einfach nicht für eine Show geschaffen ist, vielmehr im intimeren Rahmen eines Club-Konzerts reüssiert, haben Flimmerfrühstück ein gutes Händchen für die Komposition, aber ein gesangliche Ungelenkigkeit, die entweder auf mangelndes Talent oder Unsicherheit zurückzuführen ist. Eigentlich würde ich dieser Abfuhr ja auf die Sucht des Publikums nach großer Bühnenshow und massig Sex-Appeal schieben, aber weder der übliche Trash aus NRW, diesmal in Gestalt von Frida Gold (Platz 7) noch Jennifer Rostock (8. Rang) konnten sich damit entscheidend in Szene setzen. Ein bemerkenswerter Umstand. Zwei Verlierer des Abends will ich so nicht akzeptieren. Der Bayer Andreas Bourani scheint mir als sehr guter Performer mit ausgezeichneter Stimme doch weit unter dem Wert geschlagen (Platz 10). Eisberg hätte sich wesentlich mehr verdient, gerade weil der Track angenehm im Mainstream verhaftet ist. Und warum Juli, bekanntlich Stammgäste in den Charts, mit der 08/15-Ballade Du lügst so schön lediglich aus dem heimatlichen Hessen Punkte bekamen und sich mit dem vorletzten Platz begnügen mussten, will sich mir nicht ergründen, lässt mich an eine technische Panne denken.

In der Gesamtschau lässt sich keine wirkliche Tendenz erkennen, reiht sich Qualität an Mittelmäßigkeit, gut gemachter Aktionismus (Kraftklub) an ernsthaften Rock, wurde Ramsch ins letzte (Muttersöhnchen für Schleswig-Holstein) und ins erste Drittel (bereits erwähnt: Glasperlenspiel) der Wertung votiert. Wenn der Bundesvision Song Contest den Plattenfirmen etwas lehrt, dann wohl die Erkenntnis, dass man den Abend als reines Promo-Spektakel bewerten sollte und Rückschlüsse auf etwaige Chart-Platzierung sinnlos scheinen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass ein Flo Mega in den Hitparaden über Juli oder Jennifer Rostock zu stellen ist? Nie und nimmer.

 

SomeVapourTrails

2 thoughts on “BuViSoCo 2011 – Eine kurze Analyse

  1. Respekt, dass Du Dir die Sendung offenbar in Gänze angetan hast! 🙂 Mir fehlt da irgendwie die Motivation, zumal ich davon ausgehe, dass, falls tatsächlich mal was Interessantes darunter sein sollte, ich es schon irgendwann irgendwo irgendwie mitbekomme. Wirklich was verpasst habe ich ja offenbar nicht – vermutlich wäre Thees Uhlmanns Song mein Favorit gewesen.

  2. Also die Gefahr, dass einer der Songs in meine Bestenliste des Jahres kommt, diese Gefahr besteht dieses Jahr nicht (das war 2010 anders). Aber ich war zugegeben nicht beleidigt, dass wir öfter einmal ein paar hundert Besucher gleichzeitig auf dem Blog hatten. Das ist ja für nen seriösen Musikblog nun wahrlich nichts Alltägliches 😉 Aber nach der Sendung kann ich nun den VÖ-verseuchten September endlich aufarbeiten, da gibt es ganz tolle Alben, die ich schon längst empfehlen wollte.

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