Gut zu sein, das ist die neue Durchschnittlichkeit! – Brett Anderson

Gut zu sein, das ist die neue Durchschnittlichkeit. Gut wirkt nicht mehr gut genug. Längst schon wird verlangt, besser und toller und spitzenmäßiger zu agieren. Jedwede Dramaturgie muss noch spannender gestrickt sein, jeglicher Action-Reißer noch packender knallen, alle Blondinen sollen noch kurviger und blonder agieren. Wir lechzen nach einem Mehr, von der irrigen Annahme getrieben, dass die Chose damit auch besser wird. Wenn ein mit Meriten behafteter Musiker ein neues Album veröffentlicht, dann hat dies verdammt nochmal genialer zu sein. Nicht etwa nur Darreichung altbekannter Qualität. Im Falle von Brett Anderson, dem Frontmann von Suede, kann man ihm wahlweise vorwerfen, dass sein jüngstes Solowerk Black Rainbows viel zu sehr an Suede erinnert, keine künstlerische Weiterentwicklung aufzeigt oder aber eben nicht an die Großartigkeit der besten Songs der Band heranreicht.

Beim Lesen einiger Besprechungen zu dem neuen Album wurde ich von tiefem Mitgefühl gegenüber Anderson gepackt. Denn wenn eine meiner Ansicht nach respektable Platte nicht mehr vor den kritischen Ohren der Rezensenten bestehen kann, schlichtweg weil man ihr allzu hohe Maßstäbe aufoktroyiert, dann überschatten Erwartungshaltungen und Voreingenommenheiten das Resultat, sortieren es mit beamtischer Sorgfalt in einen Kontext, resümieren knochentrocken. Schwupps wird eine grundsolide Scheibe auf Makel reduziert, ihr lautstark vorgeworfen, nicht viel besser oder zumindest völlig anders zu sein.

Dabei bietet Black Rainbow jede Menge bemerkenswerte Lieder, die man würdigen könnte, wenn man denn wollte. Doch wenn man Brett Anderson als „clumsy dandy in aspic“ (Clash) abtut oder schon längst als „camp-macho king of wastrel town reduced to glum reveries about swans and sipping tea“ (BBC) schubladisiert hat, dann wird man Perlen wie Brittle Heart ohnehin nicht schätzen wollen. Diese Vorzeige-Single mag vielleicht textliche Rätsel aufgeben („Give me your brittle heart and your orphan’s eyes, I’ll give carpet bruns and antiseptic skies„), aber Andersons Vortrag, der bei aller Larmoyanz und Abgehobenheit stets auch samtig elegant tönt, lässt den aufgeschlossenen Hörer ohne indigniert gehobene Augenbraue zurück. So darf ein kultivierter wie emotional zugespitzter Popsong sein. I Count The Times bleibt als weiterer Höhepunkt im Gedächtnis haften. Was habe ich mir das Gehirn zermartert, an welches Lied mich der Refrain erinnert, bis ich schließlich an All Through The Night denken musste. Mittlerweile habe ich auf Popmatters („chorus twinkles like Bowie singing Cyndi Lauper’s wistful All Through the Night) den selben Gedanken gefunden. Diese Ähnlichkeit soll den starken Song freilich nicht schmälern. Bei This Must Be Where It Ends haben wir es mit einer durchaus verqueren, me­lo­dra­ma­tischen Ballade zu tun, welche die Poesiekeule schwingt: „And your hair is like the autumn, and your flesh is like the breeze/ And your skin is like the summer and your hair is like the trees„. Man könnte nun natürlich den inneren Witzbold entdecken und gleich NME „Honestly Brett, you’d make a rubbish police witness.“ scherzkeksen. Muss man aber nicht.

In mancherlei Hinsicht erinnern Andersons dynamischere Tracks eher an abgespeckte Placebo als an Suede, das dornige Actors etwa – ebenso das Fäuste ballende The Exiles. Insgesamt wirkt Black Rainbows weitaus weniger düster als das karg-schöne Wilderness von 2008, scheint von frischem Selbstvertrauen beseelt, das sich in ausladenderen Gesten. Das gilt auch für den balladesken Glücksfall Possession, dessen textliche Wunden formvollendet vorgetragen werden.

Ich komme in meinem Resümee nicht umhin, Black Rainbows als stimmiges Album zu werten. Es hat fraglos genügend Substanz, um sich aus dem übermächtigen Schatten Suedes zu emanzipieren, wenn man es denn lässt. Solange die Kritikerzunft Brett Anderson das Recht auf eine Solo-Karriere nicht wirklich zugesteht, immer die alte Leier von den glorreichen Zeiten von Suede anstimmt, wird Anderson in der allgemeinen Rezeption weit unter seinem Wert geschlagen, das Niveau seines Schaffens verkannt. Ein betrüblicher Umstand. Mir zumindest ist wahrhaft Gutes noch allemal gut genug!

Black Rainbows ist am 14.10.11 auf Embassy of Music erschienen.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Gut zu sein, das ist die neue Durchschnittlichkeit! – Brett Anderson

  1. Vielen Dank für den schönen Artikel, kann eigentlich nur in allem zustimmen. Black Rainbows ist tatsächlich ein sehr gelungenes Album und deutlich stimmiger geraten als Andersons letztes Soloalbum. Die enttäuschten Kritiken, die zu lesen sind, lassen auch erahnen, was passieren wird, sollten Suede tatsächlich ein neues Album veröffentlichen. Die Erwartungen werden auch da so unglaublich hoch sein, dass selbst wenn es fantastisch werden wird garantiert enttäuschte Kritiker geben wird.

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