100 Songs – Teil 13 (If…)

Wir alle dürsten nach Liebesschwüren, speziell wenn sie mit aufgeblasener Romantik dargeboten werden. Liebe wird von der Mehrheit der Menschen als derart markerschütterndes Gefühl wahrgenommen, dass man es keinesfalls mit Subtilitäten unterfrachten sollte. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das 1997 veröffentlichte Minialbum A Short Album About Love eine schiere Widersinnigkeit. Liebe verlangt nie nach Prägnanz, Liebe nötigt zu ausladendem Überschwang. Doch Neil Hannon, Mastermind von The Divine Comedy, hat sich im Lauf der letzten 20 Jahre wohl zu keiner Zeit als berechenbarer Charakter erwiesen. Vielmehr stand er immer gelangweilt in der zweiten Reihe der Kritikerlieblinge oder gar inmitten der Schlange der auf Charts-Notierungen harrenden Musiker. Hannons Exzentrik prädestiniert nicht eben zu übermäßigem Erfolg.

Das Lied If… unterstreicht die Abgründigkeit des Könners. Welch edel symphonisch angelegter Song, unterstützt von Hannons vornehmen Gesang. Man möchte es sogleich in die Kategorie des unzeitgeistig eleganten, typisch britisch kultivierten Liederguts schubsen. Es in einem Ambiente verorten, welches den vielen aus der englischen Unterschicht entsprungenen Bands einfach nicht mittels Muttermilch zugeführt wurde. Doch verbirgt sich hinter dem so aristokratisch wie undegenerierten Vortrag ein Liedtext, der nicht zur Beschaulichkeit einer Romanze  à la Rosamunde Pilcher taugt. Wenn Hannon „If you were the road/ I’d go all the way/ If you were the night/ I’d sleep in the day/ If you were the day/ I’d cry in the night“ intoniert, will man noch vermuten, dass hier ein von Liebe beseelter Mann seine Herzensdame mit Poesie überschüttet. Doch mit nahezu jeder weiteren Zeile wächst das Mißtrauen in die hehren Absichten des Protagonisten. „If you were a tree/ I could put my arms around you/ And you could not complain/ If you were a tree/ I could carve my name into your side/ And you would not cry/ ‘Cos trees don’t cry“ lässt bereits erahnen, dass die Liebesbekundung möglicherweise nur bedingten Widerhall in den Ohren der Auserwählten finden könnte. Nichtsdestotrotz schwelgt Hannons lyrisches Alter Ego weiter in Fantasien. Wenn die Angebetete ein Mann wäre, würde er sie ebenso lieben, wenn sie ein Drink wäre, würde er wohl einen über den Durst drinken, und wenn sie ein Pferd wäre, würde er nicht nur ihren Stall ausmisten, sondern auch auf ihr durch die Morgendämmerung gen aufgehende Sonne reiten.

Verstörung freilich ruft die letzte Strophe des Liedes hervor, wo er meint, dass es ihm sogar schwer fiele loszulassen, wenn sie sein kleines Mädchen oder seine Schwester wäre. Da schrillen nun sogar die Alarmglocken des absonderlichsten Romantikers. Und tatsächlich fällt die Maske dieses vermeintlichen Liebesliedes, als der Sänger sich sein Objekt der Begierde als Hund ausmalt. „Then you’d be my loyal four legged friend/ You’d never have to think again/ And we could be together till the end“ beendet jegliche Schwärmerei, bricht ironiefrei, schwillt wahnhaft an, zeigt Fratze. Will besitzen, will hündische Ergebenheit. Lässt den Hörer bedröppelt zurück. Bye, bye Romantik!

Eine musikalische Schönheit zur Abscheulichkeit zu mutieren, das bedarf schon eines kunstvollen Kniffs der Marke The Divine Comedy. Nicht zuletzt deshalb verdient If… die Aufnahme in den Kanon meiner 100 Songs.

Link:

Offizielle Homepage

Stream von If… auf simfy

SomeVapourTrails

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