Moribunde Schmerzschwere – Mirel Wagner

Viele Singer-Songwriterinnen sind kleine Prinzessinnen, die eine Schnute ziehen, so als wäre ihnen das blümchenbemusterte Lieblingskleid vom Leib gerissen worden. Andere Songschreiberinnen geben die verhuschte wie bebrillte graue Maus, welche es kaum wagt, ihre Nasenspitze aus dem Mauseloch zu stecken, lieber im stillen Kämmerlein vor sich hin träumt. Weiters exisitieren auch noch Sängerinnen mit vor Weltschmerz verquollenen Augen. Ich schätze sie alle, speziell jedoch solche, die mit spartanischer Knochigkeit ans Werk schreiten, einer drei Gräber tiefen Ernsthaftigkeit frönen. Die in Äthiopien geborene und in Finnland sozialisierte Liedermacherin Mirel Wagner verdichtet ihr Schaffen zur Essenz dessen, was Musik ohne jeglichen Schnickschnack anzubieten vermag. Mit spärlichen Mitteln schält sich eine Aura heraus, die an Eindringlichkeit kaum zu überbieten scheint.

Photo Credit: Aki Roukala

Dank Reduktion aus dem Vollen zu schöpfen, solch eine Gabe lässt sich nicht aus den Fingern saugen. Jene Kunst beherrscht man nicht, wenn man sich das putzige Unplugged-Lätzchen überstreift und Authentizität hervorsabbert. Mirel Wagners gleichnamiges Debüt freilich spricht in seiner sinistren Kargheit Bände. No Death beispielsweise ist mehr als eine bis zur Nekrophilie gehende Romanze („She answered to my kiss/ With a rotten tongue„). Es entwickelt sich allerdings weiter, zu einer Kapitulation vor dem Tod („But death comes a sneaking in/ Through the keyholes/ He’s clever and he knows/ What’s beneath the floorboards„). Was geradezu nach Pathos und brüsker Provokation schreit, zumindest aber wie ein groschenheftiges Schauermärchen klingt, offeriert anschaulich Schmerzschwere. Der Tod schleicht durch die ganze Platte, nicht nur gefürchtet, auch in Suiziden umarmt (Joe). Und das keineswegs in morbider Backfischschwärmerei. Das eigentliche Monster türmt sich in Abschieden und Trennungen auf, die ein Tod so verursacht („Down by the road sits a man/ Who’s gray and old/ Says the hardest thing I know/ Is to see your loved ones go„). Wagners kammermusikalischer Folk jammert nicht, aber leidet sehr. Ihr mitunter bluesiger, stets spröder Vortrag (besonders bei Dream) dunkelt die Platte zusätzlich an.

Die Desillusionen von Verzweiflung wiegen schwer, doch sind sie nicht ohne Trost. Weil das Werk Momente einer Veränderung, einer Transzendenz schildert, die vielmehr ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende zeichnen. Wagner verharrt nicht in Tristesse, spitzt Pein vielmehr zu einem Höhepunkt hin („Despair was standing with its jaws open wide/ And swallowed me whole in to the big black night/ All the stars come down tonight„). Bei all den moribunden Liedern schwingt ein unzeitgemäßer Fatalismus mit, entfaltet sich eine existentielle Düsternis, die weit über dem Kummerkastenniveau vieler Songschreiberinnen liegt. Tracks wie The Road oder To The Bone bezeugen diese Schicksalsergebenheit mit einer bedrückenden Klarheit, vor der man als Hörer nicht zurückschrecken sollte.

Machen wir uns nichts vor. Dieses famose Debüt vermag Mirel Wagner höchstens ins Blickfeld derer zu rücken, die in der Kunst eine Annäherung an die substanziellen Fragen des Seins sehen. Wer Musik nach ästhetischen Gesichtspunkten abklopft, gar der durchaus berechtigten Sehnsucht nach Unterhaltung huldigt, dem kann die Schmucklosigkeit der Platte kaum gefallen. Zugleich verprellt Wagner aber auch den Intellektuellen und ARTE-Fetischisten, der rätselschwangere Verkopfung einfordert. Dazu mangelt es dem Werk gleichwohl an theatralischer Verstörung. Kein Makel jedoch, wie ich finde. Eher Qualitätsbeweis.

Mirel Wagner ist am 21.10. Debut auf Bone Voyage erschienen.

Konzerttermine:

12.01.12 Desden – Thalia
18.01.12 Berlin – Privatclub
19.01.12 Hamburg, Zentrale (Thalia Theater)
22.01.12 Zürich (CH) – Sounds Nordic Sounds Good Fest @ X-Tra

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Rezension auf Polarblog.de

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Moribunde Schmerzschwere – Mirel Wagner

  1. Wirklich toller Artikel! Mirel Wagner kannte ich bisher noch nicht und werde mir auf jeden Fall auch mal die anderen Songs anhören.

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