Donnerlittchen! Feist, nicht Faust!

Geschmäcker variieren. Mit dieser Begründung lässt sich auch der größte Mumpitz rechtfertigen. Natürlich darf und sollte man über Geschmack streiten, weil man ihn formen und in Schuss halten kann. Er nicht in Stein gemeißelter Fluch oder Segen ist. Wer sich um den eigenen Geschmack nichts schert, wird zum Deckel für den noch so grindigen Topf. Doch Obacht, nicht alles was Kritiker in schillernden Farben ausmalen, zählt in die Kategorie kultivierten Genusses. Manches gibt Überintellektualität vor oder schwelgt in bizarren Gefühlswelten und wird pflichtschuldigst mit Gütesiegeln überhäuft. Weil der Kritiker das, was er nicht begreift, in den Himmel schwadroniert, seltener nur verteufelt. Feist beispielsweise darf sich Darling der Kritiker schimpfen. Zurecht?

Photo Credit: Mary Rozzi

Aber ja doch! Das neue Album Metals bescheinigt der Sängerin überragendes Talent, ein Können, welches zu mehr als aufgeregtem Feuilleton-Geflüster taugt. Der Singer-Songwriterin Feist breitet keine großen Geschichten aus, ihre Stärke liegt in gefühlsgeladenen Wahrnehmungsskizzen, die sie blendend ausstaffiert und zuspitzt. Wo ihr lyrisches Können Schwächen offenbaren könnte, bedecken Gesang und Melodien die Blöße. Und zwar nicht mit billigem Tand, sondern mit feinstem Brokat. Feist ist keine Poetin vor dem Herren, aber sie macht vieles zu klingenster Poesie. Donnerlittchen, solch eine Gabe unterscheidet sie von den Legionen an Pianofeen und Gitarrenelfen.

The Circle Married The Line versprüht die Ästhetik einer grazileren Version von Carly Simon. Ein klassisch angelegtes, balanciert helles und doch ausgesucht unätherisches Glanzstück! Undiscovered First wiederum entwickelt sich zu einem sinisteren, kettenrasseligen Marsch, dessen Fußspuren sich nicht im Sand verlaufen. Leslie Feist vermeidet jegliche Anstrengung, den Erfolg ihres Liedes 1234 mit einem gewitzt launigen Pop-Liedchen zu wiederholen. Stattdessen findet sich folkige bis bluesige Schwere in vielen Liedern. Comfort Me zögert nicht, sich den Fallstrick frustierter Strenge überzustülpen und zu leiden. Ein nobel bestimmter Gang zum Gefühlsschafott! Sogar in den Momenten, in denen Feist zum Mysterium mutiert, von kauziger Theatralik beseelt handelt, stößt das Werk nicht ab, selbst wenn nervöse Streicher einem mit soldatischem Drill vollführten Aufschrei aus ungezählten Männerkehlen entgegenzittern. Frau Feist die Szenerie wie eine Ballerina ausdruckstänzelnd begleitet (A Commotion). Bei Graveyard skizziert die Sängerin das Ambiente des Schauplatzes mit wenigen Strichen, um daraus flugs eine erbaulich fröhliche Hymne zu basteln. Diesen Charme der Überraschung, diese Beweglichkeit im Ausdruck dimensioniert die Platte zu einem geschmackssicheren Ereignis von selten gehaltvoller Würde.

Metals ist der seltene Glücksfall eines Albums, das in seiner Unberechenbarkeit sämtliche Erwartungshaltungen zu bedienen vermag. Abgesehn von der einen, die Feist in Easy-Listening-Pop-Gefilde abgleiten wünscht. Spätestens mit vorliegender Scheibe sollte Feist in den Kanon hehrster Kunst Eingang finden. Feist ist nicht Faust, keine Frage. Aber die Künstlerin darf sich berechtigter Eherbietung sicher sein. Zumindest derer, die ihren Geschmack noch zu kultivieren wissen.

Metals ist am 30.09.11 auf Polydor erschienen.

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2 Gedanken zu „Donnerlittchen! Feist, nicht Faust!

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