Die hohe Schule exquisiter Theatralik – Exitmusic

Unsere Zeit kennt kaum mehr Rätsel. Die Wissenschaft erforscht sie samt und sonders, ergründet die Prozesse in unserem Gehirn, entschlüsselt die menschliche Seele. Die tiefsten Tiefen der Ozeane werden erkundet, der entfernteste Winkel des Universum mit stichhaltigen Thesen bekleckert. Allerlei Wahrscheinlichkeiten türmen sich zu unantastbaren Gewissheiten auf. Unberechenbares ist längst nur einen Wimpernschlag von der endgültigen Ausdeutung entfernt. Jegliches vergangenes Geheimnis harrt seiner überfälligen Entmystifizierung. Nur die Kunst schlägt dem Fortschritt ein kleines Schnippchen. Weil sie nicht in Kategorien der Logik agieren muss, einen eigenen Kosmos kreiert, den die analytische Rezeption meist nur ungenau zu vermessen vermag.

Das aus Brooklyn stammende Duo Exitmusic stellt auf knapp 18 Minuten eine traumhaft gesponnene Gefühlswelt auf die Beine. Der inspirierte Funke  der EP From Silence lässt sich eben nicht einfach so zwischen Komposition und Vortrag auffinden, winkt auch nicht unter dem gnadenlosen Blick eines Mikroskops koboldhaft vorwitzig entgegen. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass keine Wissenschaft der Welt Kreativität in eine Formel packen kann. Exitmusic entwickeln einen vor Düsterkeit schwangeren, irgendwo zwischen Shoegaze und Trip-Hop angesiedelten Sound, der dramatisch anschwillt, um in ätherischen Brüchen zu münden, oder hymnisch tanzt, nicht ohne zuvor in Ergriffenheit zu schwelgen. Die vier Tracks der EP beeindrucken in ihrer Kompaktheit, sind vielschichtiger und mitreißender als der gegenwärtig grassierende Synthie-Pop. The Sea windet sich in hochtrabende Gefilde, Drama-Queen meets sirenesk rufende Cassandra. Ein faszinierend beschwörerischer Song von ekstatischem Zauber. The Modern Age wummert im Refrain fast schon als sinisterer Disco-Stampfer daher, entlädt sich nach anfänglich grummelnden schwarzen Wolken als grell blitzendes Gewitter über dem Hörer. Das Ehepaar Aleksa Palladino und Devon Church lehrt uns die hohe Schule exquisiter Theatralik, deren Intensität den Bogen nie überspannt und in Lächerkeit abgleitet. Auch The Hour funkelt in aller Pracht als lichtdurchwobener Sonnenaufgang, während The Silence die Helle wieder dimmt und in schwanengesangiger Gedämpftheit vergeht.

Exitmusic – The Hours from Secretly Jag on Vimeo.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

Exitmusic kreieren Soundtracks für unrunde, verwunschene Stunden, die sich einer rationalen Erfassung entziehen. Das Duo lässt Märchenwälder wachsen, in denen sich der Hörer verläuft, zwischen prickelnder Erregung und unerklärlicher Furcht schwankt, hinter jedem Baum eine geschickt inszenierte Verhexung lauert. From Silence verbreitet die Sorte von rätselhafter Faszination, der man nicht auf die Schliche kommt – und es auch gar nicht versuchen will. Dieses Halbdunkel von einer EP vermag man nicht zu durchschauen, egal von welcher Seite man es beleuchtet.

From Silence ist am 07.10.11 auf Secretly Canadian erschienen.

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Kostenloser Download von The Sea

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