Rotziges Energiebündel mit aufbrausender Widerspenstigkeit – Cäthe

Oh Mensch, Attitüde ist Rückgrat und Achillesferse zugleich. Ein rotzig plärrendes Röhren mag die Intention des Albumtitels Ich muss gar nichts vortrefflich umsetzen, zugleich ist die trotzige Mutwilligkeit von Cäthe ein Stück weit enervierend, weil dieser rebellisch zur Schau gestellte weibliche Gefühlskosmos oft die Halbwertszeit eines Abziehbildchens besitzt. Zwischen Raserei und fragiler Tiefgründigkeit pendelnde Lieder mit viel Schnodder in die Welt zu niesen, all das kann und darf Cäthe gerne tun, sollte jedoch auch ihre überbordende Energie klug dosieren. Eine gute Platte ist wie ein gutes Chili con Carne. Wenn es einzig und allein Schärfe im Köcher hat, man sonst rein gar nichts schmeckt, sondern unter vertränten Augen stöhnt, dann hat es der Koch mit der Würze übertrieben.

Ob raubeinige Balladen oder treibend gerockte Songs, Cäthe stülpt ihr Innerstes hervor, mit beinahe unverschämter Direktheit und der festen Überzeugung, dass der wie von der Tarantel gestochene Vortrag niemanden kalt lässt. Dem mag auch so sein, so ganz warm werde ich mit der Platte dennoch nicht. Aber ich will mit einem tollen Lied beginnen, Unter meiner Haut nämlich. Das scheint die Art Track, in der das musikalische Ansinnen der Singer-Songwriterin bestens transportiert wird. Souverän und forsch, roh und charismatisch. Auch der bereits von der Anfang des Jahres veröffentlichten gleichnamigen EP bekannte Titel Señorita lässt wenig Platz für Nörgeleien. Dem teilnahmsvollen Gesang steht eine würzige Lärmigkeit entgegen, das zeitigt ein wirklich gutes Ergebnis. Noch geht es nur einen Song lang bergab. Kaugummi nämlich nervt mit Zeilen wie „Jeden Tag mach ich die Beine breit und pinkel mir ans Bein.„, druckst als nachdenklich sinnsuchendes Liedchen herum, um sich im Refrain dann selbst unnötig aufgeregt im Blabla zu verheddern. Wahre Liebe flackert rockröhrig auf, übertreibt es mit der Beziehungsanalyse jedoch, ergeht sich im Kehrreim dann in einer bei aller Inbrunst wenig spektakulären Aussage. Mit Ding folgt das zweite absolute Highlight der Platte, auch weil Cäthe ihrer Stimme subtilen Pathos gibt, nicht ohne Rücksicht auf Verluste nach vorn prescht. Danach schlittert das Album in völlige Durchschnittlichkeit, bestenfalls. Hat sich verausgabt, alles Feuer verspien. Nun starrt man auf verbrannte Erde.

Die zweite Hälfte wird von musikalischem Pop-Rock-Gedudel ohne Tiefgang dominiert, beispielsweise Tiger Lilly. Diese Hymne auf das Vagabundentum und das heimatliche Rückzugsgebiet verliert an Attraktivität, je genauer man dem Song lauscht. Wie bitte sieht ein Blumenkind mit Gothic-Einschlag aus? Leicht schwer zu sein krächzt sich ins Bodenlose, kulminiert in eine völlige 08/15-Phrase („Es ist leicht schwer zu sein/ So, so, nur so sieht’s aus„). Spirituell bleibt ein weiteres Ärgernis, weil es mit viel Aufwand krawallig selbstbewusste Frustbewältigung betreibt. Viel Lärm, wenig Essenz. Lediglich der in seiner Aufsässigkeit eigentlich unsympathische Titel Ich muss gar nichts entpuppt sich nochmals als brauchbare, für die Sängerin sogar ausgesprochen entspannte Ballade. Ein längst fälliges Luftholen nach all der mit in die Hüfte gestemmten Händen präsentierten Power.

Cäthe – Senorita from Caethe Sieland on Vimeo.

Ich räume gerne ein, dass es Alben gibt, welche man nur in gewissen Lebensabschnitten zu goutieren vermag. Vielleicht bin ich zehn Jahre zu alt für Cäthes aufbrausende Widerspenstigkeit, für ein herbes Element, das authentisch anmuten soll. Ich muss gar nichts lebt von der Übertreibung – und übertreibt dies meiner Meinung nach. Cäthe macht sich mit ihrer kernigen Attitüde letztlich zum Trotzkopf, dessen aggressives Gehabe die vorhandenen Nuancen oft überstrahlt. Trotz einer Handvoll guter Tracks bleibt so ein bitterer Nachgeschmack.

Ich muss gar nichts ist am 30.09.11 auf DEAG Music erschienen.

Kornzerttermine:

24.10.11 Köln – Luxor
25.10.11 Stuttgart – Kellerklub
26.10.11 München – Ampere
27.10.11 Graz (A) – PPC
28.10.11 Wien (A) – B72
30.10.11 Frankfurt – Yellowstage
01.11.11 Berlin – Comet
02.11.11 Hamburg – Knust
03.11.11 Lübeck – Rider’s Cafe

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2 Gedanken zu „Rotziges Energiebündel mit aufbrausender Widerspenstigkeit – Cäthe

  1. Die EP war viel besser als das Album. Wie du schon schreibst: Sie übertreibt teilweise arg und das nervt dann nur noch. Obwohl ich die CD mag, ist sie leider nicht das, was man die EP versprach.

    Ein Blumenkind mit Gothic-Einschlag? Findet man häufig. Viele Neo-Hippies, die ich kennenlernte, waren depressiv und hatten dieses Gothicelement.

  2. Cäthe ein Traum !!! Die CD ein Gedicht,zu hören wie ein gutes Buch zu lesen. Wundervolle, herrliche laute und völlig durchdringende leise Klänge.
    Bin so berührt , keine deutsche Sängerin erreicht mich so und gibt mir so ein Glücksgefühl. Hoffe es gibt noch sehr viel von ihr.

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